Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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mit Frau und Kindern seit 8 Jahren in Zlatunui. Am 5. Dezember wurde mir befohlen, das Dorf zu verlassen. „Ich wünsche keine Juden in meinem Dorf," sagte der Dorftyrann. „Ich hasse sie."! „Es war mitten im Winter. Ich hatte einen Laden und bebaute 10 Acker Land, auf denen ich Korn und Gerste gesät hatte. Ich bat um ein Jahr Aufschub; ich wußte nicht, wie ich mein Eigentum verwenden, wo ich Frau und Kinder unterbringen sollte. Die einzige Antwort war der Befehl, mein Haus sofort zu verlassen. Ich ging mit meiner Frau zum Magistrat. Meine Frau warf sich dem Bürgermeister zu Füßen. „Steh auf, Weib," lachte er. „Du bist verrückt." „Wohin sollen wir gehen?" „In die Erde" war die höhnische Antwort. „Aber unser Eigentum, unser kleines Vermögen?" „Wirf es in den Fluß," schrie der Unmensch. „Ich habe kein Mitleid mit Juden, sie sind Hunde!" „Gebrochenen Herzens wankten wir nach Hause. Die Bauern und die Polizei folgten mir und fragten mich, wohin ich gehen wolle. „Ich weiß es nicht," antwortete ich. Man sagte, man werde mich mit Gewalt heraustreiben. „Das könnt ihr leicht tun," sagte ich. „Ihr seid 200, und ich bin ein einzelner." „In einer Winternacht zogen wir dann in ein kleines Städtchen in der Nachbarschaft. Als ich nach einigen Tagen zurückkehrte, war alles vernichtet. Man hatte beschlossen, mich zu ruinieren; ich war ruiniert." Das sind einige von den Tragödien, die man im Shelter hören konnte. Jede von ihnen enthielt ein Lebensschicksal, jede war ein krasses Zeichen von unerhörten, wahnwitzigen Verfolgungen denen unsere Brüder im „Musterlande" Rumänien ausgesetzt sind. Sie sind die Opfer eines europäischen Skandals. Aber Europa hat Wichtigeres zu tun als sich um diese Unglücklichen zu kümmern, die aus ihrer Heimat, aus ihrem Besitz vertrieben worden sind, nur weil sie Juden sind. Der jüdische Frauenbund für Kulturarbeit in Palästina Von Prof. Marie Schach Während der Kongreßtage im Haag sind die dort anwesenden jüdischen Damen aus aller Herren Länder zusammengetreten, um über Stellung und nationale Aufgaben der modernen Jüdin zu beraten. Dieser Meinungsaustausch bot viel Anregendes und hat auch bereits ein positives Ergebnis gezeitigt: es wurde zu Haag der allgemeine jüdische Frauenbund für Kulturarbeit in Palästina ins Leben gerufen, den tatkräftig und segensreich auszugestalten nunmehr Ehrensache jeder denkenden Jüdin sein muß. In der Tat ist der neugegründete Frauenbund nichts anderes als der zur Tat gewordene Gedanke, daß es Verrat wäre am eigenen Geist und Blut, ja an Kind und Kindeskind, wollte die jüdische Frau, die in unserem nationalen Schrifttum den stolzen Namen „Akee ret habait" (des Hauses Grundfeste) führt, jetzt die Hände in den Schoß legen. Gebieterisch verlangt die für unser armes Volk so verhängnisschwere, an Gärungen und Neugestaltungen überreiche Zeit, daß wir die unmündige Mündelrolle des passiven Zusehens endlich niederlegen und unser Teil Arbeit und Mühe auf die eigene Schulter nehmen. Nur allzu lange haben wir mit Schmerz und Beschämung den alten Fluch sich immer wieder tragischer an uns erfüllen sehen: „samuni notera es hakramim, — karmi seteli lo natoriti" (sie haben mich zur Hüterin ihrer Gärten gemacht, — meinen eigenen habe ich verwahrlosen lassen). Wohl haben wir Jüdinnen der Neuzeit sie gehegt und gehütet - die fremden Gärten alle! Bei keiner sozialen Bewegung haben wir gefehlt: wo nur immer ein „Vorwärts" winkte, da war auch schon die Jüdin zur Stelle, helfend und wartend mit Wort und Tat, mit. der ganzen Glut und* Tiefe ihres intensiven Gemütsiebens. — Nur an einem edlen Kampfe nahmen wir bis jetzt spärlich teil, — an dem Kampf um Recht und Gerechtigkeit für das eigene gemarterte Volk, für die eigenen nationalen Güter, — tausendfach geheiligt iurch den großen „tausendjährigen Schmerz"! Wo es galt, am 3igenen Garten zu bauen, da versagte unser Verständnis, versagten Herz und Hand! Zu Tausenden hätten wir uns scharen müssen un die stolze Fahne unserer Selbsthilfe, um die herrliche Hoffnung mserer nationalen Wiedergeburt im Lande der Väter! Wir taten es nicht, und dieser Makel an unserem guten Namen nuß noch getilgt werden. Und noch ein anderes haben wir gut u machen, einen psychologischen Fehler unserer großen Bewegung. *en besonderen Bedürfnissen und Neigungen der Frauenseele wurde is jetzt nicht genugsam Rechnung getragen. Wohl erhielten wir n „jüdischen Parlament" Sitz und Stimme, aber der politische ionismus mit seinen erhabenen Zielen ist in seiner Allgemeinheit nid Weite kaum einer (ganz geringen Minderheit der jüdischen Frauen faßbar, und auch diesen ist er oft nur ein leuchtender Stern am fernen Himmel! Ihrem unmittelbaren Sehnen und Sinnen, ihrem praktischen Schaffensdrang, der scharfumgrenzte Kreise fordert, muß ein eigenes Arbeitsfeld geboten werden. Und. ein solches Arbeitsfeld glauben wir wi der Aufgabe gefunden zu haben, Kulturarbeit in Palästina zu leisten, auf jenem geschichtlichen Boden, der uns allen gleich heilig ist, wo viele tausende unserer Stammesgenossen eine alt-neue Heimat gefunden haben und wohin unaufhaltsam der Strom unserer östlichen Brüder sich wendet. Dorthin wollen auch wir unsere Arbeit und Sorge, unser bestes Können und Wollen lenken, um in nationalem Sinne eine gesunde, tüchtige Frauengeneration heranzuziehen, sich und dem heiligen Lande zum Heil! Es ist ein Großes und Heiliges, was wir schaffen wollen, aber vorsichtig, schrittweise gedenken wir ans Werk zu gehen. Der Anfang soll, sobald die erforderlichen Finanzmittel beschafft sind, mit einer Wirtschaftsschule gemacht werden, in der unsere weibliche Jugend alle nützliche Haus-, Garten- und Feldarbeit erlernen soll. Ein Hauptgegenstand der sorglichsten Pflege soll die moderne Hygiene sein, und die Anfangsgründe der Krankenpflege sollen praktisch, aber mit dem größten Nachdruck gelehrt werden, damit die künftige Frau und Mutter" überall selbständig und hilfreich eingreifen kann, wo immer es nottut. Zugleich mit dieser Wirtschaftsschule ist ein Krankenpflegerinnenheim geplant, das für die Zukunft von größter Bedeutung werden kann. Ist diesen Grundbedürfnissen erst Rechnung getragen, so soll später ein ganzes Netz von Kindergärten, Wirtschaftsschulen etc. erstehen, die es verhindern sollen, daß unser gesunder, junger Nachwuchs verkümmert wird durch künstlich eingeimpfte Sehnsucht nach fremdem Leben in fremden Landen. Die palästinensische Jugend soll für Palästina erzogen werden, v An alle, die ein warmes Herz sich bewahrt haben für das Wohl und Wehe ihres Volkes ergeht hiermit der Ruf: „Auf, ihr Schwestern, zu edlem Tun!" Hier ist ein Arbeitsfeld, so weit und reich, und doch so greifbar nah, daß alle teil daran nehmen können, welcher politischen oder religiösen Richtung sie auch angehören mögen. Im Haag wurde der Plan mit Begeisterung von allen Anwesenden begrüßt; möge es ihm beschieden sein, in weiteren und weitesten Kreisen gleich zündend und werbend zu wirken. Dann wird ein schönes Gedeihen unsere Mühe lohnen, und eine Lust wird es wieder sein und ein gerechter Stolz, „eine Jüdin zu sein". Hilfsverein der Deutschen Juden Unter Vorsitz des Herrn James Simon fand am 17. Oktober eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. Mit lebhafter Befriedigung nahm der geschäftsführende Ausschuß Kenntnis von den günstigen Berichten, dieHerr'Dr. Paul Nathan von den ersten Etappen seiner Studienreise nach dem Orient — Sofia, Philippopel, Konstantinopel — erstattet hat. Es geht aus diesen Berichten hervor, daß die Institute, die der Hilfsverein unterstützt hat, sich in bestem Zustande befinden, daß die vom Hilfsverein entsandten deutschen Lehrer eine fruchtbare, von den Gemeinden in hohem Grade anerkannte Tätigkeit zu entfalten in der Lage sind, und daß die Mitwirkung des Hilfsvereins bei der weiteren Ausgestaltung des Schulwesens in den Balkanländern and im Orient in immer steigendem Maße erbeten wird. Die Vorschläge, die Herr Dr. Nathan nach eingehenden Beratungen mit angesehenen kompetenten Gemeindemitgliedern dem Ausschuß des Hilfsvereins übermittelt hat, fanden einstimmige Annahme. Es wurden die folgenden Beschlüsse gefaßt: An die Schule der Deutsch-Israelitischen Kuitusgemeinde in Sofia, wo bereits ein vom Hilfsverein gestellter deutscher Lehrer wirkt, wird ein zweiter Lehrer zur Erteilung von hebräischem Unterricht geschickt. Der Schule der israelitischen Gemeinde in Philippopel, wo zwei vom Hilfsverein entsandte deutsche Lehrer tätig sind, wird das gewünschte Fröbelmaterial und Material für Anschauungsunterricht zur Verfügung gestellt. Die Mittel für die drei Schulen, die sich dem Hilfsverein in Konstantinopel angeschlossen haben, werden den gestellten Anträgen entsprechend bewilligt. Der in hohem Maße wünschenswerte rasche Ausbau der Or-Thoraschule in Konstantinopel zu einer sechsklassigen Volksschule wird durch die Bewilligungen des Hilfsvereins nunmehr ermöglicht. Für das Schuljahr 1907,08 werden der Or-Thoraschule 5700 Mk. und zur Deckung eines Defizits infolge von Umzugskosten 925 Mk. gewährt. Die fünfklassige Schule Seror ha Chajim und die vierklassige Achridaschule in Konstantinopel erhalten zur Ausgestaltung des Unterrichts und zur Vornahme notwendiger Restaurierung 1100 resp. 2900 Mk. Ferner wurde beschlossen, die Subvention von 4000 Kr. für den in Galizien zwecks Studiums der Verhältnisse ständig