Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sinaitische Grundgesetze aufzustellen. Jeder Beobachter, dessen geistiger Blick moralisch und historisch geschult ist, wird hier nur die Wirkungen einer übermäßigen Neigung zur Kasuistik erkennen.] In der allerletzten Zeit regt sich ein gesunderer\Geist. Die Vertreter verschiedener Richtungen, — je mehr sie sich aussprechen, desto klarer wird uns das Vorhandensein einer einzigen Richtung vor Augen geführt. Die Unterschiede verschwinden, das Gemeinsame tritt gebieterisch hervor. Es klingt schon jetzt wie eine veraltete Melodie, wenn man es versucht, noch einmal ä tout prix die Bedeutung der Schlagwörter und der an sich berechtigten Nuancen aufzubauschen. Bs geschieht dieses immer seltener und muß schließlich der Erkenntnis weichen, daß unser Ideal dem geisterfüllten, nationalen Innenleben erwächst, daß es unsere Pflicht ist, dieses Innenleben festzuhalten, zu stärken, oder zu schaffen und daß diesem Ideal verschiedene Mittel dienstbar gemacht werden müssen. N. S. Frau Julie Herzi In der Nacht vom 9. zum 10. d. M. ist in Alt- Aussee, wo sie Erholung suchte, Frau Julie Herzl, Theodor Herzls Gattin, im 38. Lebensjahre verschieden. Nach langen und schweren, mit Ergebung ertragenen Leiden, die seit dem Hinscheiden unseres großen Toten nicht weichen wollten. Die monatelange ununterbrochene Pflege des kranken Gatten hatte das Herz angegriffen, und sie siechte langsam dahin, ohne daß die Ärzte bis in die letzte Zeit ein bestimmtes Leiden feststellen konnten. Gebrochenes Herz pflegt man das schlechthin im Leben zu nennen; daran ist sie.gestorben. In der Tat ist das Verhältnis beider Gatten stets von besonderer Zärtlichkeit gewesen. Herzl fand in der 17jährigen Julie Naschauer, als er mit ihr eine durch keinerlei äußere Rücksichten bestimmte Liebesehe schloß, eine Gefährtin, die an seinen literarischen und künstlerischen Interessen regsten Anteil nahm. Feingebildet und voll Liebe zum Schönen und ästhetisch Vollendeten, brachte sie seinem Schaffen reges und natürliches Verständnis entgegen und schuf ihm überdies die schöne und vornehme Häuslichkeit, die für Herzl eine ganze Welt war. Dabei blieb sie stets im Hintergrunde, um die Kinder bemüht, auf deren Erziehung beide Eltern äußerste Sorgfalt verwandten. Und eben diese Muttereigenschaften waren es vor allem, die ihr die Liebe des Gatten in fast überschwenglicher Weise erhielten. Herzl scheute selbst in der letzten Zeit seines Lebens keine Mühe und Anstrengung, wenn es möglich war, seine Gattin nur für wenige Stunden zu sehen. So machte er kurz vor dem VII. Kongreß auf der Reise von Petersburg nach Paris den 17stündigen Umweg über Aussee, wo seine Familie weilte, — mit dem Eisbeutel auf dem armen leidenden Herzen! Von demselben Gefühl fließen seine Briefe über. Aus seinem letzten Kuraufenthalt in Franzensbad schreibt er am 4. Mai 1904: „Mein lieber guter Schatz! Dein lieber, herzlicher Brief hat mir eine wahre Freude gemacht...... Ich weiß schon, daß ich keine bessere finde, als Dich, teure brave Mutter meiner geliebten Kinder. Ich wollte, mein Schatz, wir wären beide so gesund, wie ich dich gerne habe." Wenige Wochen darauf verschied Herzl, und nun litt es seine Witwe nicht mehr in Wien. Schwer leidend, übersiedelte sie im November 1905 nach Wiesbaden, das ihr vorübergehende Linderung brachte; aber auch hier vermochte sie nicht, den Erinnerungen standzuhalten, mit denen sie sich unausgesetzt beschäftigte. Die Außenwelt war für sie mit dem Gatten erstorben und tot. Ohne ihn vermochte sie sich mit dem Leben nicht abzufinden, ohne seine Führung fand sie sich nicht mehr zurecht. So ist ihr frühes Ende, schmerzlich und beklagenswert an sich, fast die logische Notwendigkeit in ihrem Lebensgange gewesen. Julie Herzl hat dem Zionismus keineswegs gleichgültig gegenübergestanden. Das war eigentlich selbstverständlich, soll aber besonders betont werden, weil es gelegentlich von Fernstehenden bezweifelt worden ist. Sie trat nur auch auf diesem Gebiete niemals hervor, wie das in ihrer Natur lag. Den Kongressen blieb sie fern, weil sie sich von den Kindern niemals trennen konnte, aber die Freunde des Hauses wußten, daß sie von allen Vorgängen auf dem Gebiete der Bewegung genau unterrichtet war, alles mit dem Gatten besprach und besonders in der Beurteilung der Persönlichkeiten ihn oft mit dem treffenden und klaren Urteil unterstützte, das ihrer starken, echt weiblichen Intuition entsprang. Noch über den letzten Kongreß hat sie, die vom nahenden Todesengel bereits Berührte, ausführliche Informationen erbeten. An ihrem Grabe trauern die Kinder, die sie unserm Herzl geschenkt hat, die sie mit unendlicher Liebe umgab und denen das unerbittliche Schicksal in früher Jugend nach dem Vater nun auch die sorgende Mutter genommen hat. Sie müssen in jungen Jahren schweres erfahren, und ihr Lebensweg beginnt traurig-ernst. Seien wir uns bewußt, daß das ganze jüdische Volk ihnen nun Vater und Mutter ersetzen muß. Denn uns hat Theodor Herzl sein Leben geopfert, ihm ist die Gattin gefolgt, die ohne ihn nicht sein konnte. Möge ihnen der Gedanke ein Trost sein in großem Schmerz, daß auch heute wie an jenem unvergeßlichen Julitage des Jahres 1904 ein ganzes Volk ihren Schmerz teilt und ihnen im Geiste nahe ist. — A. Friedernann Russischer Brief (Von unserem Korrespondenten) Die Regierungspolitik wegen der Juden Der Heilige Synod, der sich auch in den bösesten Zeiten der Pobjedonoszewschen Wirtschaft den Juden gegenüber neutral zu verhalten pflegte, legt jetzt immer mehr eine judenfeindliche Tendenz an den Tag. Es wäre unter Pobjedonoszew ganz undenkbar, sagt „Russkoje Slowo", daß sich die griechisch-orthodoxe Geistlichkeit an politischen Umtrieben beteiligen könnte. Das Blatt erinnert an ein synodales Zirkular, das im Jahre 1899 an sämtliche Diözesanvorsteher versandt worden ist, worin diesen aufs strengste untersagt wurde, sich an irgendeiner Agitation, die außerhalb religiöser Interessen steht, zu beteiligen. So sehr der reaktionäre Führer der russischen Geistlichkeit judenfeindlich gesinnt war, durften sich die Geistlichen in die Wühlereien nicht mischen. Verschiedene Male kam es noch vor, daß höhere Würdenträger der griechisch-orthodoxen Kirche zugunsten der Juden öffentlich auftraten. Der denkwürdige Hirtenbrief des verstorbenen Kiewer Metropoliten Piaton und das energische Auftreten desWolhynerMetropoliten Nikan or haben in der traurigsten Zeit der 80 er Jahre der Hochflut der Pogrome einen festen Damm gesetzt. Ganz anders stellt sich die Rolle, die die 1*