Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 46 DIE^ELT 19 in England if there were a separate Association in clear connexion however with the Alliance. —" „There has never been an „Abfall", and our relations have always been clear and friendly. Indeed much of our money goes in grants made to Alliance schools." (Die Anglo Jewish Association wurde gegründet, um der Alliance in einer Stunde der Not beizustehen, in der Zeit des Französisch-Deutschen Krieges. Man hat auch geglaubt, daß in England mehr Geld für eine besondere Vereinigung zu erlangen wäre, die gleichwohl in deutlichem Zusammenhang mit der Alliance stünde. — Niemals hat es einen „Abfall" gegeben, und unsere Beziehungen sind immer ungetrübt und freundschaftlich gewesen. Tatsächlich wird ein großer Teil unseres Geldes als Zubuße für die Alliance-Schulen verwendet.) Auch bezüglich der Israelitischen Allianz zu Wien ist die Darstellung des Herrn Philippson unzutreffend. Die Israelitische Allianz zu Wien hat sich 1873 gebildet, einfach weil das österreichische Staatsgesetz die Bildung von Komitees einer Gesellschaft verbietet, deren Zentralsitz sich außerhalb Österreichs befindet. Dieser gesetzlichen Vorschrift mußte natürlich Folge gegeben werden. In Ungarn gilt das eben erwähnte österreichische Staatsgesetz nicht, hier bestehen die alten Alliance-Komitees fort. Dies findet beweiskräftige Bestätigung durch nachstehendes Schreiben, das der Vorstand der Israelitischen Alliance zu Wien unter dem 20. Oktober auf unsere Anfrage an uns gerichtet hat. „Sehr geehrte Herren! Wir danken Ihnen sehr für die freundliche Mitteilung des auf die Alliance bezüglichen Passus im Buche des Herrn Professor Philippson, den auch wir mit großem Befremden und mit Bedauern über die tendenziöse Darstellung gelesen haben. Wir können gleich der Anglo Jewish Association nur bestätigen, daß von einer Loslösung oder gar von einem Abfall von der Pariser Organisation bei der Gründung der unsrigen nicht die Rede sein konnte, daß es sich vielmehr neben der Rücksicht auf die Staatsgesetze darum handelte, größere Mittel für allgemein jüdische Hilfszwecke in unserem Lande aufzubringen, als es für ein Komitee eines auswärts domizilierten Vereins möglich gewesen wäre. Während der 35 Jahre unseres Bestehens haben wir uns in permanentem Kontakte und im herzlichsten Einvernehmen mit dem Pariser Zentralkomitee befunden, dessen Mitglied unser Präsident ist, und sind bei allen großen Hilfswerken für verfolgte Glaubensgenossen mit Paris Hand in "Hand gegangen. Ganz absurd erscheint uns die Andeutung des Verfassers, daß der französische Charakter der Alliance als nachteilig für deren erziehliche Tätigkeit im Osten angesehen und mit ein Motiv für unsere angebliche Loslösung gewesen wäre." Herr Professor Philippson läßt sich dann weiter vernehmen: „Diese (die Alliance) hat in einzelnen Fällen viel Gutes geleistet, oft den Armen und Bedrängten Unterstützung geschafft. Sie hat im Osten Elementarschulen begründet, die indessen nicht so viel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen, und zwar aus drei Gründen: einmal, weil die Leiter der Alliance zuerst selten, später nie nach dem Orient gingen und das Werk lediglich Mietlingen anvertrauten, denen es zumeist entweder an Verständnis oder an Eifer oder an selbstloser Hingabe an ihre Aufgabe fehlte. Zweitens, weil der Charakter der Schulen ein allzu abendländischer und zumal französischer ist, ohne Anpassung an die besonderen Zustände and Anforderungen des Orients. Drittens, weil sie ohne Fortbildungsschulen blieben und so die Kinder im bildungsfähigsten Alter entließen und dem alten orientalischen Schlendrian überlieferten, dem sie unrettbar wieder verfielen." Die drei Gründe, die Herr Philippson dafür anführt, daß die Elementarschulen der Alliance im Osten angeblich „nicht so viel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen", beweisen nur Unvertrautheit mit dem Schulwerk der Alliance im Osten. Die Leiter der Alliance Israelite Universelle haben jederzeit Wert darauf gelegt, ihr Schulwerk, das 142 Schulen in drei Erdteilen umfaßt, unter steter fachmännischer Inspektion zu halten. Sie wissen eben, daß allgemeine Bildung, sei sie noch so groß, nicht imstande ist, die Fachkenntnis zu ersetzen. — Herr Philippson nennt die von der Leitung der Alliance IsraeJite Universelle nach langer Erprobung eingesetzten Inspektoren mit der herabwürdigenden Bezeichnung „Mietlinge". Will Herr Professor Philippson vielleicht die Rabbiner als „Mietlinge" ihrer Gemeinden, die Gymnasiallehrer als „Mietlinge" des Staates oder der Kommunen ansprechen? Nein, diese alle sind die verehrten und angesehenen Vertrauensmänner der Gemeinden, des Staates, der Städte. Und so sind die Männer, die Herr Philippson als „Mietlinge" herabwürdigt, unsere erprobten und angesehenen Vertrauensmänner, die ihres schweren Amtes mit reifem Verständnis, mit unübertrefflichem Eifer und mit vorbildlicher Hingabe walten! Wenn Herr Philippson den Charakter der Alliance-Schulen im Orient „allzu abendländisch und zumal französisch" findet, so übersieht er: Die Orientschulen der Alliance sind Schulen sui generis, sie sind ihren besonderen Bedürfnissen, die eigenartiger Natur sind, angepaßt, sie sind genau das, was Herr Philippson sagt, daß sie sein sollen, und was er bloß nicht gesehen hat. Herr Philippson beklagt den Mangel an Fortbildungsschulen. Das Fortbildungsschulwesen ist im Morgenland wirklich noch nicht systematisch durchzuführen. Einen gewissen Ersatz schaffen wir in den Ergänzungskursen (classes supplSmentaires), die wir in verschiedenen Städten, wie Konstantinopel, Salonichi, Smyrna, Tunis, Tanger, Bagdad, Alexandrien, Kairo, den oberen Klassen angegliedert haben. Wenn im übrigen unsere Jungen im Orient unsere Schulen früh verlassen, so geschieht es nicht um des „Schlendrians" willen, sondern aus bitterer Not, weil sie für Brot zu sorgen haben. Herr Professor Philippson beendet seine Ausführungen folgendermaßen : „Im Dezember 1872 beschloß eine Versammlung in Berlin die Begründung einer besonderen „Israelitischen Allianz in Deutschland". Allein das Zentralkomitee der Alliance in Paris wies diesen Plan durchaus zurück, der auch nie verwirklicht worden ist. Leider ließ das Pariser Zentralkomitee sich durch solche. Vorgänge und auch durch den Abfall der Engländer und Österreicher nicht bestimmen, die speziell französische Färbung der Alliance und den Despotismus des Pariser Zentralkomitees irgendwie zu modifizieren. Dadurch verlor sich in Deutschland das Interesse für sie um so mehr, je schärfer die nationalen Gegensätze zwischen beiden Ländern sich unglücklicherweise gestalteten." Charakteristisch ist schon der erste Satz, daß „eine" Versammlung — deren nähere Bezeichnung vollständig fehlt — im Dezember 1872 die Begründung einer besonderen „Israelitischen Allianz in Deutschland" beschlossen habe. Wer hat denn „beschlossen"? Wer waren die Beschließenden, die ihre Absicht sofort fallen ließen, weil das Zentralkomitee in Paris den Plan zurückwies? Es müssen doch recht schwächliche Herren gewesen sein, die dem Pariser „nein" gegenüber sofort auf ihren Willen verzichteten. In Wahrheit ist jener „Beschluß" 'nie gefaßt worden, in Wahrheit hatte das Pariser Zentralkomitee nie Anlaß gehabt, solchen Beschluß zurückzuweisen. Es ist im Dezember 1872 einmal eine Anregung in der angegebenen Richtung hervorgetreten. Ein Mahnwort des Herrn Sanitätsrat Dr. Neumann hat genügt, von dem üblen Plan abzuhalten. Was in dem vorstehenden Resume über den „Abfall der Engländer und Österreicher", über die „speziell französische Färbung" der Alliance, über den „Despotismus" des Pariser Zentralkomitees gesagt ist, haben wir widerlegt. Aber auch das, was Herr Philippson über eine Abnahme des Interesses für die Alliance Israelite Universelle in Deutschland behauptet, ist nicht zutreffend. Das Interesse für die Alliance Israelite Universelle hat sich in Deutschland nicht verloren. Der Zuwachs von tausenden von Mitgliedern, die sich uns in kurzer Zeit neuerdings in Deutschland angeschlossen haben, beweist das Gegenteil. Weitausschauende und allzeit getätigte jüdische Wohlfahrts¬ und Wohltätigkeitspolitik verfolgt die Alliance Israelite Universelle. Sie wird ihrer Satzungen immerdar eingedenk bleiben und ihnen in unermüdlicher Arbeit treu sein, zum Segen für die gesamte Judenheit Berlin, den 30. Oktober 1907. Das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance IsraeJite Universelle Ludwig Max Goldberger. Charles L. Hallgarten. Paris, den 1. November 1907. Der vorstehenden Erklärung schließt sich vorbehaltlos an Das Präsidium des Zentral-Komitees der Alliance Israelite Universelle Narcisse Leven. Salomon Reinach. Dr. A. Netter. Jacques Machiels. Erwiderung Auf die oben abgedruckte Erklärung der „Alliance Israelite Universelle" muß ich in Kürze antworten. Zunächst schreibe ich mir als Historiker das Recht zu, über die geschichtlichen Vorgänge und Einrichtungen, die das von mir behandelte Thema umfaßt, mein auf sorgfältiges Studium und reifliche Erwägung begründetes Urteil abzugeben. Zu solchen Vorgängen und Einrichtungen gehört auch die Gründung und Leitung der Alliance.