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Die Welt · 1907-11-08 · 45 (8.11.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 45 DIESaKELT Hindernisse, die sich der Eröffnung von Junueh für den Handel entgegengestellt haben, als unüberwindbar herausstellen sollten, die Wiedereinsetzung des Libanons in den Besitz der Bkaa-Ländereien. Sollte es endlich, wenn schon einmal festgesetzt ist, daß der Gouverneur der Provinz ein ottomanischer Untertan sein muß, ganz unmöglich für die sechs Mächte oder diejenigen von ihnen, die die stärksten Interessen in der Provinz besitzen, sein, sich auf die Ernennung eines schweizerischen oder niederländischen Generalinpekteurs mit einem kleinen, aber ausgesuchten einheimischen und europäischen Stabe zu einigen, dessen Amtsbereich eineGeneralüberwachung der verschiedenen Verwaltungszweige umfassen würde und dessen Zustimmung erforderlich sein müßte, ehe irgendein Beamter vom Gouverneur oder dem gesetzgebenden Rate entlassen werden könnte? Nach den demokratischen Einrichtungen, die die extremen ägyptischen Nationalisten so laut verlangen, hat der scharfsinnige und besser erzogene Libanese kein Verlangen, wenngleich er in jeder Beziehung mehr Anrecht hätte, sie zu bekommen. Er kennt seine Untauglichkeit für parlamentarische Institutionen, und die Formel „Strenge und Gerechtigkeit" begreift sein augenblickliches politisches Ideal in sich. POLITISCHE REVUE /?= o o o (S) Stellen wir die Momente der russischen Lage Der Siec" " s nach dem „Siege" der Reaktion noch einmal leidenschaftslos, einfach berichtend zusammen. Das russische Reich ist noch keineswegs beruhigt. Täglich geschehen Morde und Raubanfalle, von denen nur ein ganz geringer Teil den Lesern nichtrussischer Zeitungen bekannt wird. Nach einer allerdings unverbürgten Statistik soll wöchentlich im Durchschnitt 12 Million Rubel im Auftrag der S. R. (Sozial-Revolutionäre) geraubt werden. Die Kampfesorganisation der P. P. S. (polnische sozialistische Partei) arbeitet auf eigene Faust. Der Banditisrnus rechnet hier nicht mit. Wieviel geraubt wird, laßt sich schon deshalb nicht berechnen, weil viele der Ausgeraubten Angst haben, das Geschehene der Polizei mitzuteilen. In manchen Gegenden ist es für einen Gutgekleideten nicht ungefährlich, sich auf dem platten Lande auch nur zu zeigen. Ober sechs Millionen Juden hängt die Pogromgefahr wie ein Damoklesschwert. Die Unsicherheit lähmt die Initiative und tötet den Unternehmungsgeist. Der Kaukasus ist zur Hälfte unabhängig. Die große und wichtige grusinische Heerstraße von Wladiwostok nach Tiflis ist beinahe gesperrt; die Osseten lassen auf der Nordseite kaum noch jemand durch. Die Domänen werden kaum noch normal bewirtschaftet. Land ist auf 2/s oder rs des früheren Wertes in vielen Gegenden gefallen. Die Industrie ist in den Don- Zentren, im Petrokov'schen Gouvernement und in vielen andern Orten paralysiert. Streiks sind an der Tagesordnung, und sie unterscheiden sich ganz radikal von den westeuropäischen. Sie erzeugen auf beiden Seiten Gewalttätigkeiten, die nur in einer von ' laß, Roheit und Willkür durchtränkten Atmosphäre möglich sind. Wenn der Handel sich in einigen Zweigen etwas gehoben hat, so . ommt das einmal daher, daß seit dem Beginn des Krieges und ier Unruhen, seit mehr als drei Jahren auch das Notwendigste zu kaufen aufgeschoben wurde, aber ein solcher Aufschub nicht ewig vähren kann, und zweitens, weil die meisten, nicht genügend kapitalkräftigen Kaufleute Bankrott gemacht haben, wodurch die Konkurrenz geschwächt worden ist. Große Volkskreise sind proletarisiert worden; die Kauf- und Steuerkraft der Bevölkerung st tief gesunken. Das Erziehungswesen ist zerrüttet. Die meisten Universitäten waren im Laufe der letzten Jahre geschlossen, und in;5en offengebliebenen gärt es furchtbar. Nur wenige, von einem starken Geiste erfüllte oder — eindrucksfeste Dickhäute können noch in diesem Fieber lehren und lernen; die meisten werden abgelenkt. Und ist es auch den Machthabern gelungen, dem klerikalreaktionären Geist den Eintritt in einige Kreise zu verschaffen, so naben sie auch dadurch nichts gewonnen. Es heißt den Teufel iurch Beelzebub heraustreiben zu wollen, Denn es wird wieder klerikal-reaktionär gewühlt und politisiert, — von einer Arbeitslust, on einem normalen Leben, von einer Botmäßigkeit und Gemütsr'ihe kann nicht die Rede sein. So ist es auch im Innern Rußlands; Die Bagdadbahn in den Grenzprovinzen ist es noch viel schlimmer. In Polen klafft ein Abgrund zwischen der Bevölkerung und der Regierung, — die Autonomie ist zum allgemeinen Programm, fast zu einem religiösen Dogma aller Parteien geworden. Nach der Lage der Dinge ist dies ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen der Regierung und einem ganzen Volke. Nicht besser ist es mit den Letten, Estheri: Kleinrussen, Tataren, Grusinern, Armeniern. Ähnlich kriselt es in den interkonfessionellen Beziehungen, — und die Judenfrage! Sie ist akuter geworden als je, die Verarmung, die Auswanderung, die innere Zerklüftung, die Erbitterung sind größer. Unter diesen Umständen übernimmt es eine rückständige Dumamehrheit, die künstlich geschaffen worden ist, das russische Reich zu beruhigen. Hat ein solcher Homunkulus Anwartschaft auf eine Zukunft und auf die erfolgreiche Ausführung dieser Herkulesarbeit? Man müßte leichtgläubig sein, um solche Wunder für möglich zu halten. (S) Die „Quarterly Review" befürwortet in einem Aufsatze, der in ihrem Oktoberheft erschienen ist, die Bagdad bahn und würdigt „das Wesen und den Geist dieses Unternehmens". Der vollständige Verfall nach hoher Blüte der sämtlichen Länder, durch die die geplante Bahnlinie ihren Weg nehmen soll, datiert vorn Verfall des osmanischen Reiches, dem sie alle angehörten, — schreibt die genannte „Review". „Das Reich hat lange schon die Kraft zu tüchtiger Verwaltung verloren, und diejenigen Länder, wo es seine besondere Heimstätte gefunden hatte, sind am tiefsten gesunken. Zwei von ihnen sind in neuerer Zeit zu neuem Wohlstande gelangt, der vielleicht mit der Zeit der alten Blüte gleichkommen mag. In Ägypten haben zuerst die Franzosen und später die Engländer den Gedanken der Gesittung und die Ordnung wiederhergestellt. In Algerien haben die Franzosen die gleiche Aufgabe übernommen und möchten nun in ähnlicher Weise in Marokko vorgehen. Beide Nationen haben sich bei diesen Unternehmungen als die Sendboten europäischer Gesittung gefühlt und sind auch als solche anerkannt worden. Nun hat sich die Aufmerksamkeit Deutschlands, das beiden vollkommen in der Gesittung und der Tatkraft zu ihrer Ausbreitung gleich ist, der asiatischen Türkei zugewandt. Es ist das keine neue Erscheinung. Die Sache datiert vielmehr seit den Tagen Mahmuds IL, der deutsche Offiziere bei der Reform seines Heeres zu Hilfe zog, Offiziere, die unter den früheren ersten wissenschaftlichen Erforschern von Kleinasien und Mesopotamien waren und denen eine lange Reihe geographischer und historischer Pioniere gefolgt ist. Die Folge war, daß Deutschland ein wachsendes Interesse an Kleinasien und Mesopotamien nahm, dort durch zahlreiche fruchtbringende Forschungen jeglicher Art vertreten war und in neuerer Zeit nach verschiedenen Richtungen hin das friedliche Eindringen versucht hat, von dem England und Frankreich so viele Beispiele 1*

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