Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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- Kaunas 2× ep/1000678
- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
- Slonim 1× ep/1000502
- Vilnius 1× ep/1000947
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No. 44 DIE^aEELT 19 sammlurtgslokals. Gegen 30 Juden wurden mehr öder weniger schwer verletzt. Einem Knaben wurden die Augen ausgestochen* Die Durnawahlen Das erste Stadium deY Wahlkampagne ist vorüber, die Wahl der Wahlmänner ist bereits vollzogen. Die Wahlkampagne verlief fast überall interesselos, apathisch; in vielen Orten erschienen von den jüdischen Wählern kaum ein Viertel der Teilnehmer an den ersten und zweiten Wahlen. Von zionistischer Seite wurde im. allgemeinen sehr wenig gearbeitet; an manchen Stellen, wo die Aussichtslosigkeit der Wahlresultate von vornherein auf der Hand lag, enthalten sich unsere Genossen gänzlich der Wahl, allerdings war der Boykott nur ein passiver, aber kein aktiver. Wahlenthaltung wurde u. a. in ganz Polen, Wilna,Brest-Litowk, Bjelostok, Bobruis kund anderen Orten geübt. Der Kampf zwischen jüdischen Parteien war ein sehr schwacher, nur in einzelnen Orten fanden noch kleine Zweikämpfe zwischen Zionisten und Bundisten statt. So z. B. in Kowno und Poltawa, — in beiden Punkten haben unsere Genossen den Sieg davongetragen. Unter den bis jetzt bekannt gewordenen V/ahlmännern~ befinden sich bereits 26 Zionisten. Außer den bereits mitgeteilten Namen nennen wir noch : Churgin (Minsk), Bartuzki (Orgeiew), Dr. Hurwitz (Proskurow), Dr. F. Lander (Wassilkow), Grinberg (Proskurow), Rabbiner Kantorschzik (Pruzan), Lew (Beresina), Czarny und Gennin (Borissow), Losinsky und Levin (Slonim), Feinberg (Mariampol), Rechtsanwalt Giessin (Mohilew), Rosenblum (Horki), 0. Golden - berg (Kowno, statt Jabotinsky, der sein Mandat niedergelegt hat) Lerman (Poltawa), Sluzky (Nowgorod-Sewers), Saslawe (Gendelman), Dr. Feinstein (Kowel), Hurwitz (Friedrichstadt) und Kopeliowitz (Bychow). An vielen Orten finden noch Nachwahlen statt Ebensoviel, wenn nicht mehr. Nationalisten sind gewählt, welche dem Zionismus sehr nahe stehen; das Gros der Wahlmänner besteht aus unparteiischen Juden, gewöhnlichen Balebatim, die sich parteipolitisch noch nicht differenziert haben. Bundisten und sonstige Sozialisten sind ca. 10 gewählt; von den Gruppisten der Winawerschen Richtung etwa 20. Im ganzen werden etwa über 200 jüdische Wahlmänner gewählt worden sein. Das interessanteste Spiel wird aber wohl in Odessa stattfinden. Das Wahlgesetz vom 3. Juni 1907 enthält nämlich die evidentesten Gegensätze; neben dem indirekten) oftmals dreifachen Wahlniodus durch verschiedene Stufen von Wahlmanövern finden sich für manche Piätze, nämlich für die einzelnen Großstädte, für Petersburg, Odessa, Moskau u. dgl. vollständig demokratische, direkte Wahlbestimmungen. Außerdem hat Odessa jetzt statt eines zwei Mandate; eines in der ersten Kurie (Kaufleute und Hausbesitzer) und eines in der zweiten Kurie. In der ersten wird wie früher Rechtsanwalt Pergament (getaufter Jude) wohl wiedergewählt werden. In der zweiten haben die Juden ziemlich gute Chancen, in Betracht kommen folgende drei Männer: Ussischkin, Ginsberg (Achad-Haam) und J abotinsky. Jetzt findet ein Plebiszit unter den jüdischen Wählern statt; für welchen von diesen Namen die Majorität entscheiden wird, zu dessen Gunsten werden die übrigen zwei ihre Kandidatur zurückziehen. Wahrscheinlich ist aber, daß die Odessaer Juden durch die Odessaer „echten Russen" terrorisiert werden, daß kein Jude gewählt werden wird. Auf alle Fälle kann von einer systematischen, jüdischen Vertretung in der dritten Duma keine Rede sein; es werden wohl 3 -4 Mandate zufällig durch Kombinationen den Juden zufallen, aber an eine proportionell würdige, an Zahl und Qualität entsprechende Vertretung eines Volkes von 512 Millionen Seelen ist nicht zu denken. * Wie uns vor Schluß der Redaktion telegraphisch gemeldet wird, war bis Mittwoch, den 30. ds., ein Jude als Dumadeputierter gewählt. Die galizischen Juden und die Landtagswahlreform Rzeszow: Anfangs Oktober fand eine von der hiesigen 'iouistischen Organisation einberufene Massenversammlung statt. ^.-A. Dr. Heinrich Gabel referierte über die Tätigkeit des jüdischen 'lubs in der abgelaufenen Reichsratssession. An die Aufopferung er bewußten Juden während der Wahlen anknüpfend, wies er auf ie verantwortungsvolle Aufgabe hin, die auf dem jüdischen Klub iste. Die Mitglieder des jüdischen Klubs seien ihrer Pflicht bewußt nd als die einzigen wahren Vertreter des jüdischen Volkes werden e unerschrocken und treu den Kampf für das Wohl und die volle ärgerliche Freiheit des Volkes aufnehmen. Der Referent forderte l-ie Anwesenden auf, in die politische Organisation einzutreten, die für die österreichischen Juden von weittragender Bedeutung sei und die zu gründende Bank werktätig zu unterstützen. Dann wies er auf die Haltung hin, die die Juden anläßlich der Landtagswahlreform zu beobachten haben. Nach Dr. Gabel referierte Herr A. Glücksmann über die Landtagswahlreform. Hierauf wurde einstimmig eine Resolution gefaßt, in der sich die Versammlung für das allgemeine Wahlrecht und für die Einführung des jüdischen Nationalkatasters aussprach. An der Versammlung nahmen ungefähr 800 jüdische Bürger teil. Den Vorsitz führte Herr Dr. Hopfen. Abgeordneter Dr. Gabel vor seinen Wählern Podhajze: Am 10. Oktober fand in der großen Synagoge unserer Stadt eine Versammlung statt, bei welcher R.-A. Dr. Gabel über die Tätigkeit des jüdischen Klubs Bericht erstattete. Anwesend waren alle Juden der Stadt und der Umgebung, ohne Rücksicht auf ihre Parteischattierung, und sehr viele Ruthenen. Unter stürmischem Beifall bestieg Dr. Gabel die Tribüne, und in zweistündiger Rede berichtete er über die Arbeit der jüdischen Abgeordneten und über ihr Zukunftsprogramm. „Der jüdische Klub", sagt er, hat in seinem Programm vorläufig die brennendsten Fragen der jüdischen Gemeinschaft aufgenommen und geht mit aller Zähigkeit daran, sie zu lösen. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität in den Schulen, der hebräischen und jüdischen Sprache im Gerichte, uneingeschränkte Versammlungs- und Vereinsfreiheit, die Hebung des jüdischen Handwerks, das Projekt einer Bank, die einen billigen Kredit gewähren soll usw., außerdem die zum Zwecke des Rechtsschutzes eingebrachten Interpellationen — dies ist die Arbeit, die der jüdische Klub zum Teil geleistet hat, zum Teil noch leisten soll." Die Rede fand begeisterten Beifall. Nach dem Schlußworte des Herrn Markus Schorr, der die Versammelten zum Ausharren im Kampfe für das Volk anfeuerte, wurde die Versammlung geschlossen, nachdem sie dem Dr. Gabel das Vertrauen votiert hatte. Der Jüdische Klub beim Ministerpräsidenten Wegen des Dringlichkeitsantrages des Abg. Breiter über die Verwaltungszustände in Galizien, den auch die Mitglieder des Jüdischen Klubs unterfertigt hatten, lud der Ministerpräsident Frh. von Beck diese Mittwoch, den 23., zu sich. Die jüdisch-nationalen Abgeordneten wiesen unter Anführung konkreter Fälle auf die ungesetzliche Verwaltungspraxis in Galizien hin und erklärten, daß jener Antrag für sie keinerlei obstruktionistische Tendenzen habe, sondern meritorisch begründet und wegen der systematischen Bedrückung oppositioneller jüdischer Wähler eine sehr dringliche Angelegenheit sei. Der. Ministerpräsident sagte die sofortige Abstellung einiger besonders krasser Mißbräuche zu. Für die Debatte über den Dringlichkeitsantrag war Abg. Dr. Gabel zum Worte gemeldet. Wenn der Dringlichkeitsantrag der ersten Lesung der Ausgleichsvorlagen zuliebe zurückgestellt werden sollte, wird er nach ihrer Beendigung zur Verhandlung gelangen. Der Ministerpräsident hat den Jüdischen Klub zu einer Konferenz eingeladen, die im Laufe der nächsten Woche stattfindet, und in welcher die Klubmitglieder dem Kabinettschef die Wünsche und Beschwerden der jüdischen Wählerschaft vorlegen werden. Abg. Dr. Gabel hat in der Donnerstagsitzung eine Interpellation eingebracht, welche sich mit der von Prof. Sternbach in einem Interview in Aussicht gestellten Behandlung zionistischer Hörer und Lehrer an dem zu gründenden jüdisch-theologischen Seminar in Lemberg befaßt. Die Herren Assimilanten wollen aus der Anstalt eine national-polnische Schule machen und glauben es sehr raffiniert ausgeklügelt zu haben, wie sie sowohl Hörer als auch Lehrer zionistischer Gesinnung am besten fernhalten können. Aus Elsaß=Lothringen Die Auflösung der Verwaltungskommission einer israelitischen Kultusgemeinde ist ein so seltenes Ereignis, daß dessen Bedeutung über den Einzelfall hinausgeht. Seit langem bestanden zwischen der Verwaltungskonimission der israelitischen Kultusgemeinde Thann und deren Rabbiner unüberbrückbare Differenzen, die hauptsächlich verursacht waren durch die Neigung des Rabbiners, sich mehr als zulässig in die Verwaltung der Gemeinde einzumischen. Es kam dieserhalb zu einem Skandal in der Synagoge; der Rabbiner wurde darauf vom Gemeindevorsteher beim Konsistorium und von einem Verwaltungsmitglied beim Minister für Kultusangelegenheiten wegen Störung des Gottesdienstes und wegen groben Unfugs verklagt. Statt nun die Anzeige unter Anhörung der zahlreichen Zeugen zu untersuchen, hat das Konsistorium unter Berufung auf eine veraltete französische Ordonnanz kurzer Hand die Kommission aufgelöst und den beschuldigten Rabbiner sogar mit der Verkündigung dieses Beschlusses beauftragt. Dieses Verfahren wird vielleicht durch das Kultusministerium eine Korrektur erleiden.