Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 45 DIE ELT Mit staunenerregendem Scharfsinn widerlegt der blutjunge Baruch d'Espinoza an der Hand der Schrift diese finstere, grausame Anschuldigung, von der „so viel wie von dem Winde bleibt, wenn man ihn mit der Hand fängt". An einem andern Abend ist die Synagoge noch heller erleuchtet und dichter besetzt. Es ist Purim, und da wird die Esther-Geschichte vorgetragen. In gehobener Stimmung lauschen alle der halb singenden Rezitation. Kein Geringerer als Rembrandt ist unter den Zuhörern und deutet sich den Sinn der Handlung aus den Gesichtern, über die bei Nennung Esthers jedesmal ein freudiges und stolzes Lächeln fliegt, und aus dem wilden Stampfen, mit dem die Zuhörer auf die Nennung Hamans reagieren. Nun sieht er mit seinem Malerauge die einzelnen Szenen der Esther-Geschichte als Geschichte, die „alle Farbenstärke eines leibhaftenErschauenshaben". . . . Ein kunstreiches Mittel, einen glänzenden Abschnitt der Jüdischen Geschichte aufzurollen. Hauser führt uns dann die Synagoge vor, wie sie in später Nachtstunde im Mondlicht daliegt. Gleich einem Nachtwandler hat sich Spinoza in seiner fiebernden Sehnsucht, das Geheimnis Gottes zu ergründen, in den heiligen Raum geschlichen...... „Gewaltig ragt der Almemor mit seinem eisernen Gitterwerk in der Mitte auf, wie ein gespenstiger Turm, der keinen freiläßt, der ihn jemals betrat." Spinoza wird am nächsten Morgen an der Schwelle besinnungslos gefunden. . . . Ein andres Bild: Die Rabbiner sind in der Synagoge versammelt, um mit dem gereiften, als Ketzer beschuldigten Spinoza das Verhör vorzunehmen. Die Kerzen brennen trüb, die Luft ist bedrückend, aus den Mauern kommt Moderatem. . . . Und Spinoza hört, wie ihn auch sein Freund anklagt, und wie ihm Buße anheimgestellt und Bann angedroht wird. Aber er beugt sich nicht, sondern geht ruhig seines Weges. So wird denn nach einiger Zeit der Bann über ihn ausgesprochen. „Die Synagoge ist voll, wie zu den hohen Festzeiten." Der heilige Schrein wird geöffnet, daß man die Thorarollen mit ihren silbernen Kronen sieht und alle ein Schauer der Heiligkeit ergreift. Kerzen werden angezündet. Benjamin, der Spinoza verraten und unter der Last der Reue fast zusammenbricht, sieht die „fürchterlichen Flammen, blutige, zückende Blumen auf schwarzen Stengeln", und hört Worte brausen, die Flüche sind. Noch einmal führt uns der Dichter in die Synagoge. Im hellen Licht der Kerzen, bei offenem Thoraschrein, spricht Rabbi Isaak Aboab ein Gebet für Sabbattai Zevi, der eben im fernen Morgenland verzückte Scharen um sich sammelt, um sie heimzuführen in das Land der Verheißung. Ein Jubel erschallt und einige Männer erheben sich und treten zum Tanz an. Spinoza, kein Jüngling mehr, sitzt auf der Fremdenbank im Dunklen, von niemand erkannt, und sieht dem Tanze und Taumel zu. Ernüchtert wendet er sich ab, — und war doch von unbegreiflicher Sehnsucht hergetrieben worden. Schüchtern gesellt sich ihm ein Mann in dem Kleid eines Bettelreisenden zu. Benjamin ist es. Diese Be^ gegnung ist vielleicht die erschütterndste Szene in diesem Roman, dabei von einer so tiefen Symbolik, daß man lange sinnend vor sich hinstarrt, einsam und zu Tode traurig, wie man die zwei Freunde und alle Wünsche und Träume in grauen Schleiern aufsteigen und in dunkle Gräber versinken sieht. — Auf immer? — Als hätte Hauser diese Stimmung in der Seele seines jüdischen Lesers vorausgeahnt und sie mildern wollen, fügt er sanft ein Bild hinzu, das sich uns tief einprägt und das Herz erhellt: „Noch einmal wandte sich Spinoza um, da war ein Streifen Morgenrot im Osten erglommen und Benjamins Gestalt ragte groß in das neue Licht." ... So sind hier Menschengeschick, Natur und Umgebung zu einem lebenden Ganzen verflochten. Dazu kommt, daß Hauser, ein vorzüglicher Kenner der neuesten Probleme der Rassenforschung, das Kulturgemälde durch Gestalten zu beleben sucht, die die Psyche des jüdischen Stammes offenbaren. Zwar gelingt es ihm nicht, den Volkscharakter der Juden ganz zu treffen und wiederzugeben, aber einzelne Eigenheiten läßt er in recht getreuer Verkörperung auf den Plan treten. Leider vermissen wir eine sehr wichtige bezeichnende Charaktereigenschaft des Judentums, den Familiensinn, verbunden mit der Ehrfurcht vor dem Familienleben. Besonders zu jener Zeit der größeren Abgeschlossenheit hielten die Juden ihr Familienleben hoch und heilig. In Hausers Roman finden wir nur einen allgemein gehaltenen Ausschnitt aus dem Leben einer angesehenen jüdischen Familie während des Purimfestes. Von Treue und Anhänglichkeit der Ehegatten, von sorgsamen Walten und stillem Schalten der züchtigen Hausfrau, von steter Aufopferung der Eltern für ihre Kinder finden wir hier keine Spur. Überhaupt krankt das Buch an dem Mangel einer sympathischen Frauengestalt, und geradezu verfehlt kommt mir die Charakterzeichnung der Miriam vor, die von Spinoza und dessen zwei Schulgenossen Benjamin und Manasse ben Sina geliebt wird und allen die Liebe zu erwidern scheint. Es mag dahingestellt bleiben, ob solche mit hypermodernem Raffinement ausgestattete Mädchen dazumal in dem sittenstrengen Ghetto existiert haben .... immerhin ist uns der Verfasser ein Gegenbild schuldig geblieben, wodurch die Glaubhaftigkeit dieser ganz erdichteten Romanfigur vielleicht gestiegen wäre. Besser erging es Hauser mit den männlichen Gestalten. Abgesehen davon, daß sie vom künstlerischen Standpunkt aus meisterhaft gezeichnet sind, entsprechen sie auch mehr der Lebenswahrheit. Ausnehmen muß ich freilich den rothaarigen Benjamin ben Sina. In ihm ist so wenig von jüdischem Wesen, daß der Autor sich fast entschuldigt, ihn doch zum Juden gestempelt zu haben. Manasse personifiziert die Stärke des Heiden, die Hinterlist des Verräters, die Wildheit des Raubtiers . . . man staunt, nimmt es jedoch hin . . . er versucht einen Anschlag auf das Leben Spinozas, was nicht genügend motiviert ist, dann entpuppt er sich als Mörder seiner Frau, der wunderschönen Miriam, entflieht und nimmt als Pirat in den Armen eines pestkranken Wesens ein schauerliches Ende. Um Manasses Charakter unserem Verständnis näher zu bringen, nennt ihn Hauser den „Sohn einer Gewalttat, von einem rothaarigen Matrosen an seiner Mutter verübt", und stellt ihm die Lichtgestalt des Benjamin Morteira gegenüber. Der ist „schön in seinen dunkelbraunen Locken, mit seinen sanften Zügen", sanft und schwärmerisch. Mit Überschwenglichkeit preist er alles Schöne, Große und Edle und ist empfänglich für die Reize der Natur und der blonden Miriam. Aber schwachen Willens und von Manasse beeinflußt, legt er auf Aufforderung seines Vaters Zeugenschaft wider seinen Freund Baruch ab. Er- 2