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Die Welt · 1907-11-22 · 47 (22.11.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 22. November 1907 plin1? üWtf T}DD No. 47. EIN TAXATOR Herr Dr. Fishberg mag vielleicht recht haben: unter den zwei Millionen Juden Amerikas gibt's kaum 12000 — 10000 —, meinetwegen 6000 Schekelzahler. Und noch mehr: nicht alle Schekelzahler sind erwachsene und überzeugte Zionisten. Herr Dr. Fishberg selbst, ein Urarnerikaner, wurde auch mehreremal angegangen, den Schekel zu zahlen, trotzdem die Tatsache in zionistischen Kreisen bekannt sein dürfte, daß die Vorfahren dieses waschechten, autochthonen Yankees zusammen mit Kolumbus in Amerika gelandet sind. Das beweist, daß man es mit dem zionistischen Examen der Schekelzahler nicht sehr genau nimmt. Aber auch angenommen, daß es lauter gesinnungstüchtige Zionisten sind, die den Schekel zahlen, stellen sich im besten Fall die Zifferverhältnisse folgendermaßen dar: 12000 Zionisten — 1 988000 Antizionisten. Herr Schiff, Sie mögen ruhig sein! Ich weiß nicht, ob diese Beschwichtigungsstatistik Herrn Schiff vollständig beruhigen wird. Ich bin eher geneigt anzunehmen, daß Herr Schiff die Dinge tiefer als der zahlenkundige Dr. Fishberg auffaßt. Die Rollen sind hier vertauscht. Der Riesenfinanzmann, der doch gewohnt sein dürfte, alles zu taxieren, erkennt in den Stimmungen und Strömungen der öffentlichen Meinung, n den feinen Regungen der Volksseele die Anzeichen rines Umschwunges, die Vorboten des Siegeszuges eines neuen Geistes, und hält es für notwendig, gegen diesen Geist mit den Waffen seiner Anschauungen und Vrgumente loszuziehen; Herr Dr. Fishberg hingegen erscheint mit dem Rechenstift in der Hand, schüttelt ■Jen zionistischen Beutel, zählt sogar die Nickelmünzen, berechnet ihren Wert nach dem letzten Börsenkurs, ehätzt schier wie ein Gerichtsvollzieher das Inventar ind das Mobiliar ein und, zieht die Bilanz wie ein musterhafter Taxator — und siehe! — es ist gar nicht ■!er Mühe wert, gegen den Zionismus zu kämpfen. Er fragt, wie ein richtiger Amerikaner: how n\ch is he worth? (wieviel ist er wert?) Und da ie Summe eine lächerlich kleine ist, wendet er einem wichen, „beggar" (Bettler) den Rücken wie ein hochmütiger Krösus. Wieder eine Rollenverwechslung mit rierrn Schiff. Was Herr Schiff tun dürfte, tut Herr Dr. Fishberg; was Herr Dr. Fishberg tun dürfte, tut Herr Schiff. Eine verkehrte Welt. Ich mußte lachen, als ich in dem „Hazman" eine Korrespondenz las, in der diese Polemik samt den durch sie an den Tag geförderten Entdeckungen furchtbar tragisch behandelt wurde. Amerika neu entdeckt — wo ist der Zionismus? — Nur 12000 — 10000 — 6000 Schekel! Würde der zartbesaitete Berichterstatter dieses Kalkülsystem auf Berditschew, Krakau, Brody, Budapest usw. anwenden, so wäre er gegen die Wucht der Fishbergschen Enthüllungen durch eine gewisse Immunität gepanzert. Aus jedem Berichte, aus jedem Protokoll des kleinsten zionistischen Vereins konnte man Ähnliches erfahren. In denöffentlichenDisputationen, die in irgend einem „Schnyppyschok" über Nationalität, Assimilation, Klassenkampf u. dgl. stattfinden, — ist das Niveau der Beweisführung höher. Es könnte ja auch in „Schnyppyschok" dieses Zifferverhältnis des Schekels zu der jüdischen Bevölkerung als eine Kanone ins Feld geführt werden, aber die disputierenden Knäblein finden es zu kindisch. Nur wenn diese Sache amerikanisch gemacht wird, so ist sie eine Entdeckung, ein Tamtam, ein Ereignis. Ich kannte einen kleinen jüdischen Wurstfabrikanten in Polen. Er war arm und mußte nach Amerika auswandern. Seine Würstel sind ebenso gut oder ebenso schlecht in Amerika wie in Polen, aber er ist ein „general dealer" (in seinem Städtchen denkt man, er sei in Amerika General geworden), rauscht mit Plakaten, sein Porträt schmückt die Zeitungsspalten. Das machen die riesigen Typen, die hochtrabenden Worte, das Blendwerk, der „Bluff". Bedurfte man einer Offenbarung, um zu erfahren, wieviel die Zahl der Schekel in Amerika beträgt? Tausendmal wurde es wiederholt, und jedes Kind konnte es wissen. Aber in Amerika kann man daraus Reklame machen, daß ein Storch einen langen Schnabel hat; es muß nur in entsprechender Weise ausgeschmückt, aufgebauscht, mit entsprechenden Typen und so viel Überschriften als möglich gedruckt, in 500 zweiellenlangen Zeitungen reproduziert und ausgetrommelt werden. Dann erst erfährt ein Korrespondent, daß nur so und so viele Schekelzahler vorhanden sind; früher hat er es nicht gewußt! l*

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