Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 46 DIEÄELT Qewänder erstickten jungen Mannes, auf dem Fußboden liegend, gesehen haben. Nach der anderen — offiziellen — Lesart, fand man den jungen Mann in seiner Zelle in einem bewußtlosen Zustande. Man mußte ihn mit großer Mühe durch die Korridore, den Hof, bis jenseits der Iwanowschen Wälle, d. h. bis an den Hinrichtungsplatz, förmlich halb tragen, halb schleppen. Erst nachdem er den kalten, dicken Strick auf seinem Halse gefühlt hatte, gewann er sein Bewußtsein wieder und stieß einige Rufe aus. Dann war es zu Ende. Aber das ist nicht das Schrecklichste, — fuhr der Verteidiger in seiner Erzählung fort. — Das Schrecklichste war für mich die Begegnung mit der alten Mutter. Einige Tage nach der Hinrichtung, — ich kam dann müde und abgehetzt von den Gerichtshöfen nach meinem Bureau, — da saß die alte Jüdin. Schauer durchrieselten mich, als ich ihrer gewähr wurde. Ihr Qesicht strahlte vor Freude; mit einer zudringlichen Herzlichkeit griff sie meine Hand, küßte sie und sagte halb schluchzend: Danke! Qott belohne Sie! Sie haben mein Kind gerettet! Gott ... Es stellte sich dann heraus, daß sich die alte Jüdin im Gefängnis erkundigt hatte und daß man ihr dort — war es eine Verwechslung, oder ein Scherz! — gesagt hatte, ihr Sohn sei begnadigt worden. Ich konnte kaum meine Aufregung beherrschen. Ich stammelte: Ja, wahrscheinlich, hoffentlich, doch ist es noch nicht beschlossen. Reisen Sie ruhig nach Hause. Sie richtete an mich einen flehentlichen Blick, verabschiedete sich und reiste nach L. zurück. Seit jenem Tage empfinde ich eine unendliche Furcht, die alte Jüdin könnte bei mir noch einmal erscheinen. Ich ließ ihr in jüdisch-deutscher Sprache einen Brief schreiben, in dem ich ihr über das Unglück Mitteilung machte, zu trösten suchte und in frommer Weise die „Jahrzeit" angab, trotzdem kann ich mich /on meinem Angstgefühl einer möglichen Begegnung nicht befreien. So oft ich müde und abgehetzt aus den Gerichtshöfen nach Hause zurückkehre, frage ich immer den Droschkenkutscher, ehe er vor mein Haus vorfährt: Wartet nicht eine alte Jüdin vor dem Hause? Und noch im Bureau glaube ich immer, sie lauere in irgend einem Winkel und sei bereit, jeden Augenblick zu erscheinen. VI. Auf der Suche Ein junges Weib hielt mich auf der Straße an, — erzählte mir der Rechtsanwalt. Sie faßte mich bei der Hand und sagte: Ach, Herr Rechtsanwalt, bitte, erbarmen Sie sich, verteidigen Sie! Es ist doch gar nicht möglich . . . Ich blieb — fuhr er fort — im ersten Augenblicke stehen. Ich war ganz verblüfft. Auf der Straße? Was war da los? Ich stellte einige Fragen an das junge Weib. Als sie mich an der Hand hielt, empfand ich ein Zucken. Von ihren Augen blitzte es unheimlich. Sie sagte: Der Bruder ist nicht da,. .. Der Hauswirt hat hinauswerfen lassen . . . Mutter krank. . . . Herr Rechtsanwalt! Ein vorbeigehender Kollege hatte dies bemerkt und winkte mir, ihm zu folgen. Ich ging ihm nach, und er erklärte mir das Rätsel. Eine kränkliche Witwe wohnte mit Sohn und Tochter unweit von hier in einer kleinen Wohnung auf dem vierten Stocke einer Mietskaserne. Der Sohn war Handwerker und ernährte die Familie kümmerlich. Während irgend eines Straßenauflaufs wurde er im Tumult verhaftet und ist seitdem verschollen. Einige Zeit hatten sich Mutter und Tochter durchgehungert, durchgequält, die Zahlung des Mietszinses immer aufgeschoben. Zuletzt wurden sie aus der Wohnung hinausgeworfen. Der elende Hausrat lag auf dem Hofe. Die Mutter wurde vom Schlage getroffen und starb dort auf dem Hofe. Das Mädchen verlor die Sinne. Sie geht seitdem in der Nähe der Gerichtshöfe herum, und wenn sie einen Herrn mit einem Portefeuille erblickt, spricht sie ihn immer in derselben Weise an. Sie sucht ... die Gerechtigkeit. I o o o o o o o 1 /P=--=?= ^: 1 ^ooooooojj AUS DER BEWEGUNG | o o o o o o — I o o o o o o o Deutschland Hamburg: Die zionistische Ortsgruppe von lamburg-Altona hielt eine öffentliche Versammlung m Velodrom ab, die sich eines so zahlreichen Besuches ai erfreuen hatte, daß der große Saal schon lange vor beginn der Versammlung bis auf den letzten Platz dicht cefüllt war. Die Tagesordnung lautete: „Jüdische vultur- und Erziehungsaufgaben." Das Referat Matte der ehemalige Duma-Abgeordnete Dr. Schemarja -ewin-Wilna übernommen. Der Redner führte u. a. us: Wer sich mit jüdischen Kultur- und Erziehungsmfgaben beschäftigen will, muß seine Blicke zunächst ■iach dem Osten, nach Rußland wenden, da dort der /eitaus größte Teil der Juden, allerdings auch in der vlehrheit in ärmlichen, bedrückten Verhältnissen, lebt. \ber trotz der drückenden Verhältnisse ist das Bestreben ier östlichen Juden in erster Linie auf die Aneignung on Bildung gerichtet, haben doch die russischen Juden in den letzten Jahren viele Millionen für Bildungszwecke und für die Errichtung eigener Schulen aufgebracht, da die Regierung die Juden systematisch vom Besuch der staatlichen Schulen ausschließt. Von kultureller Bedeutung ist auch das Wiederaufleben der hebräischen Sprache in Osteuropa, die aber dort trotz ihrer großen Verbreitung, welche sie bei den Anhängern des Zionismus gefunden, nur ein Kunstprodukt geblieben ist, während sie sich erst in Palästina in den letzten 25 Jahren zu einer lebenden Volkssprache entwickelt hat. Der Redner hat sich bei seiner letzten Studienreise in Palästina davon überzeugt, daß die vom Hilfsverein deutscher Juden dort eingerichteten Schulen und Kindergärten als Förderer der Kultur sich glänzend bewähren. Palästina ist das einzige Land, in dem sich die Juden ungehindert entwickeln können. Alle diejenigen jüdischen Elemente, die sich in den übrigen Ländern nicht assimilieren wollen oder können, mögen dort dereinst ß §i S :& i.