Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Verbotener Turnunterricht Warschau, lO.November. Die jetzige Reaktion macht sich am. meisten der jüdischen Bevölkerung fühlbar. In den. Statuten' des Vereins zur Verbreitung der Elementarbildung unter den Juden ist vom Warschauer Generalgouverneur der Paragraph über denj Turnunterricht gestrichen worden, offenbar, weil ein körperlich besser entwickelter Jude der Regierung gefährlich sein könnte. Die Echtrussen und der Zar Petersburg. 9. Nov. Von informierter Seite wird berichtet, daß Dr. Dubrowin vom Fürsten Orlow sehr huldvoll empfangen und ihm eine Audienz der Vertreter des Verbandes echtrussischer Leute beim Zaren in Zarskoje-Selo zugesichert worden ist. Das Programm des Dumazentrums Petersburg, 12. November. Das politische Bekenntnis, mit dem die Fraktion des Oktoberverbandes vor die Reichsduma treten wird, um ein starkes Zentrum zu bilden, ist durchaus reaktionär und enthält u. a. folgendes: Der Oktoberverband strebt die volle Restitution der Autorität und der wirklichen Macht der Staatsgewalt auf dem Wege einer Einigung des Monarchen mit dem Volk auf der Basis des Oktobermanifestes an. Die Oktobristenfraktion ist gegen die Gleichberechtigung der Juden und für die Aufhebung partieller Rechtsbeschränkungen, gegen di6 Durchsicht der Grundgesetze, gegen die Durchsicht des Wahlgesetzes, solange die Duma sich nicht durch Durchführung wichtiger Reformen die Autorität im Lande gesichert und die Beruhigung des Reiches herbeigeführt hat, gegen jede Art antonomer Bestrebungen einzelner Teile des Reiches, welche die Staatsgewalt dezentralisieren. Dieses Programm hat im Prinzip die Billigung der Regierung gefunden und wird daher mit geringen Abänderungen dem künftigen Dumazentrum als Leitschnur dienen. Die gemäßigte rechte Gruppe hat über dieses Programm beraten und die Erklärung abgegeben, daß sie mit dem Oktoberverband Hand in Hand gehen wolle. Ein Wohltätigkeitsakt des Sultans Von einem neuen Beweis des Wohlwollens des Sultans gegenüber seinen jüdischen Untertanen wird aus Konstantinopel berichtet. Ein ehemaliger Lehrer einer Schule der Alliance Isra61ite, Vater von zehn Kindern, war in tiefste Armut geraten. Um sein Unglück voll zu machen, wurde eine der Töchter lebensgefährlich krank. Ärztliche Behandlung und Medikamente konnten infolge Mangels aller Mittel nicht besorgt werden. In ihrer Verzweiflung wandte sich die Mutter, gleichfalls,, eine Lehrerin einer Alliance-Schule, telegraphisch an den Sultan und bat um Beistand. Gegen Mitternacht desselben Tages trafen zwei Ordonnanzoffiziere des Sultans ein und händigten dem Vater eine größere Summe ein. Zugleich ließen sie die Erkrankte in das Kaiserliche Hamidieh-Hospital überführen, wo sie bis zu ihrer Wiedergenesung kostenfrei verpflegt wird. Drei Tage später sandte der Sultan einen andern Ordonnanzoffizier, um sich über die Lage der Familie zu erkundigen. Auf Grund dieser Informationen verfügte der Sultan, daß sämtliche zehn Kinder unter seinen allerhöchsten Schutz gestellt und auf seine Kosten erzogen werden sollten. Demgemäß verfügte der Unterrichtsminister sofort, daß drei der Kinder in höheren Schulen untergebracht würden, zwei sollen zur Vervollkommnung ihrer Studien ins Ausland gesandt werden, und die übrigen fünf werden in Elementarschulen in Konstantinopel erzogen werden. Die Freude der Eltern und ihre Dankbarkeit gegen ihren Herrscher vermag man sich nach dem Obengesagten wohl vorzustellen. Marokko Die Situation in Marrakesch ist mehr und mehr bedrohlich geworden und unsere Brüder sind weit entfernt davon, sich der Ruhe zu erfreuen. Dafür ist folgender Vorfall bezeichnend, der sich vor kurzem zutrug. Eine Anzahl von Leuten des Stammes Schorfa aus Tasilalt gerieten in Streit mit einigen Angehörigen der Sekte der „Blauen Männer", Fanatiker, die vom Sultan Abdul el Aziz ungezählte Wohltaten empfangen haben, jetzt aber sehr erbittert auf ihn sind. Der Streit begann in der Mehallah. Ein Jude war gerade dabei, einem Kunden, einem Sherif aus Tasilalt, Konfekt abzuwiegen. Ein „Blauer Mann" kam vorbei, ergriff eine Handvoll der dem Juden gehörenden Konfitüren und begann sie wohlgemut zu verzehren. Es war im Monat Ramadan, während dessen die Gläubigen bekanntlich tagsüber ein strenges Fasten beobachten. Ist schon eine solche Gotteslästerung überaus ungewöhnlich, so wurde sie noch schlimmer, weil sie auf offener, belebter Straße vor sich ging, und wie es schon zu gehen pflegt, die Leichtfertigkeit des „Blauen Mannes" in bezug auf die Erfüllung seiner religiösen Pflichten wäre dem Juden beinahe teuer zu stehen gekommen. Der Tasilalte stürzte sich in heiligem Eifer auf den Frevler. „Was," schrie er, „du wagst es, den Ramadan zu entweihen?" Die Auseinandersetzung lockte bald eine große Menschenmenge herbei und im Augenblick war eine Schlägerei im Gange. Wenn solche Dinge in den Straßen des Ghettos einer großen maurischen Stadt vorkommen, sind sie gleich mit Tausenden wilder Stammesangehöriger und Hunderten gesetzloser Straßenräuber erfüllt, die alle den Vorteil des Augenblicks benutzen wollen. Schon begannen die Juden, in Scharen die Stadt zu verlassen im Bewußtsein dessen, was ihnen drohte, und in Erinnerung an die entsetzlichen Ereignisse von Casablanca. Indessen, noch einmal wurde die Mellah gerettet. Der erste Schritt in dieser Hinsicht ging vom Gouverneur aus. Er entsandte eiligst Boten zum neuen Sultan und schloß und verrammelte selbst mit Hilfe einiger Gefolgsleute die Tore des Ghetto und verhinderte derart ein Umsichgreifen der Exzesse. Indessen innerhalb des Ghettos konnte er nichts ausrichten und gerade dort tobte der Straßenkampf. Muley Hafid, der als Vizekönig zur Zeit der Ermordung des Dr. Mauchamps das jüdische Viertel gerettet hat, zeigte sich diesmal nicht weniger eifrig. Kaum hatte er in seinem Palast Kunde von den Ereignissen erhalten, als er sofort seinen Ministern entbot, die Mellah zu retten, keine Minute sei zu verlieren. Mit einer ganz ungewöhnlichen Schnelligkeit, für die die Juden dem Muley Hafid nie dankbar genug sein können, entsandte er seinen Kriegsminister mit einer kleinen Kavallerieschwadron und 500 Mann Infanterie. Diese durchzogen das ganze Viertel und gebrauchten ihre Waffen mit solchem Effekt, daß nach wenigen Minuten kein einziger Araber mehr im jüdischen Viertel zu finden war. Die Militärwache blieb noch den ganzen Tag und die folgende Nacht im Mellah auf Wache, bis vollständige Ruhe eingetreten war. Nachher zählte man zwölf Tote; ein Beweis, wie ernst es herging. Jüdische Volkskunde Köln. Der zweite Abend innerhalb des hier eingerichteten Kursus für Jüdische Volkskunde fand am Mittwoch den 6. d. statt. Herr S'okolow behandelte dieses Mal die Samaritaner. Er brachte^seine Ausführungen in novellistischer Form vor, indem er an eine Unterredung anknüpfte, die er seinerzeit mit dem Erzpriester der Samaritaner in London gehabt hat. Es lag eine eigentümliche Stimmung über der Versammlung, die den nicht nur interessanten, sondern auch poetisch-schönen Schilderungen des Referenten mit ungeheuchelter Teilnahme folgte. Es ist jetzt schon erwiesen, daß dieser Kursus, nicht zum wenigsten dank der ausgezeichneten Qualitäten des Vortragenden, sich einen festen Platz in der jüdischen Gemeinde Köln gesichert hat. Am Dienstagabend fand der erste Unterrichtsabend des in Zusammenhang mit dem obenerwähnten Kursus stehenden hebräischen Sprachkursus statt. Der Leiter des Kursus, Herr D. Frankfurter, gab zunächst einige Erklärungen über die von ihm für diesen Kursus angenommene Berlitz-Methode und führte in einigen Beispielen an, wie einfach diese Methode gegenüber der bisherigen auch für Erlernung der hebräischen Sprache ist Dem ersten Abend wohnten schon ca. 20 Personen bei; es ist zu erwarten, daß sich diese Zahl noch vergrößern wird. Ausstellung jüdischer Künstler und jüdischer Altertümer in Berlin Am Freitag den 15. d., wird in der Galerie für alte und neue Kunst in Berlin (Wilhelmstr. 45) die Ausstellung jüdischer Künstler und jüdischer Altertümer eröffnet werden, die vom „Verein zur Förderung jüdischer Kunst" arrangiert wurde. Dank der Liebenswürdigkeit des leitenden Komitees war es dem Schreiber dieser Zeilen möglich, schon einige Tage vorher einen Blick in die Ausstellungsräume tun zu können, wo — wie immer in solchen Fällen — alles, noch so sehr im Stadium der Vorbereitung steckt daß nur ein geübteres Auge die künstlerische Welt, die sich am Freitag blitzblank repräsentieren wird, sich vorahnend mehr oder minder lebensgetreu konstruieren kann. Meister Pilichowski, dessen feiner Geschmack für „Innendekoration" sich auf dem letzten Kongreß so sehr bewährt hat und der auch hier in anstrengendster Arbeit die äußere Einrichtung, die „Harmonierung", besorgt, hilft uns in liebenswürdiger Weise bei der ersten Orientierung. Die Ausstellung wird — das sei schon von vornherein gesagt — kein umfassendes Bild des Schaffens der zeitgenössischen jüdischen Künstler bieten; dazu ist sie, obwohl verhältnismäßig zahlreich beschickt, auch nicht annähernd umfangreich genug. Vielleicht war das auch gar nicht beabsichtigt. Wenn aber die Ausstellung nur eine erste versuchsweise Übersicht bietet, sozusagen eine kleine