Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 46 NEBELT 15 haben, wäre nicht das unglückliche Ostafrikaabenteuer mit seinen direkten Folgen gewesen. Wenn es auch nicht' die Bewegung zerbrochen hat, so hat es doch die besten Kräfte in unserer Mitte paralysiert. Es ist die Ursache gewesen, daß der Mittelpunkt unseres Wollens und unserer Tätigkeit von dem einzigen Ziele, auf das er gerichtet sein mußte, auf andere Dinge außerhalb unseres Planes abgelenkt wurde. Das Wort „Zionismus" ist in einer neuen, bis dahin nicht bekannten und meist mißverständlichen Weise ausgelegt worden. Aber ob man es mit Philanthropie, ob mit Kolonisation oder mit der Ansiedlung in irgendeinem Teile der Welt identifizierte, so war damit auf" der andern Seite — wie eben jedes Übel auch seine gute Seite, hat — weit mehr, als man beabsichtigt hatte, eine Klärung der Sachlage verbunden. Manch einer, der dem Namen-nach unserer Bewegung angehörte, dessen Herz aber anderswo war, wurde auf diese Weise gezwungen, sich mit dem Problem abzufinden und seine Wahl zu treffen. Viele dieser unwahren Elemente, die Schutz und Zuflucht unter der wärmenden Flagge des Zionismus gefunden hatten, suchten nun anderswo Unterkunft. Sie zeigten, daß sie nicht länger an den Erfolg der Bewegung glaubten. Sie meinten, die Bewegung sei eine vorübergehende Erscheinung, und schlössen sich andern Führern und Führungen an, die der Meinung waren, der Zionismus sei jetzt bankerott oder sogar tot. Das waren Leute von geringer Pflichttreue, und darum war es nötig, daß die, die ein strengeres Pflichtgefühl besaßen, sich mit einander verbanden und die Bedeutung des Begriffs „Zionismus" näher bestimmten, indem sie sich „Zione Zion" nannten. Indem sie dem Worte Zion ein ähnliches zufügten, wollten sie ihre unwandelbare Treue an unsere Bewegung zum Ausdruck bringen, die, wenn auch momentan gelähmt, doch, dessen waren sie sicher, endlich triumphieren würde. Wir sind hier versammelt, und wir waren es auf dem achten Kongresse, um die Festigkeit unserer Bewegung zu erweisen und unsere Anhänglichkeit an die Grundprinzipien des Zionismus zu rechtfertigen. Die anderen sind, wie ich vernehme, noch auf der Suche nach irgendeinem Territorium, einem imaginären Territorium für eine eventuelle Ansiedlung von Juden, und sie sind jetzt in der wenig beneidenswerten Lage, zwischen 12 Territorien, die ihnen angeboten sind, wählen zu müssen. Ich habe heute abend keine Neigung, zu scherzen, die Lage ist zu ernst und ich bin hierher gekommen, um an ernstem Werke mitzuarbeiten, aber ich kann nicht umhin, an die Anektode von dem Manne zu erinnern, der beim Umzugstermin zu sagen pflegte, er habe die Wahl zwischen zwei Häusern, eines, das er nicht verlassen dürfe und ein anderes, in das ihn der Besitzer nicht hinein lassen wolle. Beide Male aus finanziellen Gründen. Ich besorge, die Eigentümer der zwölf Territorien möchten antereinander die Frage erörtern, wer von den zwölf uns nicht hineinlassen solle. Aber vielleicht haben sie Erfolg, und ich wünsche ihnen jeden Erfolg, wie ich das in den letzten vier Jahren gewünscht iiabe, aber ich befürchte, es wird dasselbe Resultat sein, indem alles -in frommer Wunsch bleibt, der nicht erfüllt werden kann. Indessen wollen wir die andern bei ihrem Dilemma belassen, wir haben wenigstens keine Schwierigkeit, insofern eine Wahl ausgeschlossen A, wir haben unsere Wahl längst getroffen, und wir haben keine \bsicht, davon abzugehen. Wir meinen Palästina, und wir wollen mr bei Palästina bleiben. Das erste Resultat dieses Kongresses besteht darin, daß er die bedenken und Wünsche, die jetzt die Zionisten beherrschen, zum Ausdruck gebracht und den geeigneten Weg gefunden hat, um ue Arbeit in der richtigen Weise zu beginnen. Die Aussichten des Kongresses waren nicht günstig, denn die neisten der Delegierten, die gekommen waren, waren nach den ersten paar Tagen noch ganz verwirrt. Sie litten alle unter den ^Jachwehen der Demoralisation und Desorganisation, die auf das Ostafrikprojekt und anderer Pläne gefolgt waren. Es hat die Zionisten entmutigt und ihren Euthusiasnius gedämpft. Es gab keinen festen;>lan oder ein Programm, persönliche Interessen schienen zu überwiegen. Die einzigen Delegierten, die mit einem klaren Programm Kamen, voll bewußt ihrer Verantwortlichkeit und in Erkenntnis der britischen Lage des Zionismus, waren die englischen Delegierten. Vir kamen hin mit dem Auftrag, dem Kongreß die Resolution vorliegen, die auf unserer Konferenz einmütig gefaßt worden war: Unverzüglich soll in Palästina mit praktischer Arbeit begonnen werden." Langsam konnten wir die Meinungen der anderen Delegierten beeinflussen und die Arbeit des Kongresses so gestalten, daß >ie in der einmütigen Billigung dieser Resolution ihren Ausdruck iand. Es war eine bedeutungsvolle Entscheidung, die große und wichtige Folgen nach sich ziehen und uns zu einer neuen Aera in unseren Beziehungen zu anderen gleichartigen Vereinen und zu anderen Organisationen führen wird. Praktische Arbeit! Ja, praktische Arbeit in der vollsten Bedeutung des Wortes. Ich kenne Leute, die versucht haben, an dieser Resolution zu drehen und zu deuteln, ihren Sinn zu verändern und die darin eine Abkehr vom politischen Zionismus sehen, von dem sie sagen, daß er das einzige Ziel und der einzige Gegenstand der Arbeit unseres unvergeßlichen Führers Dr. Herzl gewesen sei. Gegenstandslose Behauptungen, die erfunden worden sind, um entweder Untätigkeit zu entschuldigen, oder aus dem Wunsche nach Sympathie oder offener Feindseligkeit einerseits und anderseits aus der Absicht, das alleinige Recht auf die von Dr. Herzl hinterlassene Erbschaft zu beanspruchen. Lassen Sie mich Ihnen in Erinnerung rufen, daß ich während des ganzen zehn- oder elfjährigen Bestandes des Zionismus niemals das Wort „Politischer Zionismus" gebraucht habe, um damit das Ganze der zionistischen Tätigkeit zu definieren. Für mich ist der Zionismus eine nationale Bewegung, und keine Nation verkörpert sich lediglich in einer Phase oder einer Seite ihrer Tätigkeit. Wenn wir den Begriff in unsere Regierungsverhältnisse übersetzen, wird man leicht sehen, daß keine Regierung nur aus einem Minister bestehen kann, der lediglich eine Abteilung vertritt. Wir haben einen Staatssekretär des Auswärtigen, wir haben einen Staatssekretär des Inneren, den Sekretär des Handelsamts, den General-Postmeister, von denen jeder einen Zweig der Verwaltung dieses Landes vertritt, die aber alle zusammen die englische Nation verkörpern. So können wir auch nicht sagen, daß der Zionismus nur eine politische Bewegung ist, die geleitet und vertreten wird von einem Staatssekretär des Auswärtigen" Es war eine falsche Meinung von Anbeginn an, erfunden von unseren Freunden, den Gegnern, und später von denen aufgenommen, die uns glauben machen wollten, sie seien unsere Freunde, aber auf einem falschen Wege und in einem unrichtigen Sinne. Für unsere Gegner war . es ein Schlagwort, ein Nagel, um daran ihre Gegnerschaft zu hängen und feierlich zu erklären, daß sie einen Verband nicht unterstützen könnten, der ihre politische Lage unter den Nationen, in deren Mitte sie lebten und wo sie volles Bürgerrecht besaßen, aufs Spiel setzte. Der Zionismus ist also ebensosehr politisch wie praktisch, er ist ebenso eine ökonomische wie eine Eiziehungsfrage, er verkörpert tatsächlich jeden Gedanken und jede Hoffnung, für deren Durchführung die nationale Wiedergeburt auf dem überlieferten nationalen Boden erstrebt wird. Philanthropisch ist er nicht, denn dann würde er arm machen, und wir verwerfen alles, durch das unser Volk verarmen könnte. Unser erstes und heiligstes Streben geht darauf aus, unserem Volke durch eigene Selbsthilfe, durch eigene Betätigung ein Heim zu schaffen. Durch unsere eigene Arbeit, durch unsern Geist, unsere Hände und unsere Herzen wollen wir die Judenfrage lösen und die Wiederaufrichtung unseres Volkes erlangen. Uni dieses auszuführen, müssen wir aus jeder Gelegenheit Vorteil ziehen, wann immer und wo immer sie uns geboten wird. Wenn wir einmal das Ziel, nach dem wir streben, mit politischen Mitteln erreichen können, dann soll Politik die einzige Tätigkeit derer sein, die berufen sind, unsere Bewegung zu führen und zu vertreten. Wenn man aber gefunden hat, daß politische Arbeit nicht so erfolgreich sein kann seit dem Tode Herzls, — nein, schon vor dieser Katastrophe war es offenbar, daß auf diesem Wege unsere Wünsche nicht so schnell befriedigt würden, als man erwartet hatte, — dann war und ist es unsere Pflicht und Schuldigkeit, einen anderen Weg einzuschlagen und alle Chancen auszunutzen, die sich der Verwirklichung unserer Idee mittels praktischer Arbeit darbieten. Aber niemand denkt auch nur im Traume daran, eine Seite unserer Tätigkeit endgültig zum Schaden der andern auszumerzen. Was immer getan werden kann, soll und muß getan werden. Was einen unmittelbaren Erfolg verheißt, muß unternommen werden; wir dürfen uns nicht in eigensinniger Hartnäckigkeit auf eine Art des Arbeitens festlegen. Das ist die wahre Bedeutung des auf dem letzten Kongreß einstimmig gefaßten Beschlusses, und niemand hat ein Recht, an dieser Entscheidung zu deuteln oder vorzugeben, daß wir uns nur auf irgendwelche Kleinkolonisation oder andere sogenannte praktische Arbeit beschränkt haben. Weder ist es Kleinarbeit, noch sind wir auf Kolonisation beschränkt. Industrielle, kommerzielle Unternehmungen, Landerwerb, Bankgeschäfte, Handel, alles fällt innerhalb der vier Ecken der praktischen Arbeit, und auch Erziehung gehört dazu. Sollten zu irgendeiner Zeit die Aussichten der politischen Arbeit größer sein als die irgendeiner anderen Art unserer Tätigkeit, so müssen wir ihr unverzüglich den Vorrang geben, ohne die praktische, erziehliche und industrielle Tätigkeit zu vernachlässigen. Hier muß ich noch einmal auf das zurückkommen, was unsere Freunde, die Gegner, und die Ungläubigen sagen. Legenden sind