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Die Welt · 1907-11-08 · 45 (8.11.1907) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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10 die^eLt No. 45 das sich Herr Rabbiner Dr. Unna-Mannheim zu seinem jüngsten Vortrage in der hiesigen Misrachi-Ortsgruppe gewählt hatte. Die Blockpolitik in Deutschland streifend, geht Redner auf Namen und Wesen der politischen Parteien und deren Verhältnis zu Religion, Wissenschaft und Kunst ein und kommt dann auf das Judentum zu sprechen; er untersucht die Frage, wie sich dieses zu Wissenschaft, Kunst und Recht verhält Des öfteren hört man — besonders im Lager der Linken — den Vorwurf, daß das Judentum reaktionär sei; allein diese Beschuldigung ist nicht stichhaltig. Das Judentum kennt keine Sonderrechte des Adels. Nur als oberster Hüter des Gesetzes und des Rechtes steht der König in Israel da, und weitere Befugnisse können sich die Träger des Gesetzes, das Sanhedrin, erfreuen; sonst heißt es: Gleiches Recht für alle. Zur Verhütung von Anhäufung der Güter ist das „Jauwel" (Erlaßjahr) eingefüht, und zwar nicht bloß theoretisch, sondern auch in der Praxis. Noch das ganze Mittelalter hindurch ist die jüdische Gemeinde in diesem demokratischen Geiste geleitet worden. Der Schutz des Arbeiters ist stark gewahrt worden, für den Schwachen hat die Gesetzgebung reichlich gesorgt. * Besonders hervorzuheben ist hier das Moment der Pflichtmäßigkeit: nicht etwa als Mildtätigkeit soll „Peo" (Feldecke) und „Leketu (Nachlaß) verabreicht werden, sondern als schuldmäßige Gabe an den Fordernden. Auch Bildungsfeindschaft kann man dem Judentum nicht vorwerfen; nie hat es in Israel Pächter der Wissenschaft gegeben oder sogar eine ganze Kaste, die die Bildung im Monopol hielt. Man spricht gar zu häufig von Voraussetzunglosigkeit der Wissenschaft; allein abgesehen davon, daß letzten Endes eine Wissenschaft ohne Voraussetzungen überhaupt unmöglich ist, wird die Wissenschaft meistens von Antipathien und Sympathien getragen, sie ist mithin subjektiv, und sobald sie, anstatt sich in den Dienst der Menschheit zu stellen, der Sittlichkeit zuwiderläuft, wird sie kulturwidrig. »Beides weist der Redner an Beispielen nach. Auch ist das Judentum nicht kunstfeindlich. Einer wahren Wissenschaft, einer wahren Kunst widersetzt sich das Judentum nicht; was das Judentum verlangt, ist Moral, nur sie allein steht über der Ästhetik; das Göttliche ist das oberste Postulat. Im Judentum ist konservativer und liberaler Geist harmonisch vereint. Die Ausführungen des Redners wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Der Vorsitzende, Herr Dr. Feuchtwanger, dankt dem Redner. Das behandelte Problem sei besonders für zionistische und misrachistiscbe Kreise überaus wichtig. Trachtet doch der Zionismus nach der Gründung eines Staatswesens. Sodann spricht der Vorsitzende über die Aufgaben des Misrachi. Er meint, daß eine doppelte Aufgabe des Misrachi harre: 1. eine negative, und 2. eine positive. Negativ: zu verhindern, daß von selten der zionistischen Organisation keine Vorstöße gegen das überlieferte Gesetz gemacht werden; Positiv: Gründung von Schulen u. dergl. m. Die Gründung von Schulen muß als Hauptsache angesehen werden, „denn nicht von Brot allein lebt der Mensch". Allein, um auf diesem Gebiete etwas zu leisten, bedarf der Misrachi einer Organisation. Gegenwärtig strebt der Misrachi die Gründung einer Mittelschule in Palästina und seine Neuorganisation in der Gestalt einer Federation an. Man möge Federation nicht mit Trennung verwechseln; Federation heißt Differenzierung. Fulda: Am 3. November fand hier eine vom Gruppenverband Frankfurt a. M. einberufene öffentliche Versammlung zwecks Gründung einer zionistischen Ortsgruppe statt. Schon lange vor der festgesetzten Sturide war der Saal überfüllt. Nur schwer konnten die Frankfurter Herren in den Saal gelangen. Herr Gustav Nußbaum-Fulda eröffnete die Versammlung mit einer kurzen einleitenden Ansprache. Darauf übernahm der Leiter des Gruppenverbandes, Herr Sondheimer aus Frankfurt a. M., den Vorsitz. Scharf und deutlich sprach der Referent des Abends, Herr Dr. Schwarzschild-Frankfurt, über die Frage: „Was will der Zionismus?" indem er, ausgehend von der Lage der Juden im Osten und Westen die Notwendigkeit des Zionismus bewies. — Herr Dr. Jacob Feuchtwanger-Frankfurt a. M. sprach über die Stellung der religiösen Juden zum Zionismus. Beiden Rednern spendete die Versammlung großen Beifall. In der stellenweise sehr erregten Diskussion setzte Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn die Gründe auseinander, die ihm als orthodoxen Juden den Anschluß an den Zionismus unmöglich machen. Die Herren Goitei n, Levigard, Sondheimer sowie die beiden Referenten treten dem in seiner Gemeinde allem Anschein nach hochverehrten geistlichen Führer entgegen und forderten die Anwesenden auf, sich der neu zu gründenden Ortsgruppe anzuschließen. Als nach Schluß der Versammlung die Anhänger des Zionismus zu den Vorbesprechungen versammelt waren, war es eine überraschend große Zahl von Frauen und Männern, im ganzen ca. 45, die der neuen Ortsgruppe beitraten. Die erste Mitgliederversammlung, in der der ernannte provisorische Vorstand durch einen gewählten abgelöst werden soll, wird in ca. 14 Tagen stattfinden. Der Gruppenverband wird voraussichtlich einen Herrn zu dieser Tagung entsenden. Königsberg: Die Zionistische Vereinigung hielt Donnerstag im Artushof ihre Generalversammlung ab, in der Dr. Pelz über den achten Zionistenkongreß referierte. Als das wichtigste Moment, das gerade diesem Kongreß seine ganz besondere Bedeutung verleihe, bezeichnete der Redner die Erschütterung, die der politische Zionismus, wie ihn einst Herzl vertreten, erfahren habe. Lange habe der Kampf zwischen der politischen und der praktischen Richtung im Zionismus hin und her getobt, aber die praktische Richtung habe doch den Sieg behalten. Gestreift wurde die Frage der nationalen Erziehung in der Diaspora und Palästina. Endlich solle die Gründung eines Kulturbundes jüdischer Frauen in Angriff genommen werden zur Förderung der Wirtschaft liehen Wohlfahrt in Palästina. Nachdem der Vorsitzende dem Redner seinen Dank ausgesprochen hatte, erfolgt», eine kurze Diskussion. In einem Schlußwort nahm de: Referent Gelegenheit, die Aussichtslosigkeit der politischen Richtung darzulegen und noch einmal auf den praktischen Weg zur Lösung der Frage zu verweisen. Österreich L Außerordentlicher Distriktstag in Wien Am 1. November 1907 fand ein außerordentlicher Distriktstag statt. Der Vorsitzende, Gg. A. Böhm berichtete über die Tätigkeit des D.-K. Er berichtete,

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