Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4 DIE3^ELT No. 47 Er erfährt noch etwas. Zu Herrn Dr. Schmarja Lewins Vorträgen gingen die Leute nicht aus Zionismus, sondern um ein leibhaftiges Dumamitglied zu sehen. Es ist ebensogut möglich, daß einige hingegangen sind, weil man bei ihnen zu Hause den Fußboden gerade an jenem Tage gewaschen hat. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß sich einige Männlein und Weiblein dort ein Stelldichein gegeben haben. Sollte Herr Dr. Fishberg letztere Behauptung aufstellen, so könnten wir das Gegenteil auch nicht beweisen. Das Gedankenlesen bei den Massenmeetingbesuchern ist ein zu schlüpfriger Boden. Das scheint auch der Nierenforscher der amerikanischen Juden empfunden zu haben, und deshalb ist die Statistik, die er sich in diesem Punkte leistete, sehr mangelhaft. Es fehlen die Daten, wieviel Prozent zu den Meetings erschienen sind, um Herrn Schiff zu sehen, wieviel — um Herrn Lewin zu sehen, wieviel — um ihn zu hören, wieviel — weil das Wetter schön war usw. Genau ist nur der buchhalterische Teil. Sollten wir in Not geraten und den Zionismus als Wertobjekt in einer Leihanstalt versetzen sollen, so werden wir wissen, wieviel wir „pumpen" können. Ein Amerikaner erzählte mir, zwei seiner Landsleute seien einmal in einer amerikanischen Stadt auf der Straße spazieren gegangen. Der eine bemerkte einen alten, offenbar leidenden und armen Mann. Er war gerührt und sagte: A dreadful sight! How I pity him! (ein schrecklicher Anblick! — ich bemitleide ihn sehr). Darauf der andere : But how much do you pity him (aber wieviel bemitleiden Sie ihn?) Zur Antwort nahm der erstere einen Dollar aus seinem Beutel und sagte : I pity him one dollar (ich bemitleide ihn — einen Dollar) und gab dem Armen den Dollar. Diese Methode des Fragestellers wendet Herr Dr. F. auch auf den Zionismus an. Man nennt es amerikanisch, doch glaube ich, daß es nur eine gewisse Abart des Amerikanismus ist, etwa amerikanisch-peddlarisch, bestenfalls business-artig. So taxieren Wechselbudenbesitzer, Leihämter, höchstens auch Ehevermittler den Wert der Individuen und der Gesellschaften. Ob man nationale Bewegungen mit diesem Maßstab messen darf, möchte ich bezweifeln. Aber nachdem Herr Dr. Fishberg das finanzielle Kriterium als das entscheidende Moment in den Geschicken des jüdischen Volkes aufgestellt hat, wird es gut sein, wenn er in dieser Richtung fortfährt. Her mit dem Beutel! Die Moses und die Josuas, die Jesaias und die Jeremias, die Esras und die Makkabäer, die Bar Kochbas und die Jehuda Halevis —, wir müssen euch zählen und die Taschen untersuchen! Sind sie viel wert? Ich fürchte, ein mittelreicher amerikanischer Schneider besitzt mehr. Sind sie überhaupt zahlreich? Ich fürchte, ein Athlet zweiten Ranges könnte sie auf seinen Schultern tragen. Wie stark die Begründer des zweiten jüdischen Staates waren, weiß man ungefähr aus den Büchern Esras und Nehemijas — Prof. Friedrich Delitzsch hat erst in seinem Vortrag, den er in den letzten Tagen in Berlin gehalten hat, den Nachweis erbracht, daß die große Mehrheit des Volkes im Exil zurückgeblieben war, — aber wie viel sie besaßen, möchte vielleicht Herr Dr. Fishberg ausrechnen. Und wenn er schon beim Rechnen ist, möchte er doch auch berechnen, wieviel die ersten Christen besaßen, wie groß das Kapital des Humanismus, der Reformation oder der ersten Pioniere Amerikas war. Eine genaue Kassenrevision würde den Lippen des gestrengen Schatzmeisters das schreckliche Wort „Dalles" entlocken. Alle diese weltgeschichtlichen, kulturellen und nationalen Bewegungen hatten so kleine Häuflein von Menschen in ihren Anfängen erfaßt und waren so bettelarm, daß ein moderner Amerikaner, der Monstremeetings und 18stöckige Häuser sieht und von den Milliarden der Tammany-Hall hört, mit geringschätzendem Lächeln an ihnen vorübergehen würde. Ja, der kleinste Trust besitzt mehr, und was die Menschenmasse anbetrifft, so kommen an einem Sonntag zu irgendeinem Schaustück in New-York viel mehr Menschen zusammen. Ich kenne ein Buch, in dem auf sechs Oktavseiten nachgewiesen wird, daß das Geld nützlich ist. Unter uns zweifelt niemand daran, und deshalb wäre es langweilig, bei dieser Gelegenheit auszuführen, daß der Zionismus tausendmal so viel Schekel und eines großen Parteifonds bedarf, daß es Pflicht ist usw. Das ist unsere interne Sache. Für gewisse praktische Zwecke braucht der organisierte Zionismus mehr und wird auch die Mittel finden müssen. Aber den Zionismus, das Sichbewußtwerden, das Erwachen, die historische Tradition, den Freiheitsdrang einer Nationalität nach der Rechenschablone abzuschätzen, erinnert an den litauisch-jüdischen Witzbold Mordche Chabad, dem der Scherz zugeschrieben wird, das „Nes" (Wunder) des Jetzyas Mitzraim" (Auszug aus Ägypten) sei so groß, wie die Zahl der Klöße, die in Wilna am Pessachfest von Juden verzehrt worden sind. Es gebührt nur den Newtons, im Sturze eines Apfels, wie den Eratosthenes', in dem tiefen, am Mittage des längsten Tages erleuchteten Brunnen die Ordnung des Weltalls und die Erdmessung zu finden; andere mögen sich immer an den Apfelbiß und ans Wasser halten und die Vorsehung walten lassen. Wenn man den Zionismus tiefer empfindet und begreift, kann man sich kaum darüber aufregen, daß bald Protestrabbiner, bald Protestmillionäre und Kassenrevisoren ihre tausendmal wiederholten Einwendungen machen. Es sind nur Äußerungen einer Unsicherheit, einer Beklemmung, eines vorübergehenden Mißverständnisses. Sie sind alle Zionisten, sofern sie Juden und um die Fortdauer des jüdischen Volkes besorgt sind, nur sind sie nicht organisiert, verhalten sich skeptisch und warten bis sie etwas Konkretes sehen werden. In dieser Beziehung ist der neue taxatorische Angriff bezeichnend. Es sind nur — meint Herr Dr. F. — 12 000 Schekelzahler in Amerika; wären es 500000, so wäre der Zionismus gut, — und wer weiß, ob der gute Mann dann nicht auch mittun würde. Ich wundere mich deshalb nicht, daß man ihm einen Schekel angeboten hat; ich würde es vielleicht noch jetzt tun. Und wenn es heißt, Amerika habe 12000 Zionisten, so bin ich schier versucht hinzuzufügen — und noch einen. Denn ist der Antizionismus nicht eine komische Fiktion? Er ist es nicht nur bei denjenigen, die bewußt und grundsätzlich ein Aufgehen des jüdischen Stammes in der Menschheitsmasse anstreben; bei den Protestlern ist es nur ein Schmollen und Nörgeln — bis zu einer gewissen Zeit. Möchte doch der Taxator den Spieß umdrehen und die 1988000 amerikanische Juden auf ihr Yankeetum genau prüfen! Möchte er es doch versuchen, eine assimilatorische Organisation von größerer Massenkraft zu schaffen, wenn möglich, mit einer Kopfsteuer, mi<