Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 45 DIEiS^E ELT 15 Folge leisten zu können. Wie ist das in Einklang zu bringen? .. Aber Rußland gibt keine Antworten auf solche Fragen. Es ist i ein Chaos. Alles ist möglich und keine Eventualität ist gänzlich auszuschließen. So verbietet z. B. eine Senatserklärung ganz neuen Datums (11. Oktober d. Js.) jüdischen Industriellen einen ständigen Aufenthalt in Dörfern des Ansiedelungsrayons, wo sie ihre Fabriken haben. Nach der neuen Interpretierung des Senats haben diese Juden das Recht, sich zeitweise dort aufzuhalten aber nicht sich niederzulassen. Kann man in irgendeinem Kulturlande so etwas verstehen? Und das, nachdem das Manifest vom Oktober erlassen worden ist, das Bürger- und Religionsfreiheit versprochen hat und nachdem sich das Ministerium Stolypin auf den Standpunkt der Konzessionen gestellt hat! Die Senatsbestimmung ist absurd und blamiert die russische Regierung mehr noch als die Schwarzhundert-Männer-Manifeste. Man wird sagen, der Senat erklärt nur das Gesetz und kann, nicht über dessen Rahmen hinaus. Nichtsdestoweniger war der russische Senat noch in der schwersten Zeit die einzige Instanz, die eben durch ihre Erklärungen die verheerenden Wirkungen der tragikomischen Gesetze einigermaßen geschwächt hat. Nun ist auch das vorüber, — und doch heißt es, Rußland befinde sich auf dem Wege der Reform. Ja, daß es in Rußland humane gerechtigkeitsliebende Elemente gibt, daran ist kein Zweifel. Das studierende Kiew hat noch einmal einen eklatanten Beweis einer mutigen Verurteilung der judenhetzerischen Reaktion geliefert. Am Jahrestage des Pogroms haben die Studenten zum Zeichen der Trauer und des Protestes gegen Pogrome die Vorlesungen eingestellt. Dies wäre nicht möglich, wenn nicht die Professoren liberal und oppositionell wären. Ein freier Geist herrscht in den Hallen der Wissenschaft in Kiew. Polizei und Kosaken haben die Universität belagert. Sie glaubten, es würden dort Exzesse ausbrechen. Aber alles war ruhig. In der Duma wird Kiew reaktionär vertreten sein. Die Kiewer Reaktion begnügte sich aber nicht mit ihrem Sieg, sondern kühlte auch dadurch ihr Mütchen, daß sie nach Peterhof an den Zaren ein Telegramm richtete, in dem sie die Juden denunzierte, daß sie es versucht hätten, mit einem Teile der russischen Geistlichkeit einen Block zu bilden, um einen jüdischen Kandidaten durchzusetzen. Ist nicht Humor darin? Aus der Kategorie der Telegramme ist noch das huldvolle Telegramm des Zaren an die Witwe Gringmuts zu erwähnen. Die Echt-Russen machen jetzt mit diesem Telegramm eine große Agitation. A propos sei erwähnt, daß die neuen Untersuchungen die jüdische Abstammung Gringmuts leider bestätigt haben. In Warschau ist der bekannte Nationalistenführer Roman Dmowski gewählt worden. Seine Stellung zur Judenfrage ist nationalschlachzizisch, protektionistisch-leutselig, mit antisemitischem Beigeschmack. Der russische Deputierte von Warschau (ein Produkt der veränderten Wahlgesetze), ein Herr Alexejew, bezeichnet sich als „progressiver Nationalist". Was das bedeutet, weiß man noch nicht genau, aber vermuten kann man es wohl. Die „Nowoje Wremja" freut sich über die Wahlen. Das genügt. Die Regierungssorgen wegen der Judenfrage in Rußland Aus Petersburg wird uns berichtet, daß der Ministerrat sich noch immer nicht schlüssig darüber ist, ob es statthaft sei, das Gesetzesprojekt über die Judenfrage in der Form, wie es vom Ministerium des Innern ausgearbeitet wurde, vor die dritte Reichsduma zu bringen. Das „neue Projekt" ist nämlich durchaus nicht neu. Es läuft durchaus nicht darauf hinaus, die Juden der übrigen Bevölkerung rechtlich gleichzustellen, sondern betrifft nur — die Aufhebung des Ansidelungsrayons. Aber in bezug auf diese Reform herrschen zwei Ansichten. Die eine will den Juden in Zukunft dieselben Rechte im ganzen russischen Reiche gewähren, die ihnen bisher nur im Ansiedlungs-;ayon zu eigen waren; die andere versteht unter Aufhebung des Ansiedlungsrayons eine vollständige, unbeschränkte, nach westeuropäischem Muster einzuführende Freizügigkeit, d. h. daß einem jeden das Recht zustehe, nach Belieben seinen Wohnort zu wählen. Letztere Ansicht wird von der Regierung nicht akzeptiert werden. Höchstens werden sich einige Minister dazu verstehen, die Aufhebung des Ansiedlungsrayons im ersten Sinne zu befürworten — d. h. die Gleichmacherei der Gesetze für die Juden außerhalb wie innerhalb des Rayons. Es dürfte nicht überflüssig sein, dies mit einigen Worten zu erklären. Innerhalb des Ansiedlungsrayons dürfen die Juden nur in den Städten und Flecken wohnen, Handel treiben, auf dem flachen Lande ist ihnen jedoch der Aufenthalt und jede Berufsausübung untersagt. Wie bekannt, dürfen nur diejenigen, ■ die in irgendeinem Dorfe vor Erlaß der temporären Bestimmungen vorn 3. Mai 1882 sich niedergelassen hatten, dort aber auch nur in jenem Dorfe, weiter bleiben. Will ein zu dieser Kategorie gehöriger Jude oder eines seiner nächsten Familienmitglieder nach einem andern, in der nächsten Nähe gelegenen Dorfe übersiedeln, so besitzt er kein Recht hierzu. Der Rayon weist noch gar viele einschränkende Bestimmungen schlimmster Art auf; selbst die jüdischen Handwerker, denen das bekannte Allerhöchste Gesetz vom Januar 1865 die Freizügigkeit im ganzen Reiche gewährt, dürfen auf dem flachen Lande im Rayon nicht wohnen und ihrem Berufe nachgehen. Das Recht, Immobiliarbesitz zu erwerben, bewegt sich ebenfalls in ganz engen Grenzen. So ist auch die prozentuale Normierung der Zahl der jüdischen studierenden Jugend in den öffentlichen Lehranstalten innerhalb des Rayons durchgeführt worden. Die Juden sind innerhalb des Rayons gänzlich von der Teilnahme an der städtischen Verwaltung auch in solchen Städten ausgeschlossen, wo sie die überwiegende Mehrheit bilden. Da haben ein paar christliche Stadtväter, die Analphabeten sind, zu schalten und zu walten. Es ist klar, daß das Gleichmachen des Innern Rußlands mit dem Rayon in bezug auf die Judenrechte eine jämmerliche Farce wäre. Es hieße, die Juden in Smolensk, in Orel oder Twer wären nicht mit den Russen, sondern mit ihren Brüdern in Wilna, Brest, Odessa gleichgestellt werden. Nun werden aber die Juden in Wilna, Brest, Odessa auch auf jeden Schritt drangsaliert und chikaniert! Aber auch diese unbedeutende Konzession ist für die jetzige Regierung etwas Himmelstürmerisches, Unerschwingliches. Der Ministerrat ist nicht einig, die Hofpartei, die viel mächtiger ist, als alle Minister zusammen, wird davon nichts hören wollen. Und so konnte bis jetzt der Beschluß nicht gefaßt werden, ein neues Projekt wegen der Judenfrage der dritten Duma vorzulegen. Darf man Judenkinder stehlen? Es sind seit Jahren viele Fälle von Internierung von Judenkindern gegen den Willen ihrer Eltern — in Klöstern vorgekommen. Bis jetzt war es eine gewisse klerikale Gruppe katholischer Polen, die in Warschau diesen Sport betrieben hatte. Man könnte Bände über diese Fälle schreiben —- nur muß man zugeben, daß es in der letzten Zeit in dieser Beziehung ruhiger geworden ist. Aber neu ist es, daß das Echtrussenblatt „Russkoje Znamja" die Theorie aufstellt, daß man den. Juden Kinder stehlen und sie in den Schoß der orthodoxen Kirche bringen darf. Zu der Nachricht, daß die Familie Potschalitz gegen die Magd, welche ihnen die Kinder geraubt, und gegen die Häupter der Johanniten, welche bei diesem Raub ihre Hand im Spiel gehabt haben einen Kriminalprozeß anstrengt, protestiert die Zeitung folgendermaßen: „In Bälde steht ein Prozeß bevor, dank welchem die Juden, die in ihrer Frechheit alles Maß verloren haben, wieder das religiöse Gefühl der griechisch-orthodoxen Leute einer schweren Prüfung unterwerfen werden. Gegen einfache russische Leute, welche den Schwestern Potschalitz die Reinheit des orthodoxen Glaubens erklärt haben, ist eine Kriminalverfolgung angestrengt. Bis jetzt gab es noch keine Gesetzesbestimmung, die es den russischen Leuten verbietet, die Lehre der orthodoxen Kirche zu bekennen. Bald werden wohl die Juden an die russische Regierung die Forderung stellen, den orthodoxen Geistlichen zu verbieten, in Kirchen und Versammlungen Predigten abzuhalten." Es ist bemerkenswert, wie schnell der russische Bär erlernt hat, die gleißnerische Sprache mit sophistischen Verdrehungen ganz nach der Art Drumonts et consortes zu führen. Der Rücktritt des Herrn Stoff Über den Rücktritt des Vize-Handelsministers, Herrn Stoff, werden folgende Details berichtet: Der Handelsminister Herr Fi lossof o w hat vor seiner Abreise nach dem Auslande seinen Stellvertreter, Herrn Stoff, beauftragt, dem Professorenrat des Kiewer Polytechnikums kundzutun, daß sie sich an die prozentuale Normierung der Zahl jüdischer Studierender halten soll. Dieser Auftrag wurde durch den Umstand veranlaßt, daß man im vorigen Jahre mehr Juden als die Norm zuläßt aufgenommen hatte. Kurz darauf kam der Direktor des Kiewer Polytechnikums nach Petersburg. Es heißt, Herr Stoff habe ihm die Ansicht der Regierung mitgeteilt, aber der Ton dieser Mitteilung scheint nicht scharf genug gewesen zu sein, denn der Professorenrat des Kiewer Polytechnikums hat noch nachträglich 99 jüdischen Studierenden den Zutrit gewährt. Da begann der Verein der Echtrussen mit Denunziationen. In dieser Angelegenheit intervenierte der Premierminister nicht in seiner Eigenschaft als Minister des Innern, sondern als Vor- 1 If I '