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Die Welt · 1907-11-15 · 46 (15.11.1907) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2 DIE^EELT No. 46 DAS SCHIBBOLETH Zu oft verwechseln wir den Kampf um Grundsätze mit dem Kampf um taktische Gebote. Es kommt dabei etwas ganz Sonderbares zum Vorschein: sofern ein tatsächlicher Gegensatz verschiedener Weltanschauungen im Spiele ist, sofern es sich wirklich um fundamentale Begriffe handelt, um hochbedeutende nationale Probleifiif um das Verhältnis des einzelnen Juden zur jüdischen Gesamtheit und der jüdischen Gesamtheiten zu anderen Gesamtheiten, — verläuft die Diskussion in den allermeisten Fällen ruhig, objektiv und stimmt sogar höhere und edlere Töne an. Aber kaum berührt die Frage eine Angelegenheit der Parteitaktik, die Wahl der sich im ewigen Wechsel befindenden Mittel und Wege, die im gegebenen Augenblick auch für einen Zweck, der nicht gerade von erstklassiger Wichtigkeit, getroffen werden muß, beginnen die Leidenschaften zu kochen, die Erbitterung wächst, und das Gleichgewicht wird gestört. Es geht dann so weit, daß Ideengenossen, die in Reih und Glied unter einer Fahne stehen und einem Ziele zustreben, die verbissensten Feinde werden, als ob sie durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt wären. Reuben will, nach einer Midraschsage, zur Quelle durch einen Hain gehen, während Schimon durch eine Wiese zur Quelle gehen möchte. Ein kleiner Strom trennt den Hain von der' Wiese, aber dieses Strömchen scheint den Streitenden von der Größe eines Ozeans. Haßerfüllt und wutschnaubend stürzen^fsie sich wie die Todfeinde aufeinander., Sie gehen eigentlich nebeneinander; Reuben Hst bis an den Rand des Hains angelangt, und er sieht, daß er nun auf seinem weiteren Gang in Schimons Fußtapfen gehen muß. . . . Aber um den Schein seiner Unfehlbarkeit zu retten, ist er oftmals versucht, den Streit fortzusetzen, und er glaubt, um Himmelswillen den Nachweis erbringen zu müssen, daß er eigentlich seinen eigenen Weg, ohne auch nur um eine Haaresbreite zu weichen, gegangen ist. Im Grunde genommen erinnert dieser Streit an die alte scholastische Frage, ob bei der Welterschaffung das Huhn vor dem Ei, oder das Ei vor dem Huhn erschaffen worden ist. Es ist doch gut, daß sich die Wege vereinigen und daß Reuben und Schimon zusammengehen. Müssen sie über die Vergangenheit streiten? Gewiß wollte jeder von ihnen das Beste und ging dorthin, wohin sein Gewissen, oder richtiger der Eindruck, den er von einer Beobachtung der momentanen Bedingungen empfangen hat, ihn zu gehen veranlaßte. Es ist die stark gepfefferte persönliche Sauce, in der die öffentlichen Angelegenheiten bei uns schwimmen. Für viele ist der seichte Hain-Wiese-Streit alles; Hainpartei und WTiesenpartei müssen aufrecht erhalten werden. Denkt jemandtiefer und will die „Gegensätze" nicht anerkennen, weil er ihnen auf den Grund sieht, so ist er ein Kompromißler oder ein Doppelgänger. Das derbe Hängen an der Verteidigung irgendeines Wortes entspricht dem armseligen Ideengehalte eines abgehetzten Vereinsmeierei- Sprachschatzes, aber nicht den Anforderungen eines kritischen Systems. Die Übertreibung der momentanen Meinungsverschiedenheiten bezüglich der vorübergehenden Mittel in Verbindung mit dem Herumwerfen von terminis, die einer genauen Definition bedürfen, stutzt eine Parteibildung zurecht, die auf demselben Boden steht wie die legendäre Kamtza U-Bar-Kamtza-Streitigkeiten. Diese Verwirrung der Vorstellungen und Begriffe hat ihren tiefen Grund in der Verwahrlosung einer intensiv-kulturellen und kritischen Gedankenarbeit und in dem Gewährenlassen einer kleinlichen, kritiklosen und verwässerten Propaganda. Das Ideal ist in seinen Wurzeln und Impulsen ein Erzeugnis und ein Nachhall großen Wollens, feinen Denkens und tiefen Empfindens, und es kann nur aus diesen Quellen seine Kräfte schöpfen. Von einem solchen Intellektualismus losgesagt und losgelöst, schwebt auch die beste Organisation in der Luft und ist gezwungen, sich nach windigen Stützen umzusehen, fiktive Gegensätze zu konstruieren, um auf künstlichem Wege Energien wachzurufen, die in der Wirklichkeit Emotionen von kurzer Dauer sind. Unter dem Gesichtspunkte denkender Beobachter ist die Frage der Wege und Mittel nicht belanglos, nur ist sie kein Schibboleth und keine Scheidewand, Man sollte nicht streiten, sondern die auf den getrennten Wegen gewonnenen Erfahrungen erwägen. Denn man kann abermals an einen Punkt gelangen, wo man wieder gezwungen sein wird, sich für den eitlen, oder den anderen Weg zu entschließen. Soll der Streit wieder von neuem aufflackern? Da man sich nun die Hände zur Einigung gereicht hat, ist es Pflicht, ruhig, reiflich und in gegenseitiger Achtung zu prüfen, was jeder der beiden Wege Gutes und Schlechtes gebracht hat, welche Vorteile und welche Enttäuschungen sie herbeigeführt, welche Gefahren sie gezeitigt und welche Ausblicke sie eröffnet haben. Durch das Festhalten des Unfehlbarkeitsanspruchs, durch die Aufstellung eines unbeug samen Dogmatismus dort, wo es keine Dogmen gebei; kann: auf dem Gebiete der ihrem ganzen Wesen nach wechselvollen Kolonial-Konzessionspolitik,- verfallen wir doch in den Augen wirklicher, praktischer Politiker der Lächerlichkeit. Wenn wir von Hochmutswahn freibleiben wollen, gestehen wir doch, daß wir alle, ob wir uns so oder anders qualifizieren, noch immer die Suchenden sind. Es ist auch gar nicht dringend, die Bilanz iu aller Eile zu ziehen, und man kann ebensowenig schon jetzt über den einen oder den anderen Weg, über das eine oder das andere Mittel den Stab brechen. Es isi an beiden sehr viel auszusetzen. Jedoch ist di: allererste Bedingung einer solchen Kritik die Erkenntnis daß ihr Zweck nicht darin besteht, die Verdienste der Reubens und die Kurzsichtigkeit der Schimons oder umgekehrt auszutüfteln. Geht man wirklich einen neuen Weg, so braucht man sich dieser Wendung nicht *n schämen; im Gegenteil, es macht Ehre, wenn man den Mut seiner Meinung, die Kraft und die Aufrichtigkeil, einen Fehler einzugestehen, besitzt. Ist es derseli e Weg, — um so besser, und da ist es auch gar nicht notwendig, anderseits, diesen Umstand als ein Atoüt in müßiger, unproduktiver Polemik auszuspielen. Das gefährlichste ist die träge Selbstgewißheit, das Ausruhen auf dem vermeintlich Gewonnenen, die eitle Selbs-- verherrlichung, vor allem aber die Hingebung an irgendein liebgewonnenes, sterotypes Wort, das aus dein System der Mittel herausgerissen und als ein Fetisen hingestellt wird, als ob es darauf ankäme, nur durch dieses Mittel das Ziel zu erreichen, während es tatsächlich gar nicht denkbar ist, in dem Durcheinander- und Ineinanderwogen der Mittel unabänderliche, etwa

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