Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-11-15 · 46 (15.11.1907) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316289--49961-3344922
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

16 DlE^ELT No. 46 aufgebracht worden, Märchen hat man erzählt und erfunden', um die Arbeit im heiligen Lande zu entmutigen und abzuschrecken. Wir hörten sagen, daß das Land nicht gekauft werden, daß das Eigentum nicht behalten werden, daß die Industrie nicht blühen könne, daß die Kolonien zugrunde gingen, daß die Bevölkerung auswandere, und mehr solcher schrecklicher Geschichten, und mehr noch als dies, diese Leute, die nicht wissen, was auf der nächsten Straße vorgeht, und uns über das Schicksal des'Sonntagsruhegesetzes, das noch in der Schwebe ist, nichts zu sagen vermögen, tun so, als ob sie mit Seiner Majestät dem Sultan auf höchstvertrautem Fuße ständen. Sie wissen ganz genau, was er zu tun beabsichtigt, was er über den Zionismus denkt, und behaupten zuversichtlich, offenbar aus ihrer intimen Kenntnis des Sultans und der türkischen Regierung heraus, daß er nie und nirnmer eine jüdische Ansiedelung im Heiligen Lande zulassen werde. Er werde niemals Konzessionen gewähren, niemals die Industrie fördern, und niemals das Erziehungswerk unterstützen. Ich habe immer gefragt und ich frage wieder: Von wannen kommt diese Wissenschaft? Woher haben sie sie bekommen? Sind das nicht vielmehr grundlose Behauptungen ohne die Spur eines Beweises? Hat nicht Sir-Moses Montefiore vor mehr als 50 Jahren Land gekauft, hat jemals irgendwer sein Eigentumsrecht an diesem Lande in Frage gestellt? Hat man nicht erlaubt, Häuser auf diesem Lande zu errichten? Hat die Anglo-Palestine Company irgendwelche Schwierigkeiten beim Landkauf gehabt? Oder ist irgend ein anderer gehindert worden, wenn er Kolonien kaufen oder gründen, Orangegärten oder Ölbaumhaine erwerben, Geschäftshäuser errichten, Schulen bauen wollte? Hat die Regierung die Juden irgendwie ungerecht behandelt? Sind sie nicht die Empfänger mannigfacher Beweise königlicher Huld gewesen? Aber warum sollen wir weitläufig über Tatsachen verhandeln, die uns allen sehr gut bekannt sind, warum versuchen, Legenden zu zerstören, die, wie ich hoffe, jetzt ein für allemal tot und begraben sind! Tatsachen blicken uns an, und wir stehen am Vorabend großer und sehr bedeutungsvoller Änderungen in bezug auf die Stellung des Sultans und der türkischen Regierung zum Zionismus und den Juden im allgemeinen. Ich möchte kein Aufhebens davon machen, daß ich meine Pflicht erfüllt habe, aber ich kann doch nicht mit Stillschweigen die Unterredungen übergehen, die ich in allen Städten Palästinas und Syriens, die ich während meiner jüngsten Reise besuchte, mit den Walis .und den türkischen Gouverneuren hatte. Ich legte dabei einen besondern Wert darauf, die Dankbarkeit zu betonen, die die Juden für die Freiheit und die Toleranz empfänden, die vom Sultan den Einwohnern des türkischen Reiches, ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens, gewährt würde, und insbesondere für das Wohlwollen, das der Sultan gerade den Juden bei jeder Gelegenheit zeige. Mit besonderm Nachdruck betonte ich, daß die unterschiedliche Behandlung, die bisher inbezug auf eine starke Einwanderung in Palästina noch zu Tage getreten sei, seit den Pogromen aufgehört habe, wodurch den christlichen Nationen des Westens eine Lehre in Toleranz und Menschlichkeit gegeben worden sei. Als ich nach Konstantinopel kam, erfuhr ich, daß Berichte über diese Unterhaltungen bis zu den höchsten Stellen in Konstantinopel gedrungen seien und dort einen günstigen Eindruck hinterlassen hätten. Ich bemühte mich, allen vollkommen klar zu machen, daß die in Palästina einwandernden Juclen nicht etwa dem Willen des Sultans oder der türkischen Regierung entgegengesetzte Absichten pflegten, im Gegenteil gab ich meiner Überzeugung Ausdruck, daß sie sich bemühten, die Regierung zu unterstützen, daß sie wünschten, gestützt auf die Gesetze und Verordnungen der Regierung, loyale Untertanen zu werden und womöglich ein Bindeglied zwischen der Zivilisation des Westens und der wiederauflebenden Kultur der mohammedanischen Welt zu bilden. Es war, notwendig, es war von der größten Bedeutung, die irrtümlichen Ansichten zu zerstreuen, die in den höhern Kreisen herrschten und unglücklicherweise gefördert wurden durch leitende Männer unserer Rasse, die erklärten, die Zionisten verfolgten lediglich politische Ziele, und die dadurch eine Verwirrung in den Ansichten der Regierung und das tiefe Mißtrauen hervorriefen, das einmal sogenannte nationale Bewegungen in der Türkei auslösen. Hier ist auch der Ort, um auf die Fabel zurückzukommen, daß der Zionismus in der Türkei verboten sei. Was wirklich verboten ist, ist jede Art der politischen Vereinigung ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens. Denn die dortigen politischen Verbindungen sind auf umstürzlerischen Tendenzen aufgebaut, erstreben die Umwälzung des gegenwärtigen Regimes und tragen tatsächlich mehr oder weniger, offen oder versteckt revolutionären Charakter. Solange der Zionismus als eine derartige Bewegung hingestellt wurde, konnte er natürlich nicht mehr als eine andere solche politische Bewegung geduldet werden. Ich tat mein Bestes, um diesen grundlosen Verdacht zu zerstreuen und, so gut ich konnte, den wahren Charakter unserer Bewegung als einer humanitären, ökonomischen, . industriellen, loyalen und der Erhaltung des türkischen Reiches dienlichen wieder klarzustellen. Ich habe vielleicht damit einigen Erfolg gehabt, und nun ist die Chance gegeben, von der ich hoffe, daß sie diejenigen, die eine verantwortliche Stellung im Judentum einnehmen, voll und ganz benutzen werden. Mögen sie ihr Vorurteil fallen lassen, das Falsche ihres Weges erkennen und nicht länger den großen Fehler wiederholen, den sie begangen haben, indem sie einen Strom Geldes in die Tasche des russischen Tschinowniks schütteten und jetzt die furchtbare Aufgabe haben, für die unglücklichen Opfer der jüngsten Pogrome Territorien irgendwo auf dem Monde und in den Sternen zu suchen. Hätten sie mit uns gearbeitet, sie hätten nicht den Strom der Auswanderer zum fernen Westen weit über Meere und Länder gelenkt, sondern sie hätten ihn ins Heilige Land geführt und hätten so ein besseres Heim für ihre Kinder geschaffen, als sie es jetzt getan haben. Darin liegt die schwerwiegende Bedeutung des Entschlusses des Kongresses, unsere Kräfte für praktische Arbeit in Palästina zu verwenden. Nicht, als ob die Idee des politischen Zionismus verworfen worden sei, aber die Bahn ist freigemacht worden — daß die Gesellschaften, denen die jüdische Sache am Herzen liegt und die für die Verbesserung ihrer Lage eintreten, Hand in Hand mit uns arbeiten können. Sicherlich können sie jetzt nicht länger behaupten, daß unser Programm es ihnen unmöglich macht, von Herzen mit uns zu wirken. Ich kann nicht glauben, daß es einen einzigen Juden geben soll, der dieses Namens v/ert ist und der sich mit gutem Gewissen weigern sollte, mit uns zu arbeiten und das gute Werk in Palästina zu fördern. Die Tür ist jetzt offen, laßt jeden hereinkommen, der nicht einen antizionistischen Kreuzzug gepredigt hat. Lasset ihn seine kleinen Differenzen zurückstellen und sich mit uns vereinigen auf dieser einzigartigen Chance, die ihm jetzt geboten wird. Wir wälzen die ganze Verantwortlichkeit für die Zukunft auf die Schultern derjenigen, die mächtig genug sind, die Verantwortlichkeit nicht ablehnen zu dürfen, die ihnen jetzt für die nächste Zeit angeboten wird. Sie verlangen nach öffentlich gesicherten Konzessionen; sie können sie haben, wenn sie nur bereit sind, mitzuhelfen. Aber sie mögen gleichzeitig auch auf die Warnung hören, daß sie sich nicht einbilden sollen, sie könnten unser Werk zuschanzen machen, indem sie uns ihren Beistand verweigern. Wenn sie sich nicht mit uns vereinigen und mit uns arbeiten wollen, werden wir deshalb nicht die Hand vom Pfluge lassen. Wir sind vielleicht nicht in der Lage, viel zu erreichen, aber wir haben die Gewißheit, daß wir Zionisten, wenn wir zusammenstehen, viel mehr erreichen werden als manche von denen, die abseits stehen, geneigt sind, zu glauben. Ein Wort noch über die sogenannte Emigration von Juden aus Palästina. Zweifelsohne gibt es solche Auswanderer, aber wenn Sie die Statistik der jetzigen Bevölkerung des Landes zur Hand nehmen und nachsehen, welche Personen das denn sind, die auswandern, werden sie überraschende Resultate finden. Die Hauptmasse dieser Auswanderer sind junge Leute, die in den Schulen der „Alliance" direkt für den Export erzogen worden sind, indem man sie nicht für praktische Tätigkeit in Palästina selbst, sondern für eine kaufmännische Tätigkeit in großen Geschäftsetablissements herangebildet hat, die aber in Palästina nicht existieren. Daruni müssen sie Palästina sofort verlassen, wenn sie beginnen, sich ihr Brot selbst zu verdienen. Einige wenige sind Söhne von Kolonisten, die nicht den geeigneten Platz finden konnten, um im Lande arbeiten zu können, da die Administration zu sehr die Möglichkeiten einschränkt und ihnen keine günstigen Aussichten im Lande bieten will Nun wollen wir aber die andere Seite des Gemäldes betrachten. Wenn Palästina tatsächlich ein Land ist, in dem man seinen Lebensunterhalt nicht finden kann, woher kommt es, daß eine Teuerung für Häuser in allen Städten eingetreten ist, sei es in Jerusalem, se es in Safed, in Tiberias, in Jaffa, oder in irgendeiner Stadt, wo Juden wohnen? Betrachten Sie auch die materielle Lage. Hat sich die Zahl der Bettler in Palästina vermehrt? Die Unter stützungsgesuche, die zu uns gelangen, kommen von wohltätigem Anstalten; werden wir in London nicht ebenfalls mit Gesuche!' zahlloser Wohltätigkeitsinstitute überschwemmt? Der Board oi Guardians, die Volksküchen, die verschiedenen Asyle, Hospitäler- Schulen, alle bitten um Unterstützung. Dieselbe Sache ist in Jerusalem. Der Betrag der Chaluka, der ins Heilige Land kommt ist im Laufe der letzten Jahre beträchtlich gesunken, und die Zah! der Almosenempfänger ist dementsprechend kleiner geworden. Ich habe beobachtet, daß junge Leute jetzt beschämt waren, selbst wenn sie nur die Möglichkeit hatten, Chaluka zu erhalten und wir können überhaupt in ganz Palästina den neuen Geist der Selbst-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.