Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 46 DIE EHIELT 13 seine numerische Schwäche hin. Er fordert die ökonomische Hebung der jüdischen Masse. Da noch eine große Anzahl von Delegierten sich zum Worte gemeldet hat und die Zeit schon vorgerückt ist, schritt man zur Wahl von Generalrednern. Dr. Wurzel pro, tritt für die energische Weiterführung der politischen Arbeit ein, da dadurch das nationale Selbstbewußtsein der Juden bedeutend gefördert wird. Er verlangt aber die Schaffung einer besonderen national-jüdischen Partei, welche die politischen Agenden übernehmen sollte. Ihr sollen aber nicht nur Zionisten, sondern alle Nationaljuden angehören, denn es wäre eine Niederlage für unsere ganze Politik, wenn wir die Zionisten von den Nationaljuden im Lande trennen wollten. Der Redner bekämpft insbesondere den Antrag des Del. Dr. Wald mann. Del. Schreiber verweist auf den Widerspruch in dem Referate des Dr. Brau de. Entweder ist die zionistische Partei keine politische, dann führen wir überhaupt keine besondere Politik, oder wir wollen uns politisch betätigen, dann muß es die zionistische Partei als solche sein, welche diese Politik zu leiten hätte. Die Politik ist für uns eine unvermeidliche Notwendigkeit, weil wir sonst die jüdischen Massen verlieren. Wir waren bis nun schwach, eben darum weil wir die politische Tätigkeit nicht anerkennen wollten. Wir müssen die Politik als Zionisten führen oder wir entsagen jeder realen Arbeit um das Wohl unseres Volkes. Del. Seelenfreund spricht sich gegen den Antrag Waldmanns aus. Die Politik steht in keinem Zusammenhange mit dem eigentlichen zionistischen Programm. Man sagt, sie sei unser Minimalprogramm, während das zionistische Ideal unser Maximalprogramm darstellt. Was werden aber die jüdischen Abgeordneten im Parlament für dieses Maximalprogramm tun können? Die zionistische Organisation wird ihre eigentliche Agitationsarbeit weiterführen, da doch nicht alle unsere Aufgaben schon vollführt worden sind. In der national-jüdischen Organisation werden wir mit denen allen mitarbeiten, welche die Verbesserung der elenden Lage, in der sich jetzt unser Volk befindet, erstreben. Del. Dr. L. Reich wendet sich gegen die Ausführungen des Dr. Thon. Die Landespolitik haben wir nicht aus Mandatenjägerei erfunden. Das Volk hat von uns die Führung einer besonderen, zionistischen Politik verlangt. Nicht für die Personen hat es sich in dem Wahlkampfe begeistert, sondern für die Idee, für die zionistische Idee, die unsere Kandidaten vertreten. Was aber den Juden nützt, nützt auch dem Zionismus. Niemals haben wir ein so intensives nationales Leben bemerkt, als eben jetzt nach den Wahlen. Das aber ist für mich Zionismus und nicht nur das Schekelsammeln. Wenn wir uns Führer des jüdischen Volkes nennen wollen, müssen wir es wirklich führen. Das Volk aber will sich seine Rechte durch eine nationale Politik erkämpfen. Wir stehen jetzt vor der Frage: sein oder nicht sein! Nicht nur die Lebensfrage der neuen politischen Idee soll jetzt entschieden werden, sondern sogar die Zukunft des Zionismus. Dr. Braude ergreift nun als Referent das Schlußwort, um zu betonen, daß eine erdrückende Majorität für die Weiterführung der national-jüdischen Politik sich auch in dieser Konferenz ausgesprochen hat. Meinungsverschiedenheit herrscht nur in unseren Reihen in bezug auf die Form dieser politischen Organisation. Oer Redner beweist noch einmal, daß wir aus formellen und sachlichen Gründen nicht die Möglichkeit haben, im Rahmen der zionistischen Organisation die national-jüdische Politik zu führen. Wir suchen einen Ausweg und haben ihn in der Form gefunden, die ich ihnen vorgeschlagen hatte. Nun sollte zur Abstimmung geschritten werden. Da aber die Situation noch unklar und anderseits die Zeit schon so vorgerückt war, daß es unmöglich schien, einen so wichtigen Beschluß ohne eine entsprechende Vorbereitung zu fassen, — wurde auf Antrag des Del. Horowitz beschlossen, über die Frage des Verhältnisses der zionistischen Organisation zu der politischen Partei jetzt nicht abzustimmen. Die Entscheidung soll der nächsten Landeskonferenz überlassen werden. Es ergriff noch Dr. Braude das Wort, um in herzlichen Worten für seine Wahl zum Präsidenten des neuen Zentralkomitees vx\ danken und im Namen dieses Z. K. eine eifrige und unaufhörliche Arbeit für die zionistische Idee zu versprechen. Darauf schloß der Vizepräsident N. Tartakower die Konferenz, indem er der akademischen Verbindung „Emunah" für die Erhaltung der Ordnung und Vorbereitung der Konferenz, und den Delegierten für ihre sachliche, anstrengende Arbeit seinen Dank ausspricht. Um 12 Uhr abends verließen die Delegierten mit dem Odloawdah-Liede den Saal. Frankreich Reden Dr. Nordaus und Dr. Marmoreks Paris: Die französische Zionisten-Federation veranstaltete am 2. November im Saale Lancry eine große Versammlung, in der Dr. Max Nordau, Dr. Alexander Marmorek und Dr. Simon Ginsburg Bericht über den VIII. Kongreß erstatteten. Mehr als 800 Personen, hauptsächlich Mitglieder der russischen Kolonie in Paris und russische Universitätsstudenten, waren in der Versammlung anwesend. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte die Versammlung insbesondere der Rede Dr, Nordaus, der ebenso wie Dr. Marmorel> in deutscher Sprache sprach. Seine und Dr. Marmoreks Ausführungen erweckten bei den Zuhörern stürmischen Beifall. Nach den einleitenden Ausführungen Dr. Ginsburgs sprach Dr. Marmorek ungefähr folgendes: Die äußeren Umstände, unter denen der Kongreß abgehalten wurde, waren sehr günstig. Wir sammelten uns in der Hauptstadt des Landes, das als eines der ersten sich die Freiheit errungen hat Seitens der niederländischen Juden wurde uns ein herzlicher Empfang zuteil, und mit dankbarer Aufmerksamkeit lauschten wir den freundlichen Begrüßungsworten des Mannes, der in seinem Staate eine der höchsten Ehrenstellen bekleidet und von seinen Volksgenossen wärmstens verehrt wird. Die tiefe Bewegung, mit der der VIII. Kongreß den Worten de Pintos zuhörte, konnte nicht gestört werden dadurch, daß er ausführte, der Zionismus sei lediglich zum Wohle der Armen und Verfolgten da. Wir wissen im Gegenteil, daß der Zionismus das ganze Judentum und seine Zukunft umfaßt. Vor zehn Jahren haben wir begonnen, an dieser Zukunft zu arbeiten. Aber wir dürfen uns nicht selbst betrügen: Wir haben nicht gearbeitet, um einen palästinensischen Territorialismus zum Vorteil einiger hundert Juden zu schaffen. Wir wollen die Judenheit anfeuern, selbst Hand an die Arbeit zu legen und ihre Würde wieder zu erlangen. Vor der Rückkehr ins Judenland müssen wir zum Judentum zurückkehren. Unsere Gegner behaupten, daß sie die Praktischen seien. Aber was sie uns vorschlagen, ist nichts weniger als praktisch. Sie wünschen etwas Praktisches aus der Bank zu machen, womöglich eine ultrazionistische Bank. Ihr Vorschlag, eine Agrarbank in Palästina zu schaffen, war unmöglich. Die Frage wurde auf dem Kongreß erörtert und verworfen. Das ist nicht unser Zionismus. Was wir wollen, ist, Enthusiasmus in unser Volk zu tragen. Ehe wir uns um kleine praktische Dinge bekümmern, müssen wir unser Volk erwecken. Auch wir wollen praktische Arbeit in Palästina, wir waren die ersten, die sie gefordert haben. Aber wenn wir gezwungen sind, still^zu stehen, dürfen wir unser Ideal nicht verlieren. Ist denn noch nichts Praktisches getan worden? Was sind denn unser Nationalfonds, unsere Bank, die Palästina-Kommission und die Institutionen, die jetzt gegründet werden? Jetzt aber wollen gewisse Leute unsere Bank in Gefahr bringen, diese Bank, die nicht wie andere durch Zahlungen großer Aktionäre, sondern hauptsächlich von den Armen gegründet worden ist. Das ist es, was der VIII. Kongreß so gut begriffen hat: Er wünschte nicht, auf einen gefährlichen Weg geführt zu werden. Auf dem Kongresse waren wir alle geeinigt, und unsere Beschlüsse wurden fast ausnahmslos einmütig angenommen. Damit der Zionismus auch weiter Erfolg habe, müssen wir bei seinem Ideal verharren, wenn es auch noch so weit entfernt ist. Dies Ideal wird nicht ausgelöscht werden. Es ist in wenigen Worten ausgedrückt: „Dem jüdischen Volke das Bewußtsein seiner nationalen Würde zu geben." Dr. Nordau sprach folgendes: Eine große Anzahl Zeitungen behauptete in ihren Berichten über die Resultate des VIII. Zionistenkongresses, daß sein hauptsächliches Merkmal das sei, daß er dem politischen Zionismus ein Ende gesetzt habe. Wenn eine solche Feststellung richtig wäre, wäre sie gleichbedeutend mit der Behauptung, daß dieser Kongreß das Ende des Zionismus bedeute. Tatsächlich ist der Zionismus entweder politisch, oder er existiert überhaupt nicht. Allezeit ist er als politisch betrachtet worden, seine Pläne sind immer politische gewesen, sein Ausgangspunkt, seine wahre Daseinsberechtigung sind politisch, und er kann nur durch politische Mittel verwirklicht werden. Der VIII. Kongreß hat den politischen Zionismus nicht getötet; er hat lediglich dem politischen Zionismus eine neue Auslegung gegeben und hat seinen Begriff erweitert. Es wurde gesagt, daß politischer Zionismus gleichbedeutend sei niit Herzlismus, und daß derHerzlismus mit seinem Gründer gestorben sei. Welchen Begriff haben aber die Verkleinerer des Zionismus aus