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Die Welt · 1907-11-15 · 46 (15.11.1907) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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14 DIE^gELT No. 46 Herzlismus geformt? Sie haben ihn auf Charterismus verkleinert. Aber das Wort Charter ist überhaupt nicht im zionistischen Programm enthalten. Im Baseler Programm steht keine Silbe davon. Der Zionismus behauptet nicht, daß es nur ein Mittel zu seiner Verwirklichung gibt. Es gibt ein Sprichwort: Alle Wege führen nach Rom, wir möchten sagen: „Alle Wege führen nach Palästina." Wir haben das Recht, verschiedene Wege zu benutzen, und wenn uns der eine nicht zum Ziele führt, müssen wir einen anderen einschlagen, bis wir den richtigen gefunden haben. Herzl identifizierte sich nicht mit dem Begriff Charterismus, denn vor vier Jahren kündete er uns begeistert an, daß er von der Britischen Regierung ein Angebot für die Errichtung eines jüdischen Territoriums in Ostafrika erhalten habe. Allerdings klagten ihn damals gewisse Leute an, er habe den Zionismus verraten. Herzl hat die Sache, die ihm teuer war, nicht verraten; aber er glaubte, daß es nicht nur einen Weg gebe, der nach Jerusalem führt, und daß Uganda, wenn auch auf einem langen Umwege, doch vielleicht die richtige Straße sei, die uns nach Zion führen würde. Politischer Zionismus gleich diesem kann nicht sterben, denn an dem Tage, wo er stürbe, wäre auch der Zionismus selbst tot. Was ist denn der Zweck des Zionismus? Er hat die Aufgabe und die Pflicht, das jüdische Volk zu erneuern, ihm das Bewußtsein seiner nationalen Würde zu geben, in ihm das Gefühl für seine Pflichten als Nation zu erwecken, es aus seiner Vereinsamung herauszuführen und zu zeigen, daß es eine mächtige und starke Masse gibt, die ihr Gewicht bei der Abwägung der Weltpolitik in die Wagschale werfen kann. Das ist das Ziel, das ist der Daseinsgrund des Zionismus; beide sind rein politisch. Wenn der Zionismus sich darauf beschränkt, eine kleine Anzahl Juden in Palästina anzusiedeln, mit dem einzigen Zwecke, einige Glieder einer Rasse zu zeigen, die künstlich verpflanzt worden sind, etwa so, wie man Kuriositäten in einem Museum zeigt, ein solcher Zionismus hätte weder das Recht noch die Möglichkeit, die Flamme des Judentums für seine Durchführung zu entfachen.Was der Zionismus will, ist sehr verschieden. Er will ein lebendiges Judentum, verjüngtund glücklich, das seinen Stolz nicht nur auf seine Vergangenheit aufbaut, sondern das mit Slolz auf sein neuerwachtes Nationalbewußtsein und in die Zukunft blickt, ebenso hoch gestellt, wie die andern Nationen, die heute mit Verachtung auf es herabblicken. Wenn wir keinen Erfolg haben, so mögen sie uns mit Recht sagen: Sie sind unfähig und können nichts erreichen. Dann aber werden andere das Werk aufnehmen, das wir so schlecht ausgeführt haben. Vor der Eröffnung des Kongresses erfuhren wir von gewissen Vorschlägen, die gemacht worden waren, um dem Zionismus einen unmittelbaren praktischen Charakter zu verleihen. Diese Vorschläge waren: die sofortige praktische Ausbeutung des Kapitals der Jüdischen Kolonialbank und des Nationalfonds, die Schaffung einer Agrarbank, die Gründung von Unterrichtsinstitutionen, Es war unsere Absicht, diese Vorschläge mit unserer ganzen Kraft zu bekämpfen. Wir wollten mit unserer ganzen Macht den verbrecherischen Versuch bekämpfen, das so mühevoll gesammelte Geld, den Spargroschen, den so mancher Arme Pfennig um Pfennig gesammelt hat, wegzuwerfen. Glücklicherweise wurde dieser Vorschlag abgelehnt. Es wurde lediglich beschlossen, daß die Anglo Palestine Company Darlehen auf Hypotheken gewähren soll". Meiner Meinung nach ist dies ein Mißgriff in einem Lande, wo Grundeigentum nicht existiert. Aber es wurde beschlossen; und das ist der einzige Beschluß des Kongresses, der nicht über jeden Tadel erhaben ist. Ich habe die Überzeugung, daß er rein platonisch bleiben wird. Die anderen Beschlüsse des Kongresses, betreffend die Einsetzung der Palästina- Kommission und der Arbeit, die praktische Angelegenheiten betrifft, haben unsere volle Billigung, und wir haben zu den Männern, die damit betraut wurden, das größte Vertrauen. Ich weise die Idee eines Gegensatzes zwischen den Begriffen praktischer und politischer Zionismus zurück. Wir haben immer Verständnis für die praktische Arbeit gehabt, die vom Zionismus in Palästina ausgeführt werden kann, und wir haben sie jederzeit unterstützt. Aber was wir gesagt haben ist, daß wir keine Einwanderung nach Palästina empfehlen können, solange wir dort nicht Freiheit genießen. In Palästina leben jetzt mehr als 60000 Juden, von denen eine große Zahl Chalukaempfänger sind. Wir müssen sie in Elitemenschen umwandeln. Wir müssen beginnen, sie zu erziehen, und es ist vielleicht ein Fehler gewesen, daß wir dies nicht schon getan haben. Aber wir sagten unseren Freunden auf dem Kongresse, wir wollten die Möglichkeiten studieren, die Palästina uns bietet. Sachverständige sollen die ökonomischen Bedingungen des Landes studieren, sie sollen uns Aufschluß geben über Export und Import, sie sollen uns sagen, was die Industrie zu leisten imstande sein wird. Bevor wir an diejenigen unseres Volkes denken, die nach Palästina zu gehen wünschen, müssen wir uns mit denen beschäftigen, die schon im Lande wohnen, oder wenigstens mit denen, deren einziger Wunsch es ist, das Land zu verlassen. Jetzt ist nicht der Augenblick, neue Elemente dahin zu verpflanzen, wir müssen unsere Kräfte darauf sammeln, in Palästina ein Milieu zu schaffen und aus ihm ein Land der Zukunft zu machen, das Land der Zukunft des jüdischen Volkes. Wir sollen Kulturmöglichkeiten in Palästina schaffen. Wir sind der Meinung, daß eine Versuchsfarm dort eingerichtet werden soll, wo die Bedingungen für Ackerbau studiert werden können. Die Kosten des ersten Jahres würden meiner Meinung nach ungefähr 50 000 Francs betragen, die sich in späteren Jahren vielleicht auf 12000 vermindern würden. Sodann ist es erforderlich, sich mit der türkischen Regierung in Verbindung zu setzen, um von ihr schrittweise Konzessionen zu erhalten, so klein sie auch sein mögen. Andere Nationen bauen Eisenbahnen oder beginnen große Unternehmungen, warum sollen wir uns nicht um das Recht bemühen, Straßen oder Kanäle zu bauen? Wenn wir nur schon eine Wasserleitung nach Jerusalem bringen könnten, wäre dies schon ein großer Erfolg. Der Nutzen solcher Konzessionen wäre ein zweifacher: sie würden dem Lande und den Juden Vorteil bringen. Sie würden uns auch in permanenten Kontakt mit der türkischen Regierung bringen, die uns kennen lernen und sehen würde, daß wir keine Träumer oder Utopisten sind, sondern Männer, die in der Lage sind, nützliche Arbeit zu verrichten. Das sind die Vorschläge, die wir gerne vor den Kongreß gebracht hätten. Diejenigen, die angenommen worden sind, sind zwar davon etwas verschieden, wir haben aber nichtsdestoweniger dafür gestimmt. So lange wir nicht in der Lage sind, der Türkei irgend etwas positives, das wir erreicht haben, zu zeigen, dürfen wir nicht an einen Charter denken. Der VIII. Kongreß hat die politische Seite und Tendenzen des Zionismus nicht besonders betont; er hat einen mehr oder weniger ausführlichen Plan der praktischen Arbeit für die nächsten zwei Jahre geschaffen. Ich erwarte davon keine bemerkenswerten Resultate; aber zwei Jahre bedeuten nichts im Leben eines Volkes, und wenn wir auch wirklich einen neuen Schlag erleiden sollten, der Zionismus ist stark genug, ihn auszuhalten, und brauchte deswegen nicht entmutigt zu werden. Jedenfalls können wir der Erfahrung und der Klugheit der Männer, die wir in die Palästinakommission berufen haben, vertrauen, daß sie nicht zu weit gehen werden, daß sie nicht schwere Fehler begehen werden; vor allen Dingen aber wissen wir, daß sie unser Geld nicht verschleudern werden. Darum wollen wir mit Sympathie das betrachten, was diese Männer versuchen werden, zu erreichen. Laßt uns ihnen helfen, damit sie Erfolg haben, und laßt uns versichert sein, daß, wenn sie fehlgehen, die Schuld nicht sie treffen wird, sondern in den Umständen begründet ist. Auf dem IX. Kongresse werden wir von ihnen Rechenschaft fordern über das, was sie getan haben. Mittlerweile bleibt unsere Pflicht, was sie immer gewesen ist: Das Gewissen des jüdischen Volkes aufzuwecken. Das ist das letzte Wort, das wir dem jüdischen Volke zurufen. England Eine Rede Dr. Gasters London: Der neuerdings gegründete Verband der Eastend Zion Societies hielt am Samstag den 2. ds. eine sehr gut besuchte Versammlung im Jüdischen Arbeiterklub ab. Der Redner des Abends war Dr. Qaster. Dieser führte folgendes aus: Der achte Kongreß, über den ich Ihnen zu berichten habe, bedeutet einen überaus wichtigen Punkt in der Entwicklung der zionistischen Bewegung. Ein neues Kapitel hat mit ihm begonnen, das mit Aufmerksamkeit zu studieren unsere Pflicht ist und aus dem wir Schlüsse für unsere zukünftige Tätigkeit ziehen müssen. Wenn wir das tun, liegt die Zukunft unserer Bewegung klarer vor uns; denn die Periode des unsicheren Tastens ist vorbei, und das Kapitel der Zufälligkeiten ist, wie ich hoffe, nunmehr definitiv erledigt. Um die Merkmale dieses Kongresses vollständig erfassen zu können, ist es unbedingt erforderlich, unsere Augen rückwärts zu wenden und uns die Ereignisse der letzten vier oder fünf Jahre ins Gedächtnis zurückzurufen. Ebenso müssen wir des Spottes all jener eingedenk sein, die uns höhnisch fragen, was wir getan haben und inwiefern es uns gelungen ist, das Werk, von dem wir dem Volke gesprochen haben, auszuführen. Gerade dieser Spott ist die Ursache davon gewesen, daß wir nicht so viel erreicht haben, als uns gelungen wäre, wenn wir mehr Sympathie und Beistand anstatt Kritik und Feindschaft gefunden hätten. Diejenigen, die in die Speichen unserer Räder gegriffen haben, die alle Mittel gebraucht haben, uns zu stören und uns zu hindern, soviel oder sowenig, wie wir tun wollten, auszuführen, sollten wahrhaftig die letzten sein, uns zu kritisieren. Der Fehler liegt vor ihrer eigenen Thüre. Sie haben versucht, unsere Reihen zu verwirren, aber sie würden nicht so viel Erfolg gehabt

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