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Die Welt · 1907-11-08 · 45 (8.11.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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greifend wird nun geschildert, wie er, von Gewissensbissen gemartert, alles wieder gut machen möchte, sich sogar gegen seinen Vater aufzulehnen beginnt, und doch machtlos den Lauf der Dinge nicht aufzuhalten vermag, bis er, gebrochen, von seinem verratenen Freund Vergebung erbittet und Abschied nimmt. Unsicher an allem, zieht er in die Welt, geht Irrwege, wird ein Bettelreisender und lernt im Wandern die Juden kennen. Obwohl sie nicht nach seinem Herzen sind, sucht er sie zu begreifen, denn er glaubtan die sittliche Kraft seines Volkes. Er wäre mit Zevis Anhängern gezogen, wenn er nicht mit Spinoza zusammengetroffen wäre. Nun will er einsam und allein wieder in die Welt wandern, wie Ahasver. Und er kennt sein Ziel: „JERUSALEM". Ob er es je erreichen wird? Er weiß nur, daß seine Sehnsucht das Große in ihm ist/ und fürchtet fast, den Boden der Heimat seines Herzens zu betreten, als wäre es ein heiliges Land. Auf dem Wege sterben will er. . . . Auf dem Wege nach Hause. . . . Was klingt da nicht alles mit? Wie viele sind am Wege gestorben? Früher und jetzt . Benjamins Vater, Rabbi Morteira, ist eine der bestgelungenen Figuren des Romans. In voller Rundung und Selbstverständlichkeit steht dieser Gelehrte vor uns, vornehm, selbstzufrieden und ein wenig eitel. Tragisch wird sein Schicksal in dem Moment, wo er die Reinheit des Glaubens gegen den Ketzer Spinoza verteidigen zu müssen glaubt. Wie dann dieser Verteidigungskampf zu einem persönlichen ausartet, ihm die Ruhe und die Sicherheit raubt, ist meisterhaft gegeschildert. Man könnte Morteira den Fanatiker der Autorität nennen. Ruhiger und abgeklärter ist Spinozas Lehrer, Manasse ben Israel, der Verfasser der „Hoffnung Israels." Ein Fanatiker der Frömmigkeit und Chauvinist ist Rabbi. Isaak Aboab, der sich als Mystiker von uns verabschiedet. Den weltlichen Partrizier finden wir in David van üooyen wunderbar porträtiert. Ein stolzer reicher Herr, der schon einmal Christ gewesen, jetzt als Jude in seiner Gemeinde recht dekorativ wirkt und gerne politisiert. Den Kreis der Wohlhabenden schließt Spinozas Vater: Michael cTEspinoza, „der seinen ritterlichen Namen in Ehren trug, und wenn er auch nur Kaufhandel trieb." Er hatte mit seiner dritten Frau die Fortuna erheiratet und ward Gemeindevorstand. Wie wir sehen: lauter Typen, und doch jeder individualisiert, zum Greifen lebendig. Die soziale Unterstufe nimmt Veit Pfefferkorn ein: eine grell beleuchtete Kontrastfigur. Seines Zeichens Handschuhmacher, spielt Veit Pfefferkorn, der hinkende Watzling, den Schalknarren am Purim. Beißende Witze macht er, hinter denen brennende Tränen zittern. War einst ein reicher Mann in Köln gewesen. Aber in einer Passahnacht wurde ein Christenkind mit zerschnittener Kehle vor die Tür seines Hauses gelegt. . . . Anklänge an Heines Rabbi von Bacharach. Alle diese Gestalten überragt turmhoch der Romanheld. Im allgemeinen lehnt sich Hauser an die Biographen Spinozas an, im besonderen leistet er aber wirklich Großes und Selbstständiges, indem er nicht nur den Charakter vertieft, und ihn uns menschlich näher bringt, sondern ihn auch mit so vielen individuellen und interessanten Zügen ausstattet, daß wir einen neuen Menschen vor uns sehen, wie wir ihn aus der Biographie Freudenthals vielleicht nur geahnt haben. Ich glaube also kaum, daß sich Hauser dadurch in Widerspruch zu der -historischen Wahrheit gesetzt hat, daß er Spinoza l psychische Kämpfe aller Art durchmachen läßt und ihn l auch physischen Anfechtungen aussetzt. Die Entwicklung -Spinozas zu dem Weltweisen, als den ihn die Geschichte kennt und anerkennt, ist der Hauptinhalt des JRomans. Diesen auch nur auszugsweise wiederzugeben, ^unterlasse ich, da ich dem künftigen Leser des Romans das Interessanteste nicht vorwegnehmen will. Nur auf eines möchte ich mit Betonung hinweisen: Spinoza blieb auch nach dem Banne Jude im Innern. Einen förmlichen Austritt aus dem Judentum hat er nicht bezweckt und auch nicht bewerkstelligt. Was einer durch Geburt ist, das soll er auch bleiben. Nur in der ersten Zeit, nachdem ihn die Gemeinde ausgestoßen hatte, war er verbittert und auf die Juden nicht gut zu reden. Als sich aber seine Verbitterung legte, lächelte er wehmütig über den Übereifer seiner Volksgenossen und verzieh ihnen im Innern. Zumal unter der Wirkung der Kunde, die über Sabbatai Zevi auch nach Holland gedrungen war, fühlte sich Spinoza wie umgewandelt. Der leise lächelnde Skeptiker kann sich der allgemeinen Stimmung kaum erwehren. Mit zweckmäßigem Kunstgefühl hat Hauser diesen geschichtlichen Moment eingeführt und ausgenützt, der wie ein Scheinwerfer Spinozas Stellung zum Judentum beleuchtet. „War er innerlich nicht doch noch Jude, mit seinem Volke durch sein Blut und so viele Erinnerungen verbunden?" Warum weckt in ihm das Wort Laubhütten alte Erinnerungen und Gefühle? „Laubhütten, da Israel noch im heimatlichen Osten war und unter dem blauen Himmel des jüdischen Landes seine Hütten baute." . . . War es Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat? Der Name Zion erweckt ihm alles. . . . Und ein Verlangen nach den Stätten der Jugend trieb ihn in den Tempel. Auf der Bank der Armen traf er seinen Jugendfreund Benjamin an. Auch dieser hat eine Wandlung durchgemacht. Jetzt spricht er aus seinem wunden Schwärmerherzen von seiner Liebe und seinem Glauben an sein Volk. Und Spinoza lauscht den tiefen Worten: „Sie waren unfrei. Verfolgung drückte sie nieder. . . . Aber trotz Kleinsinn und Elend hatten sie eine Hoffnung im Herzen, die groß war. Wenn sie am Passah sitzen und die bittern Kräuter essen, denken sie an Jerusalem. Dort wollen sie frei sein." ..... An unsere Leser! Gesinnungsgenossen! Zum diesjährigen Chanukafeste geben wir eine Makkabäerfest n ummer heraus, die durch textliche Beiträge und Illustrationen eine de Bedeutung und dem Charakter dieses nationalen Festes en? sprechende Form tragen wird. Es ist uns gelungen, unsere her vorragendsten Mitarbeiter zu veranlassen, uns Beiträge für dies. Nummer einzusenden. Es erübrigt sich zu betonen, daß di Makkabäernuinmer der , Welt auch in agitatorischer Beziehun für jeden Zionisten von Wert sein wird. Wir richten an all Gesinnungsgenossen und Leser das Ersuchen, für eine möglich; große Verbreitung der Festnummer bemüht zu sein. Die Nummer erscheint am 2 9. November a. c. Be Stellungen werden (gegen Nachnahme oder Voreinsendung de. Betrages) bis spätestens 2 2. November a. c. entgegen genommen Die Einzelnummer kostet 40 Pfennige. Organisationen er halten 25 Exemplare für Mk. 7.50 50 „ „ „ 12.50 100 „ „ „ 20.- Expedition „DIE WELT

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