Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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14 =.3IE^gELT - - No. 45 RUSSISCHER BRIEF (Von unserem Korrespondenten) Nach den Wahlen Nach den Wahlen, die einen großen und lächerlichen Sieg der Reaktion in all ihren Gestalten gebracht hat, ist die Stimmung verärgert, — müde und apathisch. Wir sagen: ein lächerlicher Sieg, weil man diese Mache so deutlich gesehen hat. Die Wahlgesetze, die Zensurbedingungen, die Wahlkreisgeometrie sind von der Regierung so zugestutzt worden, daß eine solche Mehrheit herauskommen mußte. Nur von kurzer Dauer waren die Täuschungen, denen man sich hingegeben hnt, als man glaubte, die Mehrheit werde oppositionell bleiben. Wunder geschehen nicht mehr, — 2 mal 2 kann nicht anders als 4 sein, und hatte man den inneren Gouvernements, dem Adel, dem Echtrussentum auf Rechnung der Nichtrussen, der Arbeiter, der großen Städte der Peripherie (Polen, Kaukasus und dgl.) Vorrechte erteilt, so ist es natürlich, daß eine künstliche Mehrheit geschaffen worden ist. Eine Mehrheit der Großgrundbesitzer, der halben Bureaukraten, der Echtrussen, des konservativen Teils der Bauern, der fanatischen Geistlichen u. dgl. Wird diese Duma irgendwelchen Einfluß haben? Nicht den allergeringsten! In Rußland gibt's nur zwei Faktoren: die Regierung und die Freiheitsbewegung. Ist die Duma, wie man sie jetzt gemacht hat, so hat sie keine Bedeutung. Sie wird Ja und Amen zu all dem sagen, was die Regierung vorschlagen wird, aber das kann doch die Regierung nicht populärer machen, als sie ist. Im Gegenteil! Das wird die öffentliche Meinung noch mehr reizen. Wie wird sich die Scheinduma zur Judenfrage verhalten? Von einer Durchführung der Gleichberechtigung kann in der dritten Duma nicht die Rede sein. Die Juden haben noch weniger Chancen als die anderen nichtrussischen Nationalitäten und Bekenner anderer Religionen als die Staatskirche. Man kann sich das Bild folgendermaßen denken: Eine große konservative Mehrheit mit einem vorlaut polternden Teil; eine kleine Minorität, ebenfalls mit einem lärmenden Teil. Die Mehrheit konservativ, regierungsfreundlich, die Minderheit — oppositionell. In dem Lager der Mehrheit werden Echtrussen, im Lager der Minderheit Sozialdemokraten die lebhaftesten, rücksichtslosesten sein. Daß bei solcher Zusammensetzung für uns nichts zu erwarten ist, -- ist klar. Es ist aber noch etwas zu befürchten. Die Echtrussen werden wahrscheinlich eine Agitation gegen die Juden in Szene setzen. Sie werden die Annullierung der kleinen, geringfügigen, aber nicht ganz bedeutungslosen Zugeständnisse fordern, die das Ministerium den Juden in der letzten Zeit gemacht hat. Das Ministerium hat bekanntlich verfügt, einige Kategorien von Juden, die schon im Innern Rußlands wohnen, aus ihren Wohnorten nicht zu vertreiben. Die Erhtrussen haben dagegen bereits ihre Proteste erhoben, aber jetzt werden sie in der Duma dagegen wühlen. Wie werden sich die „Oktobristen" verhalten? Bis jetzt erklärten sie sich theoretisch für eine allmähliche, etappenweise durchzuführende Gleichberechtigung der Juden. Aber jetzt, in einer Mehrheit, wie sie die letzten Wahlen ergeben haben, werden die Oktobristen wahrscheinlich mehr nach rechts hinneigen. Von einem in die Duma gewählten Juden haben wir bereits mitgeteilt. Es ist dies Rechtsanwalt Nisselowitsch. Aber das ist kein Vertreter jüdischer Interessen. Es wäre jetzt, gerade in einer solchen Duma, von großem Wert, einen tüchtigen Verteidiger des Judentums in der Duma zu haben, einen wohlunterrichteten und tiefüberzeugten Juden. Aber jetzt kann davon nicht mehr die Rede sein. Höchstens wird der bekannte getaufte jüdische Advokat aus Odessa, Herr Pergament, Anti-Pogrom reden halten. Mehr kann man von ihm nicht erwarten. Die Echtrussen werden dann Skandal machen, das Präsidium wird parteiisch sein, und die Sache wird ins Wasser fallen, wer weiß, ob die Opposition nicht die Duma demonstrativ verlassen wird. Eine Obstruktion ist undenkbar. Von einer gewissen Seite hören wir: Ja, so ist es gekommen, da man die Gelegenheit in den ersten zwei Dumas die Judenfrage aufzurollen, nicht wahrgenommen hat. Der Vorwurf ist berechtigt, aber es waren hundert Gründe für das Nichtaufrollen, und außerdem kommt auch nichts bei den Vorwürfen heraus. Nun werden aus Polen die Vertreter der nationalen Demokratie in die Duma eintreten. Sie haben ein Projekt der Autonomie in ihrem Tornister. Ihre Aussichten sind noch schlimmer als die der Juden. Noch ein Kuriosum. Ein gewisser klerikal-antisemitischer Teil der Polen ist gegen die Autonomie des Landes, weil das nach ihrer Ansicht (was uns nicht ganz klar ist) den Juden etwas nützen könnte. Der Judenhaß ist bei ihnen stärker als ihr eigener nationaler Trieb. Es bleibt also vorläufig alles beim alten. Man schnüffelt schon, was noch alles den Juden verboten werden soll. Die wenigen Juden, die auf russischen Bühnen tätig sind, sollen ausgewiesen werden. In Moskau geschieht das schon. Ein paar Juden sollen sich bereits getauft haben. Schauspieler! Anderseits macht man der armseligen jüdisch-deutschen Volksbühne neue Schwierigkeiten. Man gönnt den Massen nicht das bißchen harmlosen Zeitvertreib. Es heißt, die Echtrussen sollen auch darauf ihr Augenmerk gerichtet haben. Das sind aber Kleinigkeiten im Vergleich mit andern, ernsteren Dingen! In den Dörfern in der Gegend Poltawas merkt man eine antijüdische Agitation, die von den Echtrussen unter den Bauern betrieben wird. In einigen jüdischen Ansiedelungen brachen Feuerbrände aus, und es liegen Anzeichen vor, daß die Bauern die Brandstifter sind. — In Ponie wiesen, Gouvernement Ko wno, herrschte in diesenTagen eine wahre Pogrompanik anläßlich der bevorstehenden Einweihung einer neuen Fahne durch den Verband der Echtrussen. Die Einweihung dieser Fahnen hat tinsern Juden schon viel Blut gekostet. Die Echtrussen bilden nicht nur eine neue Regierung, sondern auch eine neue Justiz in Rußland. Herr Pronin, ein echter Russe, aber kein „Echtrusse",.hat gegen den berüchtigten Kruschewan einen Zivilprozeß gewonnen. Es ist eine alte Geschichte mit dem judenhetzerischen Zeitungsunternehmen Kruschewans in Kischinew. Dieser nicht nur in der Politik, sondern auch im geschäftlichen Gebaren unsaubere Gesell hat einen Herrn Pronin in betrügerischer Weise um sein Vermögen gebracht. Herr Pronin hat nun den Prozeß schon in letzter Instanz gewonnen. Da meldeten sich die Odessaer Echtrussen und erklärten Herrn Pronin, er sei des Todes, wenn er es wagen werde Kruschewan zu pfänden. Sie würden ihn im Namen des Volkes niedermetzeln. Daß Kruschewan in diese Duma nicht gewählt worden ist, —• das ist ein rein persönliches Ereignis. Für uns war es besser, daß der bluttriefende Mann da saß; die Sache war hierdurch klarer. Wie es mit dem Toleranzedikt im allgemeinen steht, hat die Entlassung des katholischen Bischofs v. Roop bewiesen. Wir Juden haben zwar gar keinen Anlaß, für diesen Würdenträger der Kirche speziell eine Lanze zu brechen. Bezeichnend ist der Fall doch. Im Toleranzedikt hieß es klar und deutlich, jedermann stehe das Recht zu, nach seiner Fasson selig zu werden. Nun haben viele Leute, die zwangsweise zur griechisch-orthodoxen Kirche bekehrt worden sind, den Übertritt zum Katholizismus vollzogen. Das war die große Schuld v. Roops, des Agitators, des Verschwörers usw. Es wird auch mit dem Übertritt der Meschumodim- Anussim nicht anders sein. Die Meschumodim, die zum Judentum zurückkehren, werden ihrer Rechte beraubt. Wegen der Schwierigkeiten des Wohnrechts ist es im Innern Rußlands "furchtbar schwer, einen Rabbiner, einen Schochet oder auch nur einen Melamed anzustellen. Das ist eint zwar indirekte, aber nichtsdestoweniger empfindliche Beschränkung der Ausübung religiöser Pflichten. Daß die sinnlosen, recht barbarischen Beschränkungen auch für die Ausübung der Landesgesetze unter Umständen hinderlich werden können beweist der Prozeß des gewesenen Kiewer Kronrabbiners. Herrn Ingenieur S. Lurie. Er wurde wegen der Übertretung der Vorschriften über du Matrikelführung zur Verantwortlichkeit gezogen. Nach dem Geset; müssen die Matrikel russisch und hebräisch geschrieben sein. Indc: waren die Matrikel in seiner Kanzlei nur russisch. Herr Lurie er klärte, er wolle das Hebräische viel mehr als es die Behörden ver langen, zur Geltung kommen lassen, aber es wäre ihm unmöglich gewesen, in Kiew einen Gehilfen zu finden, der hebräisch zr schreiben versteht. Im Ansiedelungsrayon — ja, auf Schritt um. Tritt, aber im heiligen Kiew, wo nur Kaufleute erster Gilde, Ärzte Advokaten u. dgl. wohnen dürfen, wo sollte er da für Kanzle: Schreibereien einen Hebraisten hernehmen? Das Gericht erkannu die Richtigkeit dieser Gründe an und sprach den angeklagte Rabbiner frei. Es steckt ein unfreiwilliger Humor darin, daß russisch* Gerichte einen Rabbiner wegen der Vernachlässigung der hebräische. Sprache zur Verantwortlichkeit ziehen. Es entsteht die Frage: wie wäre es, wenn der Rabbiner an die Behörden seinerzeit mit einem so motivierten Anliegen herangetreten wäre? Das Gesetz verlangt hebräische Matrikel und icihabe die Mitarbeiterschaft eines Gehilfen nötig, um dem Gesetze