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Die Welt · 1907-11-08 · 45 (8.11.1907) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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8 DIE ELT No. 45 Brachfeld für Gräber vor mir liegt. Ich empfand jede Zuckung, jeden Schmerz, jedes Ersticken und jedes Sichaufbäumen, das in dieser Stimme zum Ausdruck kam. Ich weiß nicht, wie es geschah. Ein instinktiver Drang überkam mich plötzlich, auch so zu schreien. Und als ich so aufschrie, da schrie so auch die zweite; die dritte, die vierte — und die hundertste Zelle auf. Ein tausendfältiges Echo aus allen Zellen, aus allen unterirdischen Kasematten floß zusammen, verschmolz und vereinigte sich in einem gewaltigen Chor. Wir hatten es nicht berechnet, aber im Laufe der wenigen Minuten blitzte in uns der Gedanke auf, daß dies vielleicht etwas helfen wird. Die Zitadelle weinte und es schien uns als ob Himmel und Erde weinten. Es sollen auch die alten Gendarmen in den Korridoren mitgeweint haben. Es soll auch dieses einzige Mal geholfen haben. Das war die erste Demonstration des Weinens. IV. Die blauen Augen Es war beim wohlbekannten Strachowitzer Prozeß. Während der freien Tage, als man glaubte, eine neue Ära sei angebrochen, demonstrierte man in Strachowitz gar lebhaft. Man glaubte, die verhaßten russifizierten Gmina-Amtsstellen zerstören zu dürfen. Da ergab sich eine Ernte für die Würgengel. Todesurteile wurden kurzer Hand engros gefällt. Es war ein Wirrwarr von Anklagen, ein Mischmasch von Schuldigen und Unschuldigen. Gewöhnliche Leute aus dem Volke wurden zum Tode verurteilt. Da half kein Bitten und keine Beredsamkeit. Ich interessierte mich ganz besonders — erzählte mir der Verteidiger — für einen Unglückskerl, der wirklich ganz zufällig in dieses Netz von Mißverständnissen hineingeraten war. Ein schlichter, ehrlicher, bornierter Arbeitsmensch. Aber es half nichts. Nachdem er ruhig das Todesurteil angehört hat, fragte man ihn, ob er noch irgendwelche Wünsche hätte. Er hob den tief gesenkten Kopf, biß sich auf die Lippen und sagte: — Auf das Leben kommt es mir nicht an. Ich habe es in Armut und Knechtschaft vertrödelt. Nur einen Wunsch habe ich. Ich habe eine Frau und drei Kinder. Zwei meiner Kinder haben schwarze Augen. Das sind die Augen meiner Frau. Nur eins hat blaue Augen, wie ich. In den Tagen schwerer Arbeit war es mir Trost und Freude, zu diesem meinem Kindchen zu gehen und in seine blauen Augen zu schauen. Noch einmal möchte ich diese blauen Augen sehen. Dann fügte er griesgrämig und müde hinzu: „Und werdet ihr mir dies nicht erlauben, so — ist auch nichts zu machen". Er blickte dann unverwandt, stumm fragend in die Augen der Richter. Es war ihm nicht vergönnt, noch einmal in die blauen Augen zu schauen. o o o o o o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG Deutschland Der Stettiner Verbandstag Der II. Verbandstag des Zionistischen Gruppenverbandes Brandenburg-Pommern fand am Sonntag den 27. Oktober in Stettin statt. Es nahmen an ihm teil Herr Rechtsanwalt Dr. Leszynski als Mitglied des Zentralbureaus und Dezernent desselben für Brandenburg-Pommern, Herr Lazarus Barth-Berlin als Vorsitzender des Gruppenverbandes und Vertreter von Eberswalde; für Stettin waren erschienen die Herren Jakob, Bielefeld, Hahn, Kahtz und Referendar Greifenhagen, letzterer gleichzeitig als Vertreter des Herzl-Klubs Stettin, der auch Herrn Brandt entsandt hatte; aus Neustettin kam Herr Rabbiner Dr. Lewy, aus Stolp Herr Rabbiner Dr. Joseph, aus Greifswalde die Herren cand. jur. Müllerheim und Rosenbaum und aus Pölitz Herr Referendar Carl Cohn. Ferner waren in Stettin ansässige Mitglieder der Ortsgruppe und des Herzl-Klubs erschienen und nahmen an den Beratungen teil. Vertreten war ferner die jüngste Schekelzahlergruppe des Verbandes durch Herrn Dr. Hans Gideon Heymann-Berlin. Eröffnet wurde die Sitzung durch Rechtsanwalt Leszynski, der einen Bericht über den Gruppenverband gab. Ortsgruppen bestehen danach in Stettin, Frankfurt a. 0. und Eberswalde; Schekelzahlergruppen in Neustettin, Stolp, Greifswald, Prenzlau und Strausberg. Ein Vertrauensmann, der aber der einzige Schekelzahler ist, ist in Spandau ansässig. Der Eingang der Schekel und Landesbeiträge zeigt einen Höchstpunkt für das Jahr 1905/06 und einen Rückgang für 1906 7. Es kamen ein im gesamten Gruppenverbande: 1904/05 83 Mk., 1905/06 133 Mk. und 1906'07 84 Mk. Schekel, 1904 05 8 Mk., 1905/06 59 Mk. und 1906/07 25 Mk. Landesbeitrag, in Stettin 1904/05 69 Mk., 1905/06 54 Mk. und 1906/07 46 Mk. Schekel, 1904/05 und 1905/06 je 25 Mk., 1906/7 0 Mk. Landesbeitrag. Das Referat wurde sehr beifällig aufgenommen. Auch wurden von einzelnen Rednern noch praktische Anregungen für die Verwirklichung der Palästina-Propaganda gegeben. Insbesondere teilte Herr Rechtsanwalt Leszynski mit, daß das Zentralbureau eine große Anzahl Lichtbilder aus Palästina habe herstellen lassen, auch Vor träge über Palästina von berufener Seite ausarbeiten lasse und diese Hilfsmittel den einzelnen Gruppen zur Verfügung stelle. Es wurden dann über die Propaganda in den einzelnen Vereinen gesprochen und beschlossen, die Agitationsarbeit in einer ganzen Reihe kleiner pommerscher und brandenburgischer Städte energisch in Angriff zu nehmen. Im Anschluß hieran wurde folgende von Barth eingebrachte Resolution angenommen: „Es ist dafür zu sorgen, daß durch die Ortsgruppen an alle:; Orten, an denen die Gründung von Vereinen nicht oder noch nicht möglich ist, Schekelzahlergruppen gebildet werden. Zur Aufklärung der Juden an solchen Orten wird das Zentralbureaa gebeten, eine volkstümliche Broschüre über unsere Bewegung herauszugeben." Zum Schluß wurde die Wahl des Gruppenvorstandes vorgenommen, die folgendes Ergebnis hatte: Lazarus Barth-Berlin. Vorsitzender, Dr. H. G. Heym an n-Berlin für Brandenburg- Referendar Greifenhagen-Stettin für Pommern. Am Abend des 27. Oktober fand in Stettin in den Räumen der Schillerloge eine größere Versammlung statt, die recht gut besucht war. Das einleitende Referat hielt Herr Rabbiner Dr. Joseph-Stolp. Er knüpfte an die Worte Wolffsohns an, unsere Aufgaben beständen aus drei gleichberechtigten Faktoren: Politik, Vorbereitung des Landes und Vorbereitung des Volkes. Die Politik werde nach wie vor fast ausschließlich unserer obersten Leitung vorbehalten bleiben müssen, die ja jetzt durch die energische Zusammenfassung aller Kräfte, durch die Reduzierung auf drei Männer

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