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Die Welt · 1907-11-15 · 46 (15.11.1907) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 21)
Language
German
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jüdischen Organisationen, sobald sie in die Öffentlichkeit treten, das heißt, sobald sie ihren Standpunkt als Juden den Nichtjuden gegenüber zu vertreten haben, nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen und stets entweder Anstoß erregen oder sich ohne Würde zeigen. Es ist nicht nötig, hierfür Beispiele zu bringen, — sie sind nur zu bekannt. Diese Unklarheit also, die daraus entsteht, daß die meisten Juden die Frage: warum sind wir Juden? nicht beantworten können oder nicht folgerichtig beantworten wollen, diese Unklarheit hindert fast alle großen jüdischen Organisationen daran, etwas Wirkliches, etwas Entscheidendes zur Lösung der sozialen Judennot zu tun. Um wie viel hinderlicher muß sie wirklichen Erfolgen einer jüdischen Frauen Organisation sein? Frauen, welche ihrer Natur nach mehr im Affekte, mehr dem Gefühle nach handeln, und welche durch ihre bisherige Geschichte gezwungen waren, ihr Gehirn über die Motive ihrer Handlungen nicht nachdenken zu lassen. Und jüdische Frauen, welche im allgemeinen ebensowenig Ahnung von jüdischer Wissenschaft haben, wie sie sich bemühen, fremde Kultur in sich aufzunehmen. Also um erstens als Frau und zweitens als jüdische Frau in die Öffentlichkeit zu treten, sind vor allem zwei Dinge nötig, welche die Frau im allgemeinen heute noch nicht in dem Maße besitzt wie der Mann, und die jüdische Frau im besonderen mehr entbehrt als jede andere. Das erste Ding ist Logik, scharfe klare Gewißheit darüber, warum bin ich Jüdin, warum sondere ich mich als Jüdin von den anderen ab, um sozial zu arbeiten, wie vertrete ich mit Würde und Deutlichkeit meinen Standpunkt als separiert arbeitende Jüdin den andern gegenüber? Das zweite Ding ist jüdische Wissenschaft, ist die Pflicht einer jeden, sich zu öffentlicher Arbeit bewußt separierenden Jüdin, die notwendige Pflicht, über die Kultur ihres eigenen Volkes, mindestens ebenso Bescheid zu wissen wie über die Kultur des Landes, in dem sie lebt. Dann wird es nicht mehr vorkommen können, wie es auf diesem Delegiertentag so oft geschah, daß jüdische Frauen, ja sogar die leitenden jüdischen Frauen des Bundes, von der Tribüne herunter Unwissenheit verratende, den Geist des Judentums verkennende Bemerkungen in die Welt schicken; dann wird es nicht mehr vorkommen können, daß uns Nichtjuden über die hohe Stellung der Frau im Judentum und über die Weisheit der jüdischen Gesetze aufklären müssen, währenddem jüdische Frauen und Leiterinnen einer jüdischen Organisation die Größe unserer jüdischen Kultur nicht nur nicht kennen, sondern sie sogar leugnen. Dann wird es nicht mehr vorkommen können, daß sich so vieler Teilnehmer des Kongresses das Gefühl bemächtigt, dieser Bund hat keine bestimmte Gestalt, er ist ein jüdischer Bund, und doch kein jüdischer. Er ist ein deutscher Bund, und doch kein deutscher. — Ich gebe jedoch der Hoffnung Ausdruck, daß dieses verkrüppelte Kind - - wie so viele andere — sich in der reinen klaren Luft des bewußten Standpunktes, daß wir Juden ein Volk für uns sind, bald zu schönem wohlgestaltetem Wüchse entwickeln wird, — denn vor 10 Jahren wäre selbst solch ein jüdischer Frauenbund eine Unmöglichkeit gewesen. Noemi Baneth '^^/T^ ^IS^^l o°o NACHRICHTEN °°o *__- _J7^^—^ Nachrichten aus Palästina Infolge der starken jüdischen Einwanderung sind bekanntlich in Jaffa die Preise für Wohnungen außerordentlich gestiegen. Es herrscht ein großer Wohnungsmangel, so daß viele Neuankömmlinge gezwungen sind, in Hotels zu wohnen, weil sie keine Wohnung finden können. Viele bezahlen die Wohnungsmiete auf ein oder gar zwei Jahre im voraus, um ja der Gefahr einer Kündigung zu entgehen. Mit diesen Geldern bauen jetzt die Araber neue Häuser, die sie dann später wieder für teures Geld an die Juden vermieten werden. Selbst das jüdische Gymnasium konnte eine Zeitlang kaum eine entsprechende Wohnung finden, so daß es tatsächlich in Gefahr war, geschlossen werden zu müssen. Die Häuserbaugesellschaft Achuzath Baith hat daher ein reiches Feld der rätigkeit vor sich. Vor kurzem weilte bekanntlich Dr. Chaim Weitzmann, Mitglied des A. C, in Palästina, Er studierte im Auftrage einer europäischen Gesellschaft die Frage der Gewinnung gewisser Blumenessenzen. Wie nun verlautet, haben seine Untersuchungen ein gutes Resultat gehabt. Zunächst soll die Gründung zweier Fabriken zu diesem Zwecke geplant sein. Die Gesellschaft „Athid" beabsichtigt, in Lydda eine zweite Seifenfabrik zu gründen. Der Handwerkerverein „Jehia Kapajim" in Jerusalem hat den Ankauf weiterer Bauplätze, beschlossen, um darauf neue Häuser für die Mitglieder der Gesellschaft zu bauen. Den Bodenpreis müssen die Reflektanten sofort dem Vereine zurückbezahlen, während ihnen die zum Bau der Häuser erforderliche Summe auf längere Zeit geliehen wird und in Raten abgezahlt werden kann. Der Verband hat während seiner siebenjährigen Existenz eine sehr rege Tätigkeit entfaltet. Unter anderm hat der Verband eine Darlehnskasse gegründet und in jeder Hinsicht die materielle Lage der Handwerker in Jerusalem gefördert. In Hebron, wo bekanntlich die Anglo Palestine Company neuerdings eine Filiale eingerichtet hat, wurde ein Verein „Eschkol" gegründet, der bezweckt, die jüdische Jugend dem Handel zuzuführen. Bisher ernährte sich diese lediglich aus der Chaluka. Die Gesellschaft wird sich hauptsächlich mit dem Getreide- und Weinhandel befassen und wird von der Filiale der Anglo Palestine Company unterstützt. In Kairo soll demnächst eine große hebräische Zeitung erscheinen. Als ihr Herausgeber wird ein Herr Almelich fungieren, der früher Lehrer an einer palästinensischen Alliance-Schule war. Aus der sächsischen Kammer Dresden, 8. Nov. Der antisemitische Abgeordnete Zimmermann wandte sich gestern gegen eine Mitteilung des Justizministers Dr. v. Otto an die Ausschüsse für Auswahl der Schöffen und Geschworenen, in der darauf hingewiesen wurde, daß es verfassungswidrig sei, grundsätzlich Juden von diesen Ehrenämtern auszuschließen. Vor Eintritt in die Tagesordnung ergriff der Justizminister heute in der Zweiten Kammer das Wort, um nachdrücklich zu betonen, daß die grundsätzliche Ausschließung eine Ungerechtigkeit sein würde, denn es gelte , bei uns das gleiche Recht für alle ohne Unterschied der Kpnfession. Es sei daher völlig hinfällig, ihm den Vorwurf zu machen, er habe mit jener Mitteilung in die Selbständigkeit der Ausschüsse eingegriffen. Der Prozeß in Sanok Am 31. Oktober fand der Prozeß gegen die 31 Juden aus Litrinek, die eine Selbstwehr organisiert 'hatten, seinen Abschluß. Ueber 50 Zeugen sind zur Verhandlung erschienen. Ihre Aussagen waren für die Angeklagten ungünstig, trotzdem die meisten Aussagen einander widersprachen. Da ein Verteidiger plötzlich erkrankte, stellten die anderen Verteidiger den Antrag auf Vertagung der Gerichtsverhandlung. Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt. Die Geschworenen bejahten die ihnen vorgelegten Fragen auf Totschlag, schwere und leichte Körperverletzung in bezug auf 22 Angeklagte, die mit Kerker und Gefängnis von 14 Tagen bis zu 14 Monaten bestraft wurden; 9 Angeklagte wurden freigesprochen. Gesetzentwurf über die Judenfrage Einer Meldung des Blattes „Segoduja" zufolge hat die Regierung die zur Einbringung in die Duma bestimmte Gesetzvorlage über die Juden bereits fertiggestellt. Das Projekt gewährt den Juden keine Gleichberechtigung, sondern bloß einige Erleichterungen in Bezug auf die Freizügigkeit im Niederlassungsgebiet, auf das Wohnrecht außerhalb des Niederlassungsgebietes und auf den Zutritt zu den Hoch- und Mittelschulen. Folgen der Hetztätigkeit des Mönches Iliodor Aus Petersburg wird uns geschrieben: Die antisemitische Agitation des Mönches Iliodor führt zu einer unglaublichen Verrohung im Gouvernement Wolhynien, wo Judenausschreitungen an der Tagesordnung sind. — In der Stadt Sokol dieses Gouvernements spielte sich folgende entsetzlich rohe Szene ab. In der Dämmerstunde fand dort die Beerdigung eines jüdischen Kindes statt. Diese Zeremonie mißfiel einer Bande von halbwüchsigen Burschen. Sie überfielen deshalb den, Leichenzug, löschten die Laternen aus, mißhandelten die Juden und begannen mit der Leiche des Kindes wie mit einem Balle zu spielen, und machten schließlich Anstalten, die Leiche in eine schmutzige Grube zu werfen. Die Ankunft der Polizei machte dieser gräßlichen Szene ein Ende.

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