Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 46 DIE ELT zum vollständigen Ignorieren der nationalen Interessen gehen, eine solche Entartung des nationalen Gefühls läßt sich durch keine Phrasen heilen, aber die gesetzlichen Vorschriften zu achten, sind sie verpflichtet, und wenn sie dies nicht begreifen, so muß man ihnen dieses Verständnis durch entsprechende Maßregeln beibringen". Das Bezeichnende dieser maßlosen Strafpredigt besteht darin, daß eigentlich schon früher, sogar in der schrecklichen Zeit des Plehweschen Regimes, das Handelsministerium auf dem Standpunkte stand, daß man keine Beschränkungen bei der Aufnahme der Juden in die technischen Hochschulen zur Geltung kommen lassen sollte. Auch als Witte Finanzminister war, (ein Handelsministerium gab es damals in Rußland noch nicht) ließ man die Universitätsbeschränkungen bei der Aufnahme in die technischen Hochschulen nicht gelten und wenigstens wurde immer eine, die beschränkende Norm übersteigende Anzahl zugelassen. Es hieß damals, die Juden seien ein zu bedeutender kommerziell-industrieller Faktor im russischen Leben, als daß man sie, ohne die Interessen des Staates zu schädigen, auch auf diesem Gebiete beschränken könnte. Damals wagten auch die Plehweschen Reptilien in der Presse nicht gegen diese, nicht gerade judenfreundliche Anschauung, Front zu machen. Jetzt aber, im dritten Jahre der Konstitution, nach dem bekannten Oktobermanifest, am Vorabend der dritten Duma, erdreistet sich ein oktobristisches JDrgan, einen gewesenen Vizeminister in dieser Weise wegen der Überschreitung der „Gesetze" -anzugreifen. Nun sind es aber gar keine Gesetze, diese Beschränkungen bei der Aufnahme der Juden in höhere Lehranstalten, Es waren bloß ganz willkürliche, momentane, weder vom Senat, noch vom Reichsrat genehmigte Ministererlasse, sog. Zirkulare, die keine gesetzliche Kraft besitzen und deshalb, je nach dem Gutdünken der Minister, gedeutet und gehandhabt werden können. Es wäre verkehrt, zu behaupten, das russische Volk habe keine aufgeklärte und human denkende Staatsmänner. Nur werden sie auf Seite geschoben, so oft sie ihren Überzeugungen Geltung verschaffen wollen. So geschah es mit dem gewesenen Handelsminister Timirasjew, mit dem gewesenen Gehilfen des Ministers des Innern, dem bekannten Fürsten Urussow und nun auch mit dem Herrn v. Stoff. Und dies seitens einer Partei, die mehreremal feierlich erklärt hatte, sie wolle die Judenfrage nicht d'un coup, sondern etappenweise lösen. Nun wäre es doch natürlich, als erste Etappe die unsinnigen Schulbeschränkungen aufzuheben, was auch Herr v. Stoff versuchte, aber schon dieser Versuch ruft eine Anrempelung dieses Würdenträgers seitens des Oktobristenorgans hervor. Ist dies schon stark genug, so ist es dennoch nichts gegen die Sprache der eigentlichen schwarzen Organe. Zur Bekämpfung der Choleragefahr verlangt z. B. die „Rußkoje Znamja" die Vertreibung der jüdischen Ärzte und meint, dies sei um so notwendiger, als auf lern Pirogow-Kongreß hauptsächlich von jüdischen Ärzten der Beschluß gefaßt sei, den an der Cholera Erkrankten keine Hilfe zu srweisen und keine Maßregel zur Beseitigung der Cholera zu ergreifen. Selbstverständlich ist das eine Verdrehung und absichtliche Mißdeutung des Beschlusses, die Anti-Cholera-Aktion lediglich in der Vertvaltung der „Semstwo" zu konzentrieren, aber das Blatt?eht noch weiter und verlangt nichtnurdie Vertreibung jüdischer \rzte, sondern auch sämtlicher Juden. Das Blatt schreibt u. a.: „Ganz Rußland verlangt dringend die Verjagung der Juden aus dem Reichsgebiete. Und wie antworten die Konstitutionalisten uf diese allgemeine populäre Forderung? Widergesetzlich, mit iberschreitung der ihnen verliehenen Gewalt, erlauben sie den uden, sich dort niederzulassen, wo es ihnen durch das zarische jesetz verboten ist. Das ist noch nicht alles. Das zarische •jesetz bestimmt, daß in den höheren Lehranstalten nicht mehr als 0 o aller Studierenden Juden sein dürfen. Der weise Zar hat dies leshalb verordnet, weil die Juden in Rußland nur 4°|o ausmachen md deshalb nicht ausschließlich die höheren Lehranstalten für sich enutzen sollen, für deren Unterhalt das ganze russische Volk chwere Lasten trägt. Was aber tat der Minister der Volks- Hufklärung? Er erlaubt dem Gesetz zuwider, den Juden in der 'ahl, in der sie nur wünschen, in die höheren Anstalten einzureten. Das russische Volk bittet ihn, das Gesetz nicht zugunsten er Juden und zum Schaden Rußlands zu verletzen, aber er ignoriert ie Forderungen des Volkes und befiehlt die Zulassung der Juden ogar in dem Falle, wo Russen wegen Mangels an Platz abgewiesen erden. Vor der Konstitution war die russische Regierung eine assische, verletzte die Gesetze nicht und trug immer mehr Sorge ir das russische Volk als für das jüdische. Jetzt ist es anders eworden". Diese Kampagne gegen die versuchte Milderung der Ausnahmegesetze läßt leicht voraussehen, welche Wendung die Judenfrage der dritten Duma nehmen wird. Die Blätter der Rechten wie er Oktobristen greifen schon jetzt die Regierung wegen ihrer angeblichen Begünstigung der Juden heftig an. Was jetzt im Blätterwalde rauscht, dürfte binnen kurzem auch in der Duma zum Ausdruck kommen. Es ist fast sicher, daß die Echt-Russen die Regierung wegen der angeblichen Milderung der Vorschriften über das Wohnrecht der Juden außerhalb des Ansiedelungsrayons interpellieren werden. Diese Frage ist viel wichtiger, als die Frage der Beschränkungen auf dem Gebiete des Schulwesens. Viele Tausende Familien wohnen im Innern Rußlands nur dank dem Umstände, daß die Zentralregierung m gewissen Fällen durch eine liberalere Interpretierung der Gesetze ihnen kleine Zugeständnisse gemacht hat. Sollte jetzt einer strengeren Interpretation stattgegeben werden, so werden diese Massen von der Gefahr bedroht, aus ihren Wohnsitzen verjagt zu werden. Es ist aber anzunehmen, daß die Stolypin'sche Regierung diesen radikalen Forderungen nicht entgegen kommen wird. Das ist der Schwerpunkt der jetzigen russischen Regierungspolitik bezüglich der Juden. Die russische Regierung will sich den Anschein geben, daß sie über den Parteien steht. Das hat auch die Partei der Schwarzhundert klar begriffen und beginnt jetzt infolgedessen eine sehr schlaue Politik. In dem genannten Hetzblatte „Rußkoje Znamja" richtet ein Herr Wasiljew einen herzlichen Aufruf an den Rat des Verbandes des russischen Volkes „er möge sich von der Öffentlichkeit zurückziehen, und wie er sich äußert, sich in die Katakomben begeben."' Dieser Aufruf hatte anfangs das Wespennest der Echt-Russen arg aufgewühlt; man verstand es nicht, warum Herr Wasiljew ein Verschwinden der Echtrussen von der öffentlichen Bühne wünscht. Erst jetzt ist dieses Rätsel gelöst worden. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Diese Melodie singt auch Herr A. Stolypin, der Bruder des Premierministers in der „Nowoje Wremja". Die Echtrussen haben während der Wahlen der Regierung in der Bekämpfung der freiheitlichen Elemente große Dienste geleistet, aber inzwischen sind in diesen Verband pöbelhafte hooligansche Elemente eingedrungen, die der Regierung das Zusammengehen mit dieser Partei unmöglich machen. Das war der Grund, weshalb das Bestreben rege wurde, sich in die Katakomben zurückzuziehen, d. h. nicht als konstitutionelle Partei an der Gesetzgebung sich zu beteiligen, sondern eine unverantwortliche Agitation in den Tiefen der Volksmassen bis zu dem Augenblick fortzusetzen, wo die Mehrheit der Volksvertreter offen in ihr Lager übergehen wird. Nachdem aber das Bild der Volksvertretung sich so total verändert hat, wird wohl die Partei der Echtrussen auf eine offene großpolitische Rolle nicht verzichten, und deshalb sprechen jetzt die Organe dieser Partei schon eine ganz andere Sprache. Für die Regierung sind die Echtrussen einerseits eine unschätzbare Hilfstruppe, anderseits eine kompromittierende Verwandtschaft. Sie hat die Echtrussen großgezogen, um sich jetzt vor aller Welt mit dem Verdienst brüsten zu können, daß sie die aggressiven Tendenzen dieses Verbandes niederhält. Einmal wird Herr Purischkewitsch die Verjagung der Juden von den inneren Gouvernements, ein anderes Mal Herr Dubrowin ihre Verjagung von den höheren Lehranstalten verlangen. Herr Stolypin, ein rocher de bronce, wird diesem Ansinnen keine Folge leisten. So wird es heißen, die russische Regierung wahre die Rechte der Juden ihren eigenen Volksgenossen gegenüber. Die öffentliche Meinung Europas wird sich kaum in diesem Chaos orientieren können; es ist deshalb von wesentlichem Wert, von vornherein die Situation klarzustellen. „Zycie Zydowskie", das in polnischer Sprache in Warschau erscheinende Zionistenorgan, ist vorläufig eingestellt worden. Dies bedeutet ebensowenig einen Niedergang des Zionismus, wie die Schließung einer Jeschiwah oder einer Talmud-Thora in irgendeinem Orte ein Erlöschen des Judentums bedeuten würde. Tausendmal haben schon die gierigen Totengräber des Zionismus seinen Untergang in die Welt hinausposaunt. Die Zionisten sind nicht in die Duma gewählt worden — hurrah! der Zionismus ist mausetot. Die Zionisten haben es nicht vermocht, in die jüdische Synagogenverwaltung ihren Mann hineinzubringen — es ist aus! Nun wird ein Kadisch anläßlich der Suspendierung des „Zycie Zydowskie" angestimmt. Es ist bezeichnend, wie manche Leute über die Lebensquellen und über die Kräfte des Zionismus denken, wie seicht und platt und kindisch sie eine Bewegung für die Erhaltung und Erlangung der heiligsten Güter einer Nation auffassen! In ihrer grenzenlosen Einfalt glauben sie tatsächlich, daß, wenn aus der Offizin Ciepla Nr. 3 in Warschau nicht jede Woche zwei Bogen bedrucktes Papier hinausflattern werden, dann sind für die zionistische Idee Tür und Tor verschlossen. „Zycie Zydowskie" hat zu erscheinen aufgehört, weil es keine Geldmittel hatte. Armut ist vielleicht für die aufgeblasenen Assimilationsprotzen eine Schande; für uns ist es keine Schande. Unsere Zionisten sind zu arm, um ein eigenes Blatt in polnischer Sprache eigens für Russisch-Polen zu erhalten. Die Masse liest Jargon, die Nationalintellektuellen bevorzugen das Hebräische; in