Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-11-01 · 44 (1.11.1907) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316287--49911-3344870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Protest gegen die Behandluug jüdischer Reisender in Rußland Wegen der Benachteiligung jüdischer Reisender in Rußland ersucht der Vorstand der Handelskammer in Nürnberg die bayerische Regierung, sie möge die Reichsregierung veranlassen, Erhebungen über die Behandlung jüdischer Reisender deutscher und anderer Nationalität anzustellen und auf Grund des deutsch-russischen Handelsvertrages Rußland gegenüber den Anspruch durchzusetzen, daß die ungerechte Behandlung deutsch-jüdischer Reisender aufhöre. Jüdische Ausstellung in Kopenhagen Der „Industrieverein'* in Kopenhagen beabsichtigt, im Januar 1908 in Kopenhagen eine jüdische Ausstellung zu veranstalten. Insbesondere sollen -Gemälde, Skulpturen, Kupferstiche und Synagogenschmuck ausgestellt werden. Das Schächten vor dem Bundesgericht in Neuchätel Das Obergericht des Kantons Aargau hatte einen Juden namens Frölich zu Strafen von 24 und 36 Franks verurteilt, weil er Geflügel nach jüdischem Ritus geschachtet hatte. Gegen diese Bestrafung legte Frölich beim Bundesgericht Berufung ein, mit der Begründung, daß die Ausführung des Kantongerichtes, das Schächten nach jüdischem Ritus sei eine Tierquälerei, durchaus unbegründet sei. Qas Bundesgericht schloß sich diesen Ausführungen an und hob die Strafe auf. In Erwartung des Messias •;" Nach Pariser Telegrammen stehen die Juden von Marrakesch die ungefähr 12000 Seelen stark sind, unter dem Einfluß einer gefährlichen mystischen Agitation. Inmitten der Lebensgefahr, in der sie sich jetzt befinden, versammeln sie sich in. ihren Synagogen, um den Messias zu erwarten, der nach ihren Überlieferungen er^ scheinen wird, wenn alle Völker Marokkos einander bekriegen. Wenn Muley Hafid Erfolg hat, haben die marokkanischen Juden, die schlimmsten Exzesse zu erwarten. Jüdische Kurse Auf die von zionistischer Seite ergangene Anregung hin hat der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Köln" die Einrichtung jüdischer Kurse in die Hand genommen. Zunächst sollen zwei Serien von Vorträgen gehalten werden, eine über „Jüdische Volkskunde" und eine als hebräischer Sprachkursus. Die Leitung der ersteren liegt in Händen des Herrn N. Sokolow, die der letzteren untersteht Herrn Dr. Frankfurter. Der einleitende Vortrag des Herrn Sokolow fand verflossenen Montag vor einer zahlreichen Zuhörerschaft statt. ooooooooooooooo C NOTIZEN 3> o o o o o ooooooooooooooo __I_;__ »C7 2> Rumänische Auswanderer in London . Im Laufe der letzten Woche passierten 132 rumänische Auswanderer London. London ist nur eine Station auf ihrer Wanderung; von Rumänien wurden sie nach Wien geschickt, von Wien nach Antwerpen. Und von der englischen Hauptstadt wollen sie nach Montreal gehen, von wo sie wieder ihren verschiedenen — hoffentlich endgültigen — Bestimmungsorten zugeführt werden sollen. Dies ist schon der zweite Trupp, der durch London kommt. Der erste passierte, wie wir berichtet haben, vor einigen Wochen. Und in 2 oder 3 Wochen wird eine dritte, größere Abteilung in London erwartet, um von hier aus weitergeschickt zu werden. Die Gruppe, die Freitag ankam, zählte, wie gesagt, 132 Personen. Hübsch und sauber angezogen, hoben sie sich vorteilhaft von dem Durchschnitt der sonstigen Auswanderer ab. Ohne Ausnahme handelt es sich um Leute, die meist bessere Tage gesehen haben; alle sjnd Opfer einer schamlosen Tyrannei, die sie mit einem Schlage aus verhältnismäßig wohlhabenden Leuten zu elenden Bettlern gemacht hat. Einige von ihnen haben den Boden bebaut, als Farmer oder Gutsinspektoren, andere sind Handwerker. Und alle sind sie Menschen, denen, wie sich einer der Emigranten ausdrückt, der Staat nicht gestattet, zu leben. Sie führen eine große Zahl Kinder mit sich, darunter sehr hübsche und aufgeweckte Jünglinge und Mädchen. Manche von ihnen sind erst 2 oder 3 Jahre alt, einige zählen gar erst 6 Monate; hier und da liegt ein Kind an der Mutterbrust. Eine Familie, ein Mann von 36 und eine Frau von 32 Jahren, führt 5 Kinder mit sich, von denen das älteste J3 Jahre alt ist, und eine hat nicht weniger als 10 Kinder. Im Shelter, wo sie einquartiert sind, werden sie auf Trachoma untersucht, aber nur wenige der Kleinen leiden an dieser Augenkrankheit, „ein gesunder Schlag", meinen die Doktoren. Mehrere der Auswanderer haben ihre Ackergerätschaften mitgebracht. Die Erzählungen der Unglücklichen enthüllen Tragödien von einer ergreifenden Traurigkeit. Viele von ihnen haben dem Lande, das sie jetzt so erbarmungslos ins Elend stößt, Militärdienst geleistet. Einer von diesen ehemaligen Soldaten, eine stramme militärische Erscheinung, erzählt, daß er drei Jahre bei der Kavallerie gedient und sich dann in einem Dorfe als Bäcker niedergelassen habe. Eines schönen Tages, während dieses Frühjahrs, kam ein Polizist zu ihm und brachte ihm den Befehl, binnen drei Tagen auszuwandern. Der Ärmste erlangte mit vieler Mühe die Erlaubnis, über Pessach bleiben zu dürfen, damit er nach Bukarest gehen könne, um sich dort eine Wohnung zu suchen. In seiner Abwesenheit brachen, die Bauern in sein Haus ein, verwüsteten es vom Speicher bis zum Keller und machten ihn auf diese Weise zum Bettler. Der andere ehemalige Soldat, der übrigens nicht nur wie mehrere der Auswanderer sich in Englisch, sondern auch in Französisch verständigen konnte, hatte seinerzeit in einem Artillerieregiment gedient und sich dann in VaUea-Satului als Gutsinspektor niedergelassen. Einige Monate später bekam er Befehl von der Polizei, das Dorf binnen 14 Tagen zu verlassen. Mit ihm wurden ungefähr 50 Juden zu gleicher Zeit vertrieben. Ein armseliges Kerlchen hatte den elenden Beruf eines Dorfschneiders ergriffen. Aber selbst in dieser Stellung bedeutete er eine Gefahr für die Nationalwohlfahrt Rumäniens. Man bedachte ihn so lange mit Steuern, bis er nicht mehr in der Lage war, sich sein bißchen tägliches Brot zu verschaffen. Besonders traurig ist der Fall des Mannes, von dem wir oben sagten, daß er 10 Kinder habe. Er ist erst 45 Jahre alt, seine Harmlosigkeit und Ungefährlichkeit steht ihm im Gesicht geschrieben. Er lebte seit nicht weniger als 20 Jahren in guten Verhältnissen in Brehujesty. In seinem Kolonialwaren- und Holzgeschäft hatte er sich im Laufe der Jahre 12 000 Francs erspart, für einen rumänischen Dorfbewohner schon ein kleines Vermögen. Die Geschichte seines Ruins ist wert, erzählt zu werden. Eine? Tages wurde er zum Magistrat des Nachbarortes geladen, wo ihm mitgeteilt wurde, der Präfekt lasse ihm sagen, es sei besser für ihn, wenn er sein Dorf auf einige Zeit verlasse. Der Mann war über das freundschaftliche Interesse, daß der Beamte an seiner Person nahm, nicht wenig erstaunt und konnte es sich nicht anders erklären, als daß es auf einen Erpressungsversuch abgesehen sei Indessen wurde ihm bedeutet, der Präfekt wünsche ihn lediglich vor den aufrührerischen Bauern zu schützen, die auf sein Dorf in Anmarsch waren. Er solle seinen Laden nur für einige Tage ver lassen. In seiner Angst glaubte der erschrockene Mann nicht Besseres tun zu können, als dem Rate der Obrigkeit zu folgen Er sandte daher einen Boten nach Hause mit dem Auftrag, die vie ältesten Kinder in der Nachbarschaft unterzubringen und seine Frai mit den sechs andern zu ihm zu schicken. Das geschah, und de Laden wurde geschlossen. Sodann machte er sich auf den Wcl zu der Stadt, wohin seine vier ältesten Kinder geflüchtet warei; Aber er konnte nicht hinein. Der Platz war in Händen der Au! rührer. So blieb ihm und seiner Frau nichts übrig, als vor de. Stadt liegen zu bleiben, unterdessen sich ein Hauptmann de rumänischen Armee das Vergnügen machte, ihm zu versichern, sein 4 Kinder seien in der Stadt ermordet worden. Zum Glück erwie sich das als eine Lüge. Die Kinder waren am Leben. Nachden das Land wieder ruhig geworden war, ging der älteste Sohn i das Heimatsdorf zurück. Der Anblick, der sich ihm bot, w;< furchtbar. Das ganze Haus geplündert und verbrannt; was du Brandstifter nicht hatten wegtragen können, war besudelt und i<: den Straßenkot geworfen. „Das ist der Ertrag meiner 25jährige;; Arbeit,'* klagte der Ärmste. Und doch war er unverzagt und pflegt c seine Kinder mit rührender Sorgfalt. Ein anderer, ein Mann von 46 Jahren, erzählte: „Ich wohnt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.