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Die Welt · 1907-11-15 · 46 (15.11.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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DI E SÄE LT No. 46 Lemberg erscheint der zionistische „Wschod" in polnischer Sprache. Die Wenigen also, die speziell in Russisch-Polen die Nachrichten über Zionismus in polnischer Sprache lesen wollen, konnten jetzt dieses Blatt nicht erhalten, jetzt, in der Zeit der allgemeinen Verarmung, der Krisen, der Unsicherheit, der Inanspruchnahme der dünn gesäten Bemittelten durch die elementarsten Notbedürfnisse der Wohltätigkeit. In Ehren existierte das Blatt, und in Ehren hat es seine Existenz eingestellt. Es war kein Reptil irgendeiner herrschenden Klique; es diente einer Idee. Eine Unbotmäßigbeit, eine Auflehnung gegen die bestehenden machthaberischen, entnationalisierenden Verwaltungstendenzen füllte es aus. Es überschäumte, wie alles, was jung ist — aber es war brav, uneigennützig und sein vorlaut polternder Hochmut war — die Begeisterung der Jugend. Während seiner kurzen Dauer hatte es einige Preßprozesse, — Ehrenwunden, die jeden Kämpfer schmücken. Es schrieb frank und frei über Bialystok und Siedice, während die andern praktisch, nur ganz oberflächlich, wie mit Fingerspitzen, diese Volkskalamitäten berührt haben. „Zycie Zydowskie" war ebensowenig eine conditio sine qua non des Zionismus in Polen, wie irgendein anderes Propagandatnittei. Gibt man nicht dieses Blatt heraus, so wird man ein anderes Blatt herausgeben. Das Warschauer Zionistenbureau veröffentlicht jetzt ein Blatt unter dem Namen „Zion", hebräisch und Jargon. Vielleicht findet man noch andere Publikationsmittel. Die kurzsichtigen Beobachter vrestehen nicht einmal die Tatsache des Versuches mit dem „Zycie Zydowskie" richtig zu werten. Es sieht nicht so aus, als ob es ein zionistisches Gebot wäre, ein Blatt durchaus in polnischer Sprache herauszugeben und jetzt, da es eingestellt worden ist, habe sich der Zionismus eine Blöße gegeben. Im Gegenteil — das war das Ergebnis einer Rücksichtnahme auf die lokalen Bedingungen, eine Geltendmachung praktischer Erwägungen. Hätten die Assimilanten einen feineren Blick für höhere Landespolitik, so müßten sie diese Anpassung sympathisch begrüßen. Denn erstens war es eine gewisse lokale Nuance, die im Weltzionismus eine spezielle Berücksichtigung polnischer Verhältnisse bewirken mußte, zweitens konnte der Zionismus im Lichte der öffentlichen Presse verstanden, diskutiert und kritisiert werden. Aber wir haben es mit einer groben, philistriösen Assimilation zu tun. Möge sie sich freuen! Wir gönnen ihr diesen „Genuß". O (l □□□□□□ o o Q FEUILLETON □ □□□ Hj§ ROTE STRAHLEN Von N. SOKOLOW V. Die Furcht vor einer Begegnung. Der Untersuchungsrichter und der Staatsanwalt — so erzählte mir der Verteidiger — qualifizierten ihn als einen Anarchisten. Er wurde aus B. nach W. gebracht und mußte in W. abgeurteilt werden. Es handelte sich um eine Schießerei auf Polizisten. Zwar wurde niemand auch nur verletzt, doch war die Sache arg. Ich wußte, daß dem Angeklagten die Todesstrafe drohte. Als ich ihn in der Zelle sah, sagte er mir : „Es kann doch nicht schlimm werden. Ich kann doch nur auf Grund des § 126 angeklagt werden." Dieser Paragraph bezieht sich auf das Angehören zu einer staatsgefährlichen Organisation und die Maximalstrafe ist „lebenslängliche schwere Arbeit in den Bergwerken". Mein Klient schien eine gewisse Kenntnis des Strafgesetzbuches zu besitzen. Aber leider mußte ich — das ist mein Prinzip — seiner optimistischen Anschauung entgegen treten. Das Angehören an eine staatsgefährliche Organisation, — sagte ich — kann tatsächlich nicht die Todesstrafe nach sich ziehen, wohl aber das Attentat, bei dem ein anderer Paragraph mit Todesstrafe in Betracht kommt. Er wurde bleich und bat mich, dafür zu sorgen, daß ihm seitens einiger Rechtsanwälte eine energische Verteidigung zuteil werde. Ich versprach ihm, alles zu tun, was in Menschenkräften liegt. Er schien dann ruhiger. Im Laufe des darauffolgenden Tages wiederholte er mir mehrere Male : Es kann doch nicht zu einer Todesstrafe kommen! Ach, wie hing der am Leben! Er war gegen 22 Jahre alt, — der einzige Sohn einer alten Mutter, die in L. lebte. Er behauptete, für seine Mutter leben zu müssen. Die alte Jüdin bestürmte mich mit Briefen. Sie kam auch zu mir nach W., weinte bitterlich und beschwor mich, alles zu tun. Ich versprach es ihr, und sie reiste beruhigt nach L. zurück. Ich selbst war meiner Sache gar nicht sicher. Die Verhandlungen haben meinen Pessimismus bestätigt. Der Angeklagte selbst hatte schon, als ihm die schlechte Wendung klar wurde, den Vorgeschmack des Urteils. Er wurde leichenblaß, zitterte, fiel in sich zusammen, — ein Bild des Jammers und der Verzweiflung! Das Urteil lautete: Tod durch den Strang. Als ich mich, nach Verkündigung des Urteils, dem jungen Manne nahte, sagte er mir in russischer Sprache : Wie gefällt Ihnen das? Wohl waren die Worte russisch, aber die ganze Redensart, die Intonation und die Geste waren typisch-jüdisch. Ich flößte ihm Hoffnung ein. Ich sagte ihm, es sei fast sicher, daß die Todesstrafe in lebenslängliche „Katorga" umgewandelt werden würde. Noch an demselben Tag appellierten wir an das höhere Militärgericht in W. Drei Wochen mußten wir warten. Ich begann auch schon wirklich zu glauben, daß eine Begnadigung erfolgen werde. Wahrscheinlich unterzog man den Prozeß einer neuen Untersuchung, — sagte ich mir und suchte in diesem Sinne auch den jungen Mann zu beschwichtigen. Nach drei Wochen kam eine Absage . . . Ich habe den Unglücklichen nicht mehr sehen können. Ober seine letzten Tage und über sein Ende zerfallen meine Berichte in zwei Teile. Beide sind darin einig, daß er in den letzten Tagen nervös, nieder geschlagen, moralisch ganz vernichtet war. Nur übei das Ende gehen die Berichte auseinander. Die Qefängniskameraden erzählen, daß er einige Tage lang wie betäubt da lag, und als die Wächter eintraten, um ihn zur Hinrichtung zu führen, soll er seine Geistesgegenwart wieder gewonnen und aus geschrien haben : Ich gehe nicht von dannen. Es enL spann sich dann zwischen ihm und den Wächtern une Soldaten ein verzweifelter Kampf, so daß der ganze „Pavillon" von entsetzlichen, herzzerreißenden Wehrufe! widerhallte. Er soll in der Zelle erstickt und nur zun Schein nachher erhängt worden sein. Einige Häftlinge die im Korridor vorbeigegangen sind, wollen durch das Schlüsselloch die Leiche des durch Handtücher une

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