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Die Welt · 1907-11-01 · 44 (1.11.1907) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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stationierten Sekretär des „Wiener Hilfsvereins für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien", der sich im besonderen die Fortführung der volkswirtschaftlichen Hilfsaktion in Galizien angelegen sein läßt, zu .erneuern. Der Delegierte des Hilfsvereins hat die spezielle Aufgabe, weitere Möglichkeiten zur Vermehrung der Erwerbsgelegenheiten in Galizien, zur Einführung neuer und zur Ausbreitung schon bestehender Industrien ausfindig zu machen; er hat auf seinen Studienreisen bereits wertvolles Material in dieser Richtung gesammelt, das für die Ausgestaltung des Hilfswerks nutzbar gemacht wird. Für den Ausbau des Bremer Auswanderungsbureaus des Hilfsvereins der Deutschen Juden werden die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Für das Kinderasyl in Odessa, das unter den Wirkungen der Pogrome und der Pogromfurcht ständig aufs schw erste zu leiden hat, wird — gemeinsam mit dem Frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden — ein Betrag von 5000 Mark bewilligt. Nach Maisad (Gouvernement Kowno), das durch zwei Brände im Juni und August schwer heimgesucht worden ist, wurden — gleichfalls gemeinschaftlich mit dem Frankfurter Hilfskomitee — 1500 Mark überwiesen. Zwei jungen Leuten, die sich zum Handelslehrer resp. zum Zahnarzt ausbilden und nach Abschluß ihres — in einem Jahre beendeten — Studiums ihre Berufstätigkeit in Palästina bleibend ausüben wollen, wurden Stipendien gewährt. In der Sitzung wurde noch mitgeteilt, daß die landesherrliche Genehmigung zur Annahme der Schenkung von 10000 Mark aus dem Julius Bleichröderschen Nachlaß erteilt worden ist Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat zur Unterstützung des Hilfswerks in Marokko der Alliance Israelite Universelle in Paris 12 500 Francs überwiesen. Die niederösterreichische Landtagswahlreform und die Juden In überraschend kurzer Zeit hat der niederösterreichische Landtag eine Wahlreform für das Erzherzogtum Österreich unter der Enns beschlossen. Es ist bekannt, wie sehr die christlichsozialen Machthaber es verstehen, sich auf listige und gewalttätige Art in der Herrschaft zu erhalten und die Gegner zu unterdrücken. Allerdings originell sind die jetzigen Herren von Wien keineswegs, denn das ganze System von List und Gewalt haben sie von ihren Vorgängern, den Liberalen, übernommen, die durch ihre schlau ausgeklügelte Wahlkreisgeometrie und den Verrat an den Interessen des Volkes, den sie fortwährend verübten, besonders aber durch ihre zweideutige Haltung in der Judenfrage, den berechtigten Unwillen der ganzen* Bevölkerung hervorriefen und den Christlichsozialen den Weg zur Macht ebneten. Eines der hauptsächlichsten. Mittel, diese sich zu erhalten, bietet den Christlichsozialen die jetzige Landtagswahlreform. Obwohl ursprünglich die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes geplant war, so mußte man sich infolge des Widerstandes der Regierung mit der Erweiterung des Wahlrechtes begnügen. Durch eine enorme Vermehrung der Mandatsanzahl für das flache Land von Niederösterreich, haben sich nun die Christlichsozialen für eine heute noch unabsehbare Zeit die Herrschaft in der Landstube gesichert. Doch damit begnügten sie sich noch nicht, sondern führten auch die Listenwahl ein, eine Maßregel, die dem kümmerlichen Reste des Liberalismus das wohlverdiente Ende bereiten wird, leider aber auch der politischen Bewegung der Jüdisch-Nationalen bei den Landtagswahlen mannigfache Hindernisse in den Weg legen wird. Geradezu kläglich war die Haltung der Liberalen. Die Herren, die sonst fortwährend bei ihren Klubabenden und Tarockpartien von der Wiedereroberung Wiens träumen, konnten infolge ihrer völligen Ohnmacht sich zu keiner Tat, sondern nur zu völlig wirkungslosen Protesten aufraffen. Auch die liberale Presse konnte nur wehleidig klagen, beunruhigte sich aber augenscheinlich viel mehr über das Projekt einer Besteuerung der Luxusautomobile. Wenn wir also, wie oben gezeigt, mit keinesfalls glänzenden Aussichten in den Landtagswahlkampf eintreten, so ist's jetzt schon an der Zeit, unter das Volk zu gehen und mit der Aufklärungsarbeit zu beginnen. P. D. Die jüdischen Sozialisten Amerikas über Galveston Das in New-York erscheinende jüdisch-sozialistische Blatt „Vorwärts" schreibt folgendes über Galveston: „Die Kapitalisten Südamerikas können sich noch immer nicht von ihrer Vorliebe für Sklavenarbeit freimachen. Freie Arbeiter, die zu jeder Zeit das Recht haben, ihre Arbeit aufzugeben, können jene Kapitalisten und Farmer nicht vertragen. Nachdem die Sklaverei abgeschafft ist, suchen sie nach allerhand Möglichkeiten, um „gebundene" Arbeiter zu bekommen. Und die heutigen Sklaven sind nicht nur Schwarze, sondern auch Weiße. , Eine Art Sklaven sind die zur Zwangsarbeit verurteilten Verbrecher, die unter Polizeiaufsicht in ganzen Scharen in den Farmen des Südens arbeiten. Selbstverständlich ist die Arbeit dieser Unglücklichen spottbillig und drückt die Löhne der freien Arbeiter. Was aber, so wird man fragen, hat das mit den Juden zu tun, die man dorthin bringt? Ist denn zu erwarten, daß sie Zwangsarbeiter sein werden? Die Antwort wird lauten: Gewiß nicht, denn sie sind keine Verbrecher. Da indessen die Einrichtung der Zwangsarbeit als Strafe ein ausgezeichnetes Mittel im Interesse der Kapitalisten ist, so fabriziert man Verbrecher, indem man arme Arbeitslose als Landstreicher betrachtet und sie dann als Verbrecher in die Zwangsarbeit schickt. Das ist aber noch nicht das Schlimmste: Laut den dort herrschenden Gesetzen wird ein Arbeiter, der den Kontrakt mit seinem Herrn bricht, mit Gefängnis bestraft. Einen Kontrakt macht man aber eben mit jedem Immigranten. Man gibt ihm Arbeit und befiehlt ihm, ein Papier zu unterschreiben. Was weiß er, was er unterschreibt? In Wahrheit ist es aber ein Kontrakt, und wenn er nachher sieht, daß er wie ein Sklave behandelt wird und dem Unternehmer entläuft, wird er aufgegriffen und gilt vor dem Gesetze als ein Sklave, als ob die Sklaverei heute noch eine gesetzliche Einrichtung wäre. Wenn er nämlich gemäß dem Gesetze im Gefängnis sitzt, gilt er als ein Arrestant, der nach den gesetzlichen Vorschriften als Zwangsarbeiter verdungen werden kann." Wir müssen die Verantwortung für diese ungeheuerlich klingenden Mitteilungen dem „Vorwärts" und dem „Fraind" überlassen, dem wir sie entnehmen. Jedenfalls wäre es dringend geboten, wenn sich die jüdischen Gesellschaften, die sich die Einwanderung nach Galveston angelegen sein lassen, sofort dazu äußerten, damit auch nicht ein Schatten der Meinung übrigbleiben kann, daß die jüdischen Einwanderer in Galveston tatsächlich unter derartigen Verhältnissen zu leiden haben. Antisemitismus in Südafrika Wenn auch die Lage der Juden in Südafrika im allgemeinen nichts zu wünschen übrig läßt, so hat man doch in den letzten Jahren wiederholt Ursache gehabt, antisemitische Angriffe zurückzuweisen. Wie wir in unseren letzten Nummern berichtet haben, hat sich die Zionistische Federation von Südafrika dieser Angelegenheit besonders tatkräftig angenommen. So hat sie erst neuerdings eine große öffentliche Versammlung in Johannesburg abgehalten, bei der fast alle jüdischen Vereinigungen vertreten waren und in der die Frage lebhaft diskutiert und über die erforderlichen Maßnahmen beraten wurde. Es wurde beschlossen, das vorhandene Material dem Jewish Board of Deputies zur weiteren Veranlassung zu übergeben. Dieser hat auch bereits Schritte deswegen eingeleitet und hat insbesondere der schlechten Behandlung und der Entlassung jüdischer Angestellter der städtischen Straßenbahn in Johannesburg seine Aufmerksamkeit zugewendet. Die Verwaltung der Straßenbahn hat denn auch zugesagt, dieser berechtigen Klage abzuhelfen. Verein jüdischer Frauen zur Kulturarbeit in Palästina Bericht aus Holland: Die holländischen Vorstandsmitglieder des neuen jüdischen Frauenbundes, Frau A. Kann und Frl.J. Hoofien haben ihre organisatorische Tätigkeit begonnen. Zwecks Bildung eines Propagandaklubs in dem jüdischen Zentrun von Holland ist an einen Teil der jüdischen Frauen und Mädche; ein Rundschreiben ergangen, in dem dieselben zur Teilnahme a der Propaganda aufgefordert werden. Die Propaganda, die hauptsächlich auf Gewinnung von Vereinsmitgliedern hinzielt, sc; mündlich von den Mitgliedern des Propagandaklubs und schriftlic durch Verbreitung eines Zirkulars an alle jüdischen Frauen Holland betrieben werden. Auch in anderer Weise wird die Sache in die Öffentlichkc gebracht werden. Es wird in der grossen Presse von dem Verei und seinen Zielen berichtet werden, und in dem „Joodsche Wächter dem holländischen zionistischen Parteiorgan, wird ein ausführliche Artikel darüber erscheinen. Die holländischen Vorstandsmitglieder hegen die Hoffnung, da eine energische Auffassung der Tätigkeit ihrerseits und seitens ihre Kolleginnen in den andern Ländern zu dem Resultat führen werdt daß in kurzem an die Ausführung der Pläne des Frauenbünde geschritten werden kann. Alle zionistischen Frauenvereine werden gebeten, ihre Adresse dem „Jüdischen Frauenbund für Kulturarbeit in Palästina", an di. Schriftführerin Frau Dr. Bodenheimer, Cöln a. Rh., Richmodstr. einzusenden.

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