Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 DIEl^ELT No. 47 Russischer Brief (Von unserm Berichterstatter) Der neue Dumapräsident Habemus papam, — wir haben also eine neue Duma. Wie wird sie sich zu uns stellen? Das Material zur Lösung dieser Frage liefern uns die letzten Interviews. Der neue Präsident der Duma wurde zweimal wegen der Judenfrage interviewt: einmal durch den Petersburger Korrespondenten des Wilnaer „Hazman" und ein andermal durch den Korrespondenten der „Rjetsch" — beide Male bevor er zum Präsidenten der Duma gewählt wurde. Als Präsident wäre er vielleicht reservierter gewesen. Was er dem Hazmankorrespondenten sagte, war ein Mittelding zwischen Zeitungsartikel und Feuilleton. Rußland habe größere Fragen, — man solle nicht zu vorlaut mit der Judenfrage poltern, — die Juden würden besser tun, die Frage im stillen als Anhängsel zu andern Fragen zu behandeln, --■ er finde viele Beschränkungen sinnlos, die Juden seien gezwungen, das Gesetz zu umgehen; so z. B. lebten in Smolensk 200 jüdische Zahnärzte, die sich augenscheinlich ihres zahnärztlichen Diploms nur als eines Deckmantels für das Aufenthaltsrecht bedienen, — man müsse viele Ausnahmegesetze aufheben, aber langsam, — er wäre froh, stände er eines schönen Morgens auf und fände keinen einzigen Juden in Rußland, aber da dies nicht zu erwarten sei, müsse man mit der Judenfrage rechnen. — Das waren ungefähr die „Aufklärungen", welche Herr Chomiakow dem besagten Korrespondenten gab. Der Korrespondent begnügte sich damit nicht und fuhr fort: Was denken Sie über jüdischnationale Rechte, über kulturelle Selbstbestimmung? Wie es zu erwarten war, lauteten die Antworten in letzterer Beziehung noch konfuser. „Ja" und „nein"; wir haben eigentlich nichts dagegen, wir kennen's nicht genau" und „es wäre besser, darüber nicht zu viel in der Duma zu sprechen" und dergleichen mehr. Wir fürchten, das einzige praktische Ergebnis dieser Veröffentlichung könnte die 200 jüdischen Zahnärzte in Smolensk unangenehm berühren. Herr Chomiakow wird wohl nicht die Absicht gehabt haben, zu denunzieren, aber solche Zitierungen werden in Rußland mitunter für die interessierte Partei gefährlich. Dem Rjetsch-Korrespondenten gegenüber war Herr Chomiakow wortkarger und bestimmter in seinen Antworten. —- Letzteres Interview fand etwas später statt, kurz vor der Dumaeröffnung, und Herr Ch. mag schon seine Wahl vorausgeahnt haben. Er äußerte sich kurz dahin, er sei für die Aufhebung des Ansiedelungsrayons. Die Stellung der Weißrussen Unter den Posaunenstößen, die das Jericho des Ansiedelungsrayons stürzen sollen, donnert auch eine Stimme der Weißrussen. Sie klingt rauh. Das Ansiedelungsrayon — rufen die Weißrussen in einem ihrer offiziellen Organe — ist eine künstliche Konzentration der Juden in einer gewissen Gegend. Man oktroyiert uns die Juden auf, um von ihnen in Großrußland frei zu bleiben. Damit geschieht uns ein Unrecht. Warum sollen wir die ganze Last auf unseren Schultern tragen? Und in diesem Sinne geht es weiter. Die Weißrussen sind die Bewohner einiger Teile Litauens, des Gouvernements Witebsk und der angrenzenden Bezirke, meistenteils Bauern, die in letzter Zeit, da sie einen eigenen Dialekt und manche eigene Traditionen haben, gewisse separatistisch-nationale Bestrebungen an den Tag legen. Ihre Zahl beträgt einige Millionen; genau läßt sich ihre Ziffer aber nicht feststellen, weil noch nicht alle Weißrussen, wie es in Rußland heißt, „zum Bewußtsein gekommen sind". Aber sie beteiligen sich schon am Nationalitätenkampf und stehen den Großrussen, den Polen und Litauern feindlich gegenüber: gegen die Großrussen wendet sich ihr Haß als gegen die Regierenden, gegen die Polen ist es das Klasseninteresse, das sie in einen großen Gegensatz stellt, — die Polen sind dort meistens Gutsbesitzer, während sie, die Weißrussen, meistens Bauern sind —■ und gegen die Litauer ist es eine gewisse Rassenantipathie, die sie von letzteren fernhält. Der aufstrebende nationale Geist der Weißrussen ist noch zu jung, als daß man schon jetzt imstande wäre, ihn richtig zu erfassen. Nun erscheint zum erstenmal eine gewisse Stellungnahme dieser kleinen Nationalität zur Judenfrage, und dieser Umstand verdient eine tiefere Beachtung. Um die antisemitisch klingende Motivierung der Weißrussen zu verstehen, muß man die Lage in der Gegend, in der die Weißrussen wohnen, genau kennen. Viele Weißrussen wohnen hart an der Grenze des Ansiedelungsrayons und haben die Gelegenheit täglich, ja stündlich die Anomalie dieser Mißgeburt bureaukratischer Borniertheit zu beobachten. Witebsk liegt im Ansiedlungsrayon, Smolensk außerhalb desselben. Das sind große Städte, - - aber in den Dörfern ist die Linie sehr genau gezogen. Einerseits: Rayon, anderseits: „Das innere Rußland". Die kleinen Städtchen an diesen Grenzen sind überfüllt. Die aus Rußland ausgewiesenen Juden kommen zuerst hierher. Zwar ist es nur ein Durchzug, aber es macht den Eindruck, als ob es eine permanente Ablagerungsstätte für die emigrierenden Elemente wäre. Man darf nicht vergessen, daß manche aus dem Inneren Rußlands ausgewiesene Juden nie im Ansiedelungsrayon gelebt haben. Während der großen Austreibung aus Moskau waren viele, die weder selbst je im Rayon waren, noch irgendeinen Bekannten oder Verwandten dort hatten. Daß sich diese Unglücklichen, die nicht jung und unternehmungsfrisch genug sind, weite Reisen zu machen, in der Nähe dieser Grenzen niederlassen, ist nur natürlich. Selbstverständlich sind es auch nicht die tatkräftigeren Elemente, sondern das Gegenteil ist der Fall. Bei den Weißrussen muß diese permanente Erscheinung den Eindruck machen, als ob die Regierung die jüdischen Massen absichtlich auf sie wälzte, um die Großrussen davon zu entlasten. Daß die Juden auch unter den Weißrussen ein Faktor eines wirtschaftlichen Aufschwungs geworden sind und ein Element für die Entwicklung von Handel und Verkehr in sich schließen, — werden die Weißrussen kaum in Abrede zu stellen versuchen. Das schließt aber nicht aus, daß der Zuzug von Ausgewiesenen die Armut vermehrt und eine intensivere Konkurrenz herausfordert. Die Weißrussen haben auch ihre Vertreter in der jetzigen Duma, und diese werden wahrscheinlich im Sinne dieser Ausführungen sprechen. Mißstimmung unter den Letten Die Letten galten bis jetzt fast durchweg als judenfreundlich. Als kleine unterdrückte Nationalität dürften sie — sagte man ein gemeinschaftliches Interesse mit den Juden an dem Kampf für die Rechte der Minderheiten haben. Während der Wahlkampagne für die erste und zweite Duma schlössen auch wirklich die Letten ein Bündnis mit Juden und fortschrittlichen Russen. Das war auch bei der letzten Wahlkampagne der Fall; dank einer solchen Kombination wurde seitens der Juden der Rechtsanwalt Nisselowitsch gewählt, anderseits verhalfen die Juden zu der Wahl einiger Letten. Es schien, als ob beide Parteien zufrieden sein könnten; nun lassen sich aber Proteste seitens der lettischen Reform- und Volkspartei hören. Sie geben ihrem großen Bedauern, einen Juden unterstützt zu haben, Ausdruck. Es wird da die Judenherrschaft in den schwärzesten Farben geschildert (falls die Letten fortfahren sollten, „jüdische Politik" zu fördern). Die Herren wollen offenbar ihre Volksgenossen das Gruseln lehren. Der Grund hierfür liegt darin, daß sich die Letten untereinander auch in verschiedene Parteien teilen. Bis jetzt war die radikale Partei maßgebend und beherrschte die Situation; jetzt beginnt eine Schwenkung nach rechts, und die konservativen Parteien kommen mehr und mehr zur Geltung. Das ist für die Zukunft bemerkenswert, hat aber keine Bedeutung für die jetzige Duma- Vertretung. Die Stellung der polnischen Abgeordneten der dritten Duma zur Judenfrage Nicht auf Grund der Erklärungen des Herrn Roman Dmowski. der alles mögliche schon erklärt und widerrufen hat, sondern au? Grund einer genauen Kenntnis der ganzen Situation können wir mit Sicherheit behaupten, daß für den Fall, wenn die Judenfrage in der jetzigen Duma aufgerollt werden sollte, sämtliche polnischer Deputierte sich für die Gleichberechtigung aussprechen würden. Bei dieser Gelegenheit werden sie hervorheben, daß es in Polen keine Judenfrage gibt, daß die polnischen Könige seit jeher usw. Sie müssen es tun: 1. aus Opposition gegen die Regierung; 2. um in ihrem Lande nicht als Reaktionäre zu gelten; 3. um ihren nationalen Stolz zu befriedigen und zu zeigen daß sie, die Vertreter einer älteren Kultur, schon langt.' die Juden gleichberechtigt haben, und vor allem, weil sie dabei nichts verlieren. Sie wissen garn genau, daß die Aufhebung des Ansiedelungsrayons die Haupt grundlage der Gleichberechtigung bildet. Nun sind sie schon aus egoistischen Interessen, ganz wie die Weißrussen, gegen einen Konzentrationsrayon. In Polen selbst werden sie schon — so denken die Leute —- durch ihre national-soziale „Selbsthülfe" dafür sorgen daß die jüdischen Bäume nicht in den Himmel wachsen, — da kann Galizien als Vorbild dienen. Sie werden die anständigen Leute sein und nichts dabei verlieren. Ob auch die polnischen Abgeordneten, die nicht in Polen, sondern in anderen Teilen Rußlands gewählt worden sind, sich auf denselben Standpunkt stellen werden, ist fraglich. Ein großer Teil wird es wohl tun. Ob dies aber ein Übergewicht zugunsten der Juden geben wird, muß bezweifelt werden.