Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-11-15 · 46 (15.11.1907) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316289--49965-3344926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

20 DIE ELT No. 46 Nach dieser grundsätzlichen Verwahrung komme ich auf die hauptsächlichen Berichtigungen, die die Alliance meiner Darstellung zuteil werden läßt. 1. Daß ihr weit ausholender internationaler Titel von vornherein lebhafte Besorgnisse erweckte, ist eine geschichtliche Tatsache. Man sehe darüber die „Allgemeine Zeitung des Judentums'*, Jahrg. 1860, S. 557 ff., 612 f. Und zwar fürchtete man schon damals das Vorurteil, das eine dauernde und organisierte Verbindung der Israeliten aller Länder neu hervorrufen müsse, sofern es die angebliche Solidarität sämtlicher Juden für jedweden Zweck betrifft. Diese Voraussicht hat sich leider in vollem Maße verwirklicht. Nicht nur Ehren-Gödsche, sondern die Antisemiten aller Länder, Frankreichs nicht minder als Deutschlands, haben der Alliance eine solche irrtümliche Bedeutung beigelegt und damit die öffentliche Meinung nicht unwesentlich beeinflußt. Sogar viele sonst unbefangene Christen haben mir selbst gegenüber aus dem Titel der Alliance derartige ebenso schädliche wie unberechtigte Folgerungen gezogen. Die Leiter der Alliance wissen selber am besten, daß die Regierungen und die gesamten Judenfeinde Rumäniens und Rußlands das Eintreten dieser internationalen Verbindungen für die dortigen Israeliten häufig benutzt haben, um diesen den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, ja, des Vaterlandsverrats, entgegenzuschleudern. 2. Diese immerhin bedenklichen Tatsachen hätte man gern in den Kauf genommen, wenn 'die Alliance wirklich den Charakter einer Vereinigung aller Israeliten in völliger Gleichberechtigung gewesen wäre. Aber nein, — sie hat von vornherein den klaren Stempel der kleinen französischen Minderheit unserer Glaubensgenossenschaft getragen und diesen bewahrt, wenn auch in neueren Tagen — zu einer Zeit, die weit außerhalb der in meinem ersten Bande behandelten Epoche liegt — die Zahl der auswärtigen Mitglieder des Zentralkomitees vermehrt worden ist. Jeder, der in diesen Dingen Erfahrung besitzt, weiß sehr wohl, daß solche fremde Mitglieder eines Ausschusses teils selten, teils nie die Sitzungen besuchen. Der Sitz des Zentralkomitees aber ist und bleibt Paris, die Geschäftsleitung ist eine ausschließlich französische. Wenn der internationale Charakter eine Wahrheit werden sollte, so müßte der Sitz des Zentralkomitees — wie es bei anderen internationalen Verbänden geschieht — in bestimmten größeren Zeiträumen abwechselnd nach den Hauptstädten der wichtigeren in der Alliance vertretenen Länder verlegt werden; wenigstens müßten dort abwechselnd Generalversammlungen der Alliance stattfinden. Nichts davon ist auch nur versucht worden. Solcher Ausschließlichkeit der Leitung entspricht auch die Tätigkeit der Alliance. Ich sehe hier von der eigentlichen Politik ganz ab und erwähne nur, daß in sämtlichen Schulen der Alliance die Unterrichtssprache die französische ist. Nur in vier Schulen wird das Deutsche nebensächlich gelehrt, und zwar in dreien mit einer so schwachen Stundenzahl, daß das Ergebnis recht geringfügig ist. Lediglich die Goldschmidschule in Konstantinopel hat deutsche Unterrichtssprache, aber sie ist keine eigentliche Schule der Alliance, die ihr nur eine Unterstützung von jährlich etwas über 3000 Frs. zukommen läßt. Und das alles, obwohl die Handels- und Verkehrsinteressen des Orients in wachsendem Maße nach Deutschland gravitieren, so daß die Verbannung des Deutschen aus den Schulen den Zöglingen zum Schaden für ihre zukünftige Erwerbstätigkeit gereicht, und obwohl die sehr zahlreichen neu eingewanderten Juden des Orients zumeist einen deutschen Jargon sprechen, so daß ihren Kindern das Erlernen des Schriftdeutschen das Leichtere und Natürlichere wäre. Wer meine historischen Veröffentlichungen und im besondern die vorliegende Neueste Geschichte des jüdischen Volkes kennt, der weiß, daß ich vom deutschen Chauvinismus himmelweit entfernt bin und zumal dem französischen Volkstum gerechterweise ein reiches Maß von Würdigung und Sympathie entgegenbringe. Aber deshalb darf ich nicht das ausschließliche Franzosentum der Alliance billigen, das weder ihrer internationalen Bestimmung noch der veränderten Weltlage entspricht. 3. Was ich über die Mängel der Allianceschulen im Orient gesagt habe, halte ich in vollem Maße aufrecht. Jeder Kenner der Verhältnisse wird mir darin beipflichten. Um mich hier nicht in Einzelheiten zu verlieren, frage ich die Alliance nur: wie kommt es, daß trotz ihrer seit Dezennien bestehenden Schulen die Juden im Orient — mit Ausnahme einzelner besonders begabter oder vom Glück begünstigter Individuen — in dem gleichen Zustande sozialer, ökonomischer und kultureller Minderwertigkeit verbleiben? Und das, während die christlichen Elemente, die Armenier und zumal die Griechen, infolge ihrer ausgezeichneten und systematisch gegliederten Unterrichtsanstalten in überraschend glänzendem und fruchtbarem Aufsteigen begriffen sind. Freilich passen die christlichen Anstalten ihre Unterweisung verständnisvoll den Anschauungen, Überlieferungen und Bedürfnissen ihrer Zöglinge an und nötigen diesen nicht eine ihnen völlig fremde, sie verwirrende und deshalb schädigende, oft geradezu antijüdische Kulturweise auf. Dieses letztere System ist notwendigerweise mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Man sehe die unsäglich verkommenen und schmutzigen, von Trödlern, Hausierern,' kleinen Handwerkern und Vermittlern bewohnten Judenviertel der levantinischen und ägyptischen Städte und überzeuge sich da, wie wenig das Erziehungswerk der Alliance gewirkt hat. Daß da dem für seine Glaubensgemeinschaft warm empfindenden Juden einmal ein bitterer Ausdruck in die Feder fließt, ist leicht verzeihlich. Die Irrtümer und Verfehlungen zahlreicher höherer Angestellter derselben — die .der ganze Orient kennt — hier aufzuführen, enthalte ich mich um der Sache willen. Eine persönliche Aufsichf von Mitgliedern des Zentralkomitees wäre längst dringend geboten. Alle jene Dinge habe ich nicht zum ersten Male zur Sprache gebracht, sie sind vielmehr der Alliance oft und in viel schärferer Weise gesagt worden; sie hat nicht darauf gehört und das einmal befolgte System unentwegt fortgesetzt. Wahrlich, nicht die Lust am Tadeln hat mich zu meiner Darlegung veranlaßt, auch keine Gegnerschaft wider die sonst so verdienten und von mir hochgeachteten Männer, die in Paris die Leitung in Händen haben, sondern das brennende Mitleid mit unsern unglücklichen orientalischen Glaubensgenossen sowie der innige Wunsch, daß hier endlich Besserung geschafft und die großen pekuniären Mittel, die der Alliance zur Verfügung stehen, in angemessener Weise verwendet würden. Endlich möchte ich die Herren bitten, ehe sie berichtigen, sich erst Kenntnis von dem wahren Sachverhalt zu verschaffen. Im November 1872 beschloß in der Tat, auf Anregung Makowers, eine Versammlung deutscher Alliancemitglieder in Berlin, eine nur in loserem Zusammenhange mit dem Zentralkomitee stehende „Israelitische Alliance in Deutschland" zu begründen. Der Plan scheiterte aber an dem Widerstande des Pariser Zentralkomitees. Das kann jedermann in den jüdischen Blättern jener Zeit lesen; den Verfassern der „Erklärung" scheinen solche nicht zu Gebote gestanden zu haben. Dies ist mein erstes und letztes Wort in einer Polemik, die bei weiterer Fortsetzung nur schädlich wirken würde. Prof. Dr. Martin Philippson Ein Nachtrag zum II. Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes Der Schaffung des Jüdischen Frauenbundes lag ohne Zweifel eine schöne Idee zugrunde: sie bezweckte den Zusammenschluß aller jüdischen Frauenvereine Deutschlands zu gemeinsamer Arbeit und gegenseitiger Anregung. Solch ein Verband könnte viel leisten und könnte ein Segen für unser Volk werden, wenn seine Leiter sich klarer über ihre Ziele wären und klarer über die Stellung, die sie als Angehörige des jüdischen Volkes und Leiter einer jüdischen Organisation der Außenwelt gegenüber einzunehmen haben. Wenn deutsche Jüdinnen sich sozial zur Wohlfahrt des Deutschen Reiches betätigen wollen, so haben sie nicht nötig, sich zu separieren: es gibt genug deutsche Wohltätigkeitsvereine, in welchen der deutsche Bürger, ob er Jude oder nicht, sich nützlich machen kann. Separieren sich aber deutsche Jüdinnen von den andern deutschen Bürgern, um in ihrer Eigenschaft als Jüdinnen abgesondert von den anderen zu wirken, so sollten sie vor allen Dingen mit sich zu Rate gehen, um sich klar darüber zu werden, welche psychologischen oder sozialen und ökonomischen Vorgänge sie dazu veranlaßt haben. Sie sollten sich Klarheit darüber zu verschaffen suchen, welchen Standpunkt sie als J üd i nn e n vertreten, bevor sie in die Öffentlichkeit, in die Welt hinausgehen. Ich gebe zu, daß dies nicht leicht ist. Wir leben heute in einer Zeit, in der die meisten Juden den überlieferten Gesetzen des Judentums nicht treu sind, also nicht behaupten können, daß sie als Bekenner einer anderen Religion sich von den anderen absondern, um sozial zu arbeiten. Anderseits wiederum hat kaum eine andere Zeit so viele jüdische Organisationen hervorgebracht wie die heutige. Was veranlaßt jene Juden und Jüdinnen, sich bewußt von den anderen abzusondern, nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als soziale Gemeinschaft, als jüdisch-soziale Glieder vom deutsch-sozialen Körper? Was anders kann es sein als das unbewußt in ihnen schlummernde Gefühl, daß sie anders sind wie die andern, ein anderes Volk, eine andere Nation! Die Tatsache aber, daß es nur unbewußt in ihnen schlummert, daß ihnen nicht nur ihre eigene Psychologie unbegreiflich ist, sondern daß ihnen auch das Verhalten der anderen, der Nichtjuden, ihre Fremdartigkeit nicht zum Bewußtsein bringt, diese Tatsache, die die meisten Juden anders handeln läßt, wie sie denken, oder bessei, sie überhaupt nicht darüber nachdenken läßt, warum sie handeln, wie sie handeln, diese Tatsache ist der Grund dafür, daß die meisten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.