Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316288--49927-3344887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 45 DIE WELT ( □□□□□"□~0o FEUILLETON o DDPDDP )§ ROTE STRAHLEN Von N. SOKOLOW Auch wenn ihr es nicht wollt, sind es keine Märchen. I. Ein Bandit Alles war zu Ende: das Verlesen der Anklageakte, die Verteidigung, das Kreuzverhör der Zeugen, die Repliken. Das Urteil lautete: Tod durch den Strang. Es war eine arge Sache: eine Enteignung mit Gewalttätigkeiten. Die Indizien waren schwerwiegend. Die Verteidigung war eine leere Förmlichkeit. Die Beratung der Richter war sehr kurz. Nach dem Verkündigen des Todesurteils schnalzte der Vorsitzende vor Wohlbefinden mit der Zunge. Der Staatsanwalt schien müde und abgespannt. Auf seiner roten, dicken Nase krabbelte eine Fliege herum. Er war zu faul, die Fliege wegzublasen. Auch die andern Mitglieder des Gerichts waren gleichgültig. Sie dachten sich: ja, so ein Bandit. Er selbst, der Bandit, blickte starr und finster vor sich hin. Die paar Worte, die man von ihm im Laufe der Verhandlungen zu hören bekam, waren trocken, ausweichend. Sein ganzes Wesen war störrig-und hart. Man richtete an ihn die Frage, ob er noch welche Wünsche hätte. Er schob die Brauen zusammen und blickte unbeweglich in das Gesicht des Vorsitzenden. — „Ja" — sagte er mit fester Stimme. — „Und was?" — fragte der Vorsitzende strenge. — „Ich möchte noch einmal sehen mein — Mamachen" — sagte der Bandit mit weicher Stimme. Der Vorsitzende, der Staatsanwalt und die Mitglieder des Gerichts fühlten sich wie von Schlangen ins Herz gebissen. Es waren leise, unbewußte, quälende Zweifel. Spricht so ein Bandit? Mamachen! Sie waren verärgert und lehnten die Bitte ab. II. „In der Zukunft" Der frische Tau des Lebens lag noch auf seinem iesichte und das Ende war schon nahe. Noch einige Stunden und der blühende Körper wird dem Henker ibergeben und dann in der namenlosen Gruft verscharrt, ■u* war ein jüdischer Jüngling und hieß Baron. Von!;ieberträumen einer neuen Welt durchglüht, stürzte er ich in die Bewegung. Er fiel in die Hände der Späher, wurde dem Kriegsgerichte überliefert und ohne langes 'ögern abgeurteilt. Sein Verteidiger erzählte mir: Ich versuchte es, ihn reinzuwaschen, aber er nachte es mir unmöglich. Ich wies auf seine Jugend nn. „Nicht doch" — wehrte er ab. „Ich bin", — agte er —, „wirklich kaum 20 Jahre alt, aber ich weiß, vas ich tue". Die Richter waren entsetzt. Dieser Trotzsinn, diese Verwegenheit! Zur Aufklärung der Tatsachen wollte er nichts beitragen. Manchmal antwortete er mit lustigem Lächeln in den Augen: ja, ich habe es getan. Ich hatte den Eindruck, daß er es eigentlich nicht getan hat. Das „ich" — so kam es mir vor — bedeutete nicht seine Person, sondern das Ganze, die Partei, der er angehörte. Aber die Richter konnten dies nicht begreifen. Ich wagte nicht einmal, es zu versuchen, ihnen eine so gewundene Interpretation nahe zu bringen. Es würde doch nichts nützen. Nachdem das Todesurteil verkündet worden war, fragte der Vorsitzende den jungen Mann, ob er noch das Wort ergreifen möchte. „Ja", antwortete er mit erhobener Stimme, icu n euch sagen, wie es einmal kommen wird. Heute sit-^t ihr dort — und er zeigte mit dem Finger auf die Präsidialplätze — und ich sitze hier. Aber in der Zukunft werde ich dort und ihr hier sitzen. In der Zukunft werdet nicht ihr mich, sondern ich werde euch richten. Und wollt ihr wissen, was ich dann tun werde? In eure Gesichter werde ich spucken!" Seine Stimme klang ruhig, gemessen, und der heiße Glanz seiner Augen hat uns beinahe verbrannt. Er atmete erleichtert auf. Auf unsere Herzen aber wälzten sich Steine. Die Richter waren betäubt und fast bewußtlos. Mir war es klar: das „ich" war nicht ein persönliches. Es war ein Kollektivum. III. Die Demonstration des Weinens — Es war eine tiefe, stille und traurige Nacht im X-ten Pavillon der W-er Zitadelle — erzählte mir ein armer Judenjunge, der diese Räume erst vor kurzem verlassen hat — und ich schlief nach den Aufregungen des Verhörs, nach den überstandenen Qualen der letzten Tage, wie ein Murmeltier. Wie ich in diesen Schlaf versunken war, weiß ich nicht, fror es doch so gottesjämmerlich, daß meine Glieder ganz steif waren und reizte mich doch diese dunkle, zitternde Leere im Herzen! Aber ich schlief diesmal fest. Und plötzlich weckte mich vom tiefen Schlaf eine schrille, gebrochene, tränenerstickte, schreiende Frauenstimme: Ich brach auf und sah mich in der Zelle um. Die Stimme schrie immer lauter, es war ein Ächzen, ein Heulen, ein Aufschrei, ein Wehruf. „Erbarmen! Schma Isroel! Erbarmen! Rettet!" Ich rannte mit dem Kopf an die Tür, an die Wände. Ich wollte helfen, retten — ich wollte schließlich vor dieser Stimme fliehen. Die matten, schläfrigen Gedanken erwachten in meinem düstern Geiste. Ich orientierte mich schnell. Die Stimme kommt aus einer Zelle — in der Frauenabteilung — vom linken Flügel — es sind die Politischen — oder aus der neuen Kasematte — es ist ein jüdisches Mädchen. Die Stimme bohrte in die Nacht, in die Mauern; sie senkte sich minutenweise in Ohnmacht und rang sich durch. Es schien mir, daß sie Tür und Tor aufreist und daß alles wie ein offenes