Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 DIEE^ELT No. 46 Gründung eines Zionvereins gekommen. Es sind bereits über 30 Mitglieder beteiligt. Der Verein trägt den Namen „Degel-Zion". Es werden Vorträge über den Zionismus und jüdische Geschichte, Kunstabende und Vorstellungen veranstaltet werden. Der Verein bereitet die Aufführung des „Neuen Ghetto" von Dr. Herzl vor. Der Ausschuß besteht aus folgenden Mitgliedern: Hersch Rostoker, J. Robinson, J. Rosenblatt und den Damen Rosa Rostoker und Klara Leßner. Verhaftung von Zionisten Verflossene Woche wurde in den Redaktionsräumen des Organes der polnischen Zionisten,,, Zion", in Warschau eine Haussuchung vorgenommen, in deren Verfolg der Herausgeber, ehemaliger Redakteur des „Zycie Zydowskie", Gesinnungsgenosse Rechtsanwalt Grünbaum und Herr Keonski verhaftet wurden. Einige Tage darauf, in der Nacht von Donnerstag zu Freitag vergangener Woche, wurde im Bureau des Zentralkomitees der zionistischen Organisation für Rußland, in Wilna, gleichfalls eine strenge Haussuchung vorgenommen und der Leiter des Bureaus und Mitglied des A. C, Herr L. Joffe, in derselben Nacht verhaftet. Bis zur Stunde sind die Verhafteten nicht freigelassen. [ ^KORRESPONDENZEN^ j Erklärung In einer Publikation, die als „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" firmiert, hat Herr Professor Dr. Martin Philippson die Alliance Israßlite Universelle zum Gegenstand einer Darstellung gemacht, die im Interesse des Judentums und der geschichtlichen Wahrheit nicht unwidersprochen bleiben darf. Herr Professor Philippson sagt: „Als Zeichen der Zusammengehörigkeit aller Juden trat 1860 die Alliance Israelite Universelle ins Leben. Ihre Stiftung hatte von vornherein die Besorgnis zahlreicher Glaubensgenossen erregt. Man meinte, sie werde machtlos bleiben, ihren Hauptzweck, die Emanzipation der Israeliten in denjenigen Ländern, wo sie solche noch nicht besaßen, zu erreichen, werde aber im Gegenteil durch die Meinung von einer förmlichen Verschwörung der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft großen Schaden anrichten. Diese Befürchtung hat sich in vollem Maße bewahrheitet; man darf sagen, nichts hat den Juden in vielen Ländern solchen Abbruch in der öffentlichen Meinung getan wie die irrigen, aber unvermeidlichen Folgerungen, die aus der Internationalität der Alliance gezogen und von Übelwollenden gehässig ausgebeutet wurden." Der Zweck, den die Alliance Israelite Universelle bei ihrer Stiftung verfolgt hat, ist in nachstehenden Satzungsbestimmungen niedergelegt: 1. „Oberall für die Gleichstellung und den moralischen Fort-" „schritt der Juden zu wirken;" 2. „Denen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirk-" „same Hilfe angedeihen zu lassen;" 3. „Jeder Schrift, welche geeignet ist, diese Resultate herbei-" „zuführen, Unterstützung zu gewähren." Als die Alliance Israelite Universelle begründet wurde, sind diese Satzungsbestimmungen in der weiten Welt unserer Glaubensgemeinschaft mit heller Freude aufgenommen wurden. Alle Kundgebungen aus jener Zeit bezeugen jubelnde Zustimmung. Von einer Besorgnis war nie und, nirgends ein Hauch zu spüren. Die von Herrn Philippson vorgetragene Vorstellung von einer „förmlichen Verschwörung der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft" stammt ungefähr wörtlich aus der Feder des Redakteurs Gödsche, dessen Name (Pseudonym: John Retcliffe) durch seine Romane und durch seine Zeugenschaft in dem Prozeß Waldeck — nach des Gerichtspräsidenten Taddels Ausdruck „ein Bubenstück, ersonnen, einen Mann zu verderben" — bekannt geworden ist. In einem dieser Romane ist eine angeblich auf einem jüdischen Friedhof in Osteuropa gehaltene Rabbinerrede erwhnät, die das Streben nach Weltherrschaft enthüllt habe. Die verlogenste Presse hat in den achtziger Jahren dieses fanatische Phantasieerzeugnis fruktifiziert. Wir dürfen wohl behaupten, daß die „öffentliche Meinung", auf die Herr Philippson sich beruft und in der nach seiner Versicherung die „irrigen, aber unvermeidlichen" Folgerungen aus der Internationalität der Alliance gezogen und „von Übelwollenden gehässig ausgebeutet" worden sind, die öffentliche Meinung der skrupellosesten Antisemiten gewesen ist. Herr Professor Philippson fährt fort: „Man warf der Alliance ferner ihren französischen Namen, ihr ausschließlich französisches Domizil und ihre nicht minder ausschließlich französische Zentralleitung vor. Auch das mit Recht. Die Führer der Alliance haben ihr den französischen Charakter gewahrt und solchen auch dem einzig fruchtbaren Felde ihrer Tätigkeit, den Unterrichtsanstalten im Osten, nicht zu deren Vorteil aufgeprägt. Es war deshalb nicht zu verwundern, daß sich 1871 die englischen Juden in der Anglo- Jewish-Association, 1873 die österreichischen in der „Israelitischen Allianz zu Wien" von der Alliance Universelle loslösten. " In einem Atem leitet Herr Philippson der Alliance gegenüber einmal aus ihrer angeblichen Internationalität und dann aus ihrem angeblichen französischen Charakter einen Vorwurf her. Denn jetzt spricht er nicht die „irrigen, aber unvermeidlichen Folgerungen" andern nach, sondern macht sie sich ganz zu eigen, indem er von dem Vorwurf des französischen Namens und der ausschließlich französischen Zentralleitung der ^Hiance sagt, daß man „auch ihn mit Recht erhoben habe". Der zweite Vorwurf aber ist ebenso grundlos wie der erste. Das Zentral-Komitee der Alliance ist nicht ausschließlich französisch und ist es nie gewesen. Herr Philippson, der seit Jahren der Alliance Israelite Universelle angehört, weiß aus den ihm regelmäßig zugestellten und jedenfalls zugängigen Jahresberichten der Alliance Isra6Iite Universelle, daß gegenwärtig von den 67 Mitgliedern des Zentral-Komitees (darunter zwei Ehrenmitglieder) nur 26 (darunter ein Ehrenmitglied) Franzosen, 41 Nichtfranzosen, unter diesen 23 in Deutschland lebende Deutsche sind. Von einer „ausschließlich französischen Zentralleitung" kann man unter solchen Umständen nicht sprechen. Von den übrigen 18 nichtfranzösichen Mitgliedern des Zentral-Komitees sind außerdem so viele von Geburt Deutsche, daß alles in allem der deutsche Teil des Zentral-Komitees mindestens ebenso zahlreich ist wie der französiche. Ebenso ist es unzutreffend, daß die Führer der Alliance den französischen Charakter „auch dem einzig fruchtbaren Felde ihrer Tätigkeit, den Unterrichtsanstalten im Osten, aufgeprägt" haben. Es ist richtig, daß in den Alliance-Schulen des Ostens der französische Sprachunterricht vorzugsweise — gegenüber dem Unterricht in irgendeiner andern europäischen Sprache — gepflegt wird. Aber im Orient ist bis auf den heutigen Tag Französisch die Kultursprache, es ist in der Türkei die zweite Staatssprache; die Kenntnis allein des Französischen ist für den Orientalen im Leben von praktischem Wert und gewährt ihm eine nutzbare Überlegenheit im wirtschaftlichen Fortkommen. Wo die Verhältnisse nur einigermaßen anders liegen, wird namentlich deutscher Sprachunterricht ausgiebig erteilt. Herr Philippson meint, es sei nicht zu verwundern, daß sich 1871 die englischen Juden in der Anglo-Jewish-Association, 1873 die österreichischen in der Israelitischen Allianz zu Wien von der Alliance Universelle loslösten". — Nein, hier ist etwas ganz anderes verwunderlich : daß nämlich für falsche Folgerungen irrige Mitteilungen als Ursache angeführt werden! Die „Anglo Jewish Association in connection with the Alliance Israelite Universelle", wie der volle und richtige Name von Anbeginn und bis heute lautet, ist 1871 entstanden aus der Besorgnis, der Krieg von 1870/71 möchte den Fortgang des segensreichen Werkes der Alliance Israelite Universelle stören. Um dieser Möglichkeit zu begegnen, um das Werk der Alliance aufrecht zu erhalten, hat die Anglo Jewish Association sich gebildet. Das ist in dem ersten Bericht der Anglo Jewisl Association 1871/72 ausführlich dargelegt und in der Firma der Gesellschaft für jeden gekennzeichnet. Die Anglo Jewish Association hat nie aufgehört, ihre Mittel den Werken der Alliance Israelite Universelle zu widmen, namentlich der Schulunterhaltung, obwohl nur in zwei von den durch* das Geld der Anglo Jewish Association mit erhaltenen Schulen überhaupt englischer Sprachunterricht er teilt wird. Auf eine Anfrage, die wir nach London gerichtet haben, ist uns von der Leitung der Anglo Jewish Association unter dem 13. Oktober d. J. erwidert worden: „The Anglo Jewish Association was founded to help the Alliance in its hour of need at the time of the Franco-German war. It was also thought that more money would be obtained