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Die Welt · 1907-11-08 · 45 (8.11.1907) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Marokko. Das Deutsche Bureau der Alliance Isra&ite Universelle stellt uns folgende Berichte zur Verfügung: Casablanca, 15. Oktober 1907. Die beiden Boten, die ich vor 14 Tagen nach jVlzab und nach Settat geschickt hatte, sind zurückgekehrt und haben mir aus den von ihnen besuchten Orten Briefe mitgebracht, von denen ich Abschriften beilege. Die Briefe kommen aus Uled-Hriss, Maguch, Settat, Mzab und Anemmur. Uled-Hriss ist eine der ersten Ortschaften auf dem Wege nach Settat. Man hatte mir beinahe offiziell die Versicherung gegeben, daß als eine der Friedensbedingungen von den arabischen Stämmen die Freilassung der Juden aus Casablanca verlangt worden war. Doch obgleich der Stamm sich unterworfen hat, haben die Araber ihre Gefangenen nicht freigelassen. Ich habe meinem Korrespondenten Auftrag gegeben, die drei jungen Mädchen loszukaufen, die sich noch in den Händen der Araber befinden, und sie nach Casablanca zurückzuschicken. Maguch ist ein großes, einige Stunden vor Settat belegenes Dorf. Die dortige aus 30 Familien bestehende jüdische Gemeinde hat die Flüchtlinge mit großer Liebe aufgenommen. Aus dem anliegenden Brief geht hervor, daß dort noch 17 junge Mädchen und Knaben in Gefangenschaft sind. Ich werde sofort den Auftrag dorthin erteilen, die jungen Leute auf unsere Kosten loszukaufen und in ihre Heimat zurückzuschicken. Die Stadt Settat ist Ihnen wohl noch durch die Plünderung bekannt, die vor 4 Jahren dort stattgefunden hat. Seitdem hat die Gemeinde sich aus Zuzüglern von Casablanca wieder ergänzt. Die beiden Herren, die den beifolgenden Brief unterzeichnet haben, sind ziemlich wohlhabend. Sie haben sich mit dem größten Eifer der Flüchtlinge angenommen und ihre Not liebevoll und ausreichend gelindert. Alle Ankömmlinge sind voll Lobes für dieses Verhalten. Wollen Sie die Güte haben, Herrn Elmaleh den in beifolgendem Brief erbetenen Kredit zur Verfügung zu stellen; ich'werde ihm schreiben, daß er sich mit den Notabein in Settat in Verbindung setzen soll. Der Mzab ist ein weites Gebiet, über das ganz kleine jüdische Gemeinden verstreut liegen, die sich vom Ackerbau ernähren. Aus dem beiliegenden Brief können Sie ersehen, daß man beabsichtigt, alle Flüchtlinge von Casablanca in Settat zu konzentrieren. In Casablanca selbst hat die Lage sich nicht geändert. Die reichen Familien, die nach Spanien geflohen waren, sind wieder in ihre verwüsteten Heimstätten zurückgekehrt. Wer über einige Mittel verfügen kann, eröffnet einen kleinen Spezerei-, Weißwaren¬ oder Bijouterieladen. Der Großhandel ist tot Die armen Leute arbeiten als Lastträger und Verlader; es sind ihrer aber so viele, und ihre Zahl vergrößert sich täglich durch Zuzug aus dem Innern so bedeutend, daß viele ohne Arbeit bleiben. Die zwischen den beiden stehende Klasse» der vormals wohlhabenden Leute ist am meisten zu bedauern. Sie können kein neues Geschäft anfangen wie die Reichen, und können nicht betteln wie die Armen. Was sollen sie tun, um ihr Leben zu fristen? Wir verteilen ja immer noch Getreide, aber unsere Vorräte sind bald erschöpft. Die Aussichten bleiben trübe. Die zwischen den feindlichen Bruderstämmen und der französischen Armee stehenden Stämme können sich nicht zur Unterwerfung entschließen. Da sie nicht haben säen können, ist die Ernte des nächsten Jahres verloren. Abschrift Maguch, 1. Cheschwan 5668. Geehrter Herr Isaac Pisa! Hierdurch teilen wir Ihnen mit, daß Ihr Abgesandter, Herr Abraham Amstet, am Freitag bei uns angekommen ist. Wir haben ihn gut aufgenommen und bis zum Sonntag bei uns behalten. Dann sind wir sehr früh am Morgen mit ihm auf die Suche nach Gefangenen gegangen. Das erste junge Mädchen fanden wir bei einem Araber namens Ahmed ben Zara. Er hatte ihr das Haupthaar abgeschoren und betrachtete sie als seine Tochter. Abraham Amstet wollte das Mädchen mit Gewalt entführen und wäre dabei beinahe von dem Araber erschossen worden, wenn sein Begleiter ihn nicht gerettet hätte. Wir gingen darauf zu einem Freund des Arabers, der uns sagte, wir würden das Mädchen gegen ein Lösegeld herausbekommen. Für das zweite von uns aufgefundene Mädchen verlangte man 10 Duros. Wir fanden darnach noch 13 Mädchen und 3 Knaben, von denen erst 3 Mädchen von ihren Eltern zurückgekauft worden sind. Alle diese fungen Leute sind bei den Mdakras. Von hier aus wollte Herr Abraham Amstet noch nach Mzab gehen, um auch dort nach Israeliten zu suchen. Wir ließen es aber nicht zu, denn die Araber hätten ihn totgeschlagen, weil sie ihn für einen Spion hielten. Ein einziger Araber, der Häuptling aller Kabylen, hat Ihren Abgesandten respektiert und hat uns versprochen, Ihnen zu Liebe die jungen Mädchen zu befreien, die sich bei diesen Kabylen befinden. Dazu ist aber etwas Geld nötig, das wir Einwohner von Maguch nicht geben können. Bitte, beraten Sie darüber mit den Reichen in Casablanca und lassen Sie uns wissen, was Sie zu tun gedenken. gez.: Die Israeliten von Maguch. Meir Trudjman Elias Benchimol Messed Amor Abram Bonchetrit Ry Messod Edery etc. etc. Abschrift Settat. Geehrte Herren Pisa und Zagury! Herr Abraham Amstet ist mit seinem Begleiter Si Mohamed ben Hadj-Omar von Uled-Hriss zu uns nach Settat gekommen. Dieser Araber hat unterwegs 2 junge Mädchen für 6 Duros losgekauft und bis Settat geleitet, ohne dafür auch nur einen Centime anzunehmen. Er meint, das sei ein Geschenk, das er den Israeliten macht. Sie wünschen von uns eine Auskunft, wieviel Juden aus Casablanca sich hier in Settat aufhalten. Seitdem wir sie hier bei ihrer Ankunft empfangen, haben wir ungefähr 500 Familien verzeichnet. Wir haben sie gastfreundlich aufgenommen; vielen von ihnen, die nach Mazagan weitergegangen sind, haben wir die Führer dorthin bezahlt und haben ihnen Brot für den Weg mitgegeben. Andere sind hiergeblieben, und solange sie noch bleiben wollen, werden sie hier freies Essen und Trinken und Obdach erhalten. Wir haben auch junge Mädchen aus den Händen der Araber in der Umgebung von Settat befreit. Sobald wir erfahren, daß in einem bestimmten Duar (Beduinendorf) ein jüdisches Mädchen ist, schicken wir sofort Vertrauenspersonen hin, um sie loszukaufen. Wird ein vernünftiger Preis gemacht, 5 bis 6 Duros für jedes Mädchen, so kaufen wir sie. Verlangt man aber 50 bis 60 Duros, so lassen wir die Mädchen dort, bis die Araber selbst kommen und sie uns für den von uns angegebenen Preis zur Verfügung stellen. Viele junge Mädchen sind bei den Leuten vom Stamme Uled- Said, die von uns 100 bis 150 Duros verlangen. Unter den von diesen Arabern zurückgekauften Jüdinnen haben wir zwei sehr teuer bezahlt: eine junge Frau, die Tochter eines sehr angesehenen Mannes, haben wir für 91 Duros auch noch fast mit Gewalt nehmen müssen; für die andere, eine Frau mit ihren Kindern, haben wir 101 Duros bezahlt. Das dazu erforderliche Geld haben die Angehörigen der beiden jungen Frauen gegeben. Erst in dieser Woche haben wir wieder 4 Personen zum Loskauf von Mädchen zu den Uled-Saids geschickt; es soll dort noch eine ganze Anzahl sein. Herr Abraham Amstet hat uns Ihren Auftrag ausgerichtet, wir sollten hier die gefangenen Mädchen loskaufen, Sie würden uns das dafür verauslagte Geld zurückerstatten. Wir bitten Sie demnach, meine Herren, uns für das Lösegeld der jungen Mädchen und für ihre Weiterbeförderung nach Mazagan einen Kredit bei dem Schullehrer oder bei Herrn Maimaru in Mazagan zu eröffnen, denn mit dieser Stadt können wir bequem verkehren. Wir hier arbeiten nur um Gotteswillen und aus Mitleid für unsere Glaubensgenossen, aber wir haben nicht genügend Mittel, um unsere Pflicht ohne Beihilfe zu erfüllen. gez.: David Amar. Abraham Ohayon Die Rumänische Auswanderung In der vorletzten Woche am Samstag verließen ungefähr weitere 150 Auswanderer aus Rumänien London, um, nachdem sie auf das strengste ärztlich untersucht waren, mit dem Dampfer „Pommeranian" der Allanlinie nach Kanada zu fahren. In Havre kamen 300 rumänische Juden dazu, die von Antwerpen direkt dorthin gebracht worden waren. Die Erzählungen dieser Emigranten über die Gründe, die sie zur Auswanderung gezwungen hätten, deckten sich im wesentlichen mit denen der früheren Trupps, über die wir in unserer letzten Nummer berichtet haben. Gleich jenen, werden auch diese Auswanderer in Kanada bei dem Bau der Grand Trunk Pacific-Eisenbahn oder aber als Landarbeiter Arbeit finden. Weitere Gruppen von Emigranten sind schon wieder aus Rumänien unterwegs. Herabsetzung der Naturalisationsgebühr in England Infolge der Vorstellung einer Deputation, die im Juli ds. Js. vom Premier-Minister empfangen wurde, wird die Naturalisationsgebühr in England Anfang nächsten Jahres auf £ 2,15 s. herabgesetzt werden.

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