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Die Welt · 1907-11-08 · 45 (8.11.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE^I ELT gegeben haben. So kam es, daß deutsche Geschäftsleute in neuerer Zeit die Führung bei Entwicklung des Netzwerkes der Eisenbahnen in Kleinasien übernahmen. Sie wurden dabei ohne Zweifel durch die deutsche Regierung unterstützt, wie auch englische und französische Privatunternehmungen in Ägypten von der Politik ihrer Regierungen Vorteil gezogen haben. Warum wollte auch nicht Deutschland durch friedliches Eindringen in die asiatische Türkei versuchen, einen Teil des alten Wohlstandes von Kleinasien und Mesopotamien wiederherzustellen?" Das ist die Frage, die der Verfasser des Artikels aufwirft. Es ist für uns außerordentlich interessant, diese Version einer neuen, nicht religiösen, sondern zivilisatorischen Missionstheorie näher ins Auge zu fassen. Großbritannien hat, nach der Ansicht der genannten „Review", die Sendung, Ordnung in Länder zu bringen, wo keine zu finden war, und damit in diesen Ländern ein besseres Leben möglich zu machen, als dort vor seinem. Auftreten bestand und bestehen konnte. In Indien und Ägypten ist England der Vermittler zwischen der europäischen Gesittung und Bevölkerungen, die das Vermögen der Verwaltung eingebüßt hatten. Und die „Review" ist so tolerant, eine weitere Behauptung aufzustellen, daß dies eine Sendung ist, die nicht den Alleinbesitz Englands bildet. Daß Frankreich Englands Arbeitsgenosse sein kann, ist längst klar gewesen und verstanden worden. „Warum nicht auch Deutschland?" . „Es mag richtig sein." — fügt die „Review" hinzu, — „daß mit dem deutschen Unternehmungsgeiste in Handel und Gewerbe nationale deutsche Bestrebungen im Zusammenhange stehen. Ein solcherZusammenhang indessen ist natürlich und rieht ig." Also alles ist Sendung, und hiermit ist die Rechtfertigung für die koloniale Piraterie jeglicher Art gegeben. Im Grunde ist diese Theorie nicht zu verwerfen. Sie mag als Feigenblatt, das die Blöße politischer Berechnungen bedeckt, mißbraucht werden, nichtsdestoweniger ist es wahr, daß, wenn man sich als Sendbote fühlt, man auch diese Sendung ausführen muß. Unsere Missionstheorie ist ja nur „eine Facon zu sprechen". Wie primitiv einfältig erscheinen wir, die alten, berufenen Sendboten im Lichte dieser modernen Entwicklung der Völkerpolitik! Haben wir nicht das Recht, Gesittung in den Osten zu bringen, unsere Gesittung in unsern Osten, und ist für uns nicht ein nationaler Zusammenhang „natürlich und richtig", ja erst recht natürlich? Getaufte Journalistik ■ — No. 45 (B ) Maximilian Harden hat keine gute Presse. Die „Kreuzzeitung" spricht von dem „jüdischen Denunzianten und seinem jüdischen Rechtsanwalt", die „Nationalzeitung" nennt ihn einen „Mann mit der Psyche eines hysterischen Weibes", die „Post" stellt fest, daß er der moralisch Verurteilte ist, und sogar die gute und ach so liberale „Vossische Zeitung" verteidigt den armen und ach so reaktionären Grafen Moltke, den verdienten Soldaten, dem man so bitteres Unrecht zugefügt habe. Die ganze Presse einschließlich der liberalen rückt nachdrücklich von Harden ab. Wie? Ist er nicht ein „Retter des Vaterlandes"? Hat er nicht die adelige Hofwirtschaft ad absurdum geführt? Ist er es nicht gewesen, der in diesen Tagen das Herz jedes demokratischen Philisters in Deutschland höher schlagen machte und ihm sagen ließ: Das haben wir immer gesagt, und: So mußte es kommen, und: Das ist der Fluch des reaktionären Systems? Wie gut hat er doch euren Wahlaufrufen vorgearbeitet! Warum nur steinigt ihr ihn jetzt? Warum ist die „Kölnische Zeitung" stolz darauf, daß einem Journalisten der große Wurf gelungen, legt aber zugleich gegen die Person des Herrn Harden Verwahrung ein'' Ja, so ein getaufter Jude hat es nicht leicht! Den Adel blamieren, hurra dem Demokraten! — die Götter stürzen, heil dem Heros! Aber ein Jude, — — das ist peinlich. Wenn der Bruder mir sagt, daß mein stolzer Vetter silberne Löffel gestohlen hat, hei, wie freuen wir uns beide. Aber wenn ein Fremder kommt und mir sagt, meine Schwester sei eine Dirne, haue ich ihm ein paar herunter. Und frage gar nicht, ob es wahr ist. Ja, für die armen jüdisch - deutschen Journalisten mit ihren umgetauften Namen und ihren ungetauften Federn kommen offenbar schlechte Zeiten. Ihr werdet euch sicherlich nach einer andern Beschäftigung umsehen müssen, als die Reinlichkeitswächter Deutschlands zu sein. Es wird euch kaum etwas anderes übrig bleiben, als eure Journalistik an den Juden zu bringen. Wenn es nur nicht auch dafür schon zu spät ist. Die deutschen Juden geben viel zu viel auf das Urteil ihrer Leibblätter, als daß sie es riskieren würden, an jemand Gefallen zu finden, den die „anderen" nicht mehr mögen. Schlechte Zeiten, trübe Aussichten für die getaufte Journalistik. EIN NEUER SPINOZA-ROMAN Von Dr. M. SCHERLAG Otto Hausers soeben bei A. Bonz & Co. in Stuttgart erschienener Roman „Spinoza" interessiert uns hier lediglich insofern, als er ein Judenroman ist. Jedenfalls ist er das in höherem Maße, als der zweibändige, ebenso betitelte Roman Berthold Auerbachs. Während der deutsche Jude und Schriftsteller Auerbach in Spinoza in erster Linie den Denker sah, betrachtet der deutsche Christ und Dichter Hauser den Philosophen nur als Menschen. Der Denker ist nicht in dem Grade von seiner Umgebung abhängig und bedingt, wie der Mensch. Einen Denker kann man sich sogar losgelöst von seinem Milieu denken, nicht so den Menschen. Der schwebt nur selten über den Lebensgenossen, Zuständen und Dingen, gleichsam zwischen Himmel und Erde. Wie ein Baum in seinem Erdreich, wurzelt er in seiner Zeit. Je genauer wir diese kennen, desto besser werden wir den darin lebenden Menschen erkennen und verstehen. Da der moderne Romanschriftsteller das weiß und als Kunstprinzip anerkennt, legt er nicht geringen Wert auf die Zustandsschilderung, dasZehS und Lokalkolorit. Selbstverständlich finden sich auch bei Auerbach Schilderungen aus dem Leben der Juden in Holland zu Spinozas Zeiten, allein sie geben trotz ihrer Trefflichkeit kein Kolorit, geschweige denn ein Bild. Lose Einzelszenen sind es, spärliche Züge, bloße Ansätze zu einem Kulturgemälde. Dagegen liefert Hauser ein ganzes, wirkliches Kulturgemälde, farbenprächtig und geschichtlich treu, mit imponierenden1 Hintergrund, in1 einem gediegenen Rahmen. — Judentum und Theokratie waren eins. Im Zentrum de- Lebens stand der Gottesdienst. So spielen sich denn in Hausers Roman alle Geschehnisse in der Synagoge ab Wie anschaulich ist diese beschrieben. Jetzt liegt sie in braunem Halbdunkel. Einzelne helle Punkte blinken an den Wänden oder auf den Pulten auf und setzen Funken in südländische Männeraugen. In einem kostbaren Ehrenstuhl sitzt Rabbi Morteita und hört zu, wie der Lehrer Manasse ben Israel die Schüler der „Baum des Lebens" genannten Schule prüft. Es wird die Stelle in der Boraitha erörtern woraus die Feinde des Judentums die Beschuldigung des Mordes an Christenkindern zum Passah ableiten.

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