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Die Welt · 1907-11-01 · 44 (1.11.1907) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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18 DIEIC&eLT V v No. 44 ff o o o o o o ^- Tygfg? ^-?p0_ NACHRICHTEN °—^»^oooj Russischer Brief Die polnischen Juden gegen Rosa Luxemburg Eine Protestkundgebung gegen Rosa Luxemburg veranstaltete der „Jüdisch-sozialistische Arbeiterblind" in Russisch-Polen in verschiedenen Städten. Rosa Luxemburg wurde aufs schärfste angegriffen und beschuldigt, sich eigenmächtig zur „Oberkontrolleurin" der polnischen wie der jüdischen Bewegung aufgeworfen und sie durch ungeb etene Einmischung nur geschädigt zu haben. Auf ihr angeblich sachverständiges, in Wahrheit aber direkt unrichtiges Gutachten hin seien Zionisten zum internationalen Sozialistenkongreß als sozialistische Gruppe zugelassen worden. Möge Rosa Luxemburg, heißt es in der Protestresolution, wenn sie Lust habe, künftig die Zionisten mit ihrer Führerschaft (!) beglücken, „wenn sie nur die polnischen Sozialisten und Bundisten in Ruhe läßt". Die Resolution wurde angenommen, nachdem einer der Diskussionsredner so ungalant gewesen war, Rosa als „ein übergeschnapptes, hysterisches Frauenzimmer" zu bezeichnen. Die Allpolen (Wszechpolacy) gegen die Zionisten Die Warschauer ultranationalpolnischen Blätter reproduzieren aus dem allpolnischen Lemberger Blatte „Slowo Polskie" einen ungemein heftigen Artikel gegen die Umtriebe der Zionisten in Galizien, „welche die jüdischen Volksmassen gegen die Polen aufstacheln (?)". Das Blatt sagt: „Die zionistischen Agitatoren betreiben unter den galizischen Juden eine Propaganda des Hasses (?!) dem Polentum gegenüber, welche für die Dauer nicht geduldet werden kann. Diese zersetzende und destruktive Wirksamkeit der Zionisten bildet eine Gefahr, die nicht unterschätzt werden darf. Man muß beizeiten auf Mittel bedacht sein, um dieser Verhetzung der Juden in Galizien einen Riegel vorzuschieben. Auch ein Teil der Juden selbst protestiert dagegen, daß die Zionisten sich als die Stimmführer des galizischen Judentums auf werfen. Es ist Zeit, daß man polnischerseits gegen die zionistischen Wühlereien (!) Stellung nimmt." Die Saison der Feuerbrände Seit einigen Wochen wütet im jüdischen Ansiedlungsrayon eine wahre Epidemie von Feuerbränden. Nicht nur Hab und Gut, sondern auch Menschenopfer, Greise und Kinder verschlingt der Moloch der Feuerbrände. Noch klingen in unseren Ohren die Wehrufe unserer Brüder in Zwaniez, und schon hören wir wieder die herzzerreißenden Rufe zweier jüdischer Gemeinden: Zwo!in und Nowydwor. Von 528 Häusern sind in Zwolin nur 28 geblieben. Das ganze Vermögen der Bevölkerung — auch bares Geld — wurde ein Opfer der Flammen, und nichts war versichert. Tausend jüdische Familien lagern obdachlos unter freiem Himmel. Von einem ähnlichen Schicksal ist Nowydwor heimgesucht worden. Die Stadt zählt 7000 Einwohner und davon sind 5000, fast lauter Juden, vollständig brot- und obdachlos geblieben. Unter den glimmenden Pfählen fand man verkohlte Menschenleichen. Nun kommen Hiobsposten aus Poniewiesch und Nowogrudok. Der Lubliner Raw Einer der ältesten und angesehensten Rabbiner Polens ist in diesen Tagen gestorben: Reb Hilel Lipschitz, Oberrabbiner in Lublin. Der Verstorbene fungierte früher als Rabbiner in Popielany, Plungiany, Suwalki und war seit 16 Jahren Rabbiner in Lublin. Er war ein Nachkomme einer langen Reihe von Rabbinergenerationen, galt als großer Talmudist und besaß auch eine gewisse europäische Bildung. Die „Iwria" in Warschau Das Komitee der „Iwria" in Warschau gibt kund, daß es Abendkurse für Erwachsene für unentgeltlichen Unterricht in Hebräisch, jüdischer Literatur und Geschichte veranstaltet. « Verbot des Aufenthalts jüdischer Künstler in Petersburg und Moskau Petersburg, 22. Oktober. Den Theater- und Konzertdirektionen in den Hauptstädten wurde verboten, jüdische Künstler zu engagieren, unter Androhung der Ausweisung der Letztgenannten. Der Schlußakt einer Tragödie Am 25. Oktober wurde in Kiwineba (Finnland) die Gerichtsverhandlung gegen die Mörder Dr. Herzensteins nach einer längeren Unterbrechung wieder aufgenommen. Der Staatsanwalt verzichtete auf die Anklage gegen Topolew, und der Vertreter der Familie Herzensteins, Barön Langescheidt, auf die Zivilklage. Bemerkenswert ist, wie der Vertreter der Familie Herzensteins seinen Verzicht motivierte: „Gegen Topolew liegen vorläufig nicht genügend Belastungsmotnente vor, und es ist unmöglich, weitere ergänzende Auskünfte zu bekommen." Im Laufe der Gerichtsverhandlung in Kiwineba wurden zwei Dokumente verlesen, die charakteristisch sind für die Stellung der russischen Behörden in diesem Prozeß: Erstens eine Mitteilung des Justizministeriums, in der besagt wird, daß die Angeklagten Juskewitz, Larizkin und Folownew sich im Gouv. Kursk, in der Nähe der Station Marino, in einer alten Mühle auf dem Gute eines Herrn Borosdinsky verborgen halten und daß der Staatsanwalt der Petersburger Gerichtskammer einen Haftbefehl an die Kursker Staatsanwaltschaft gerichtet hat; der Kursker Gouverneur ließ aber den Haftbefehl einfach unbeachtet und den Petersburger Staatsanwalt ohne Antwort. Zweitens erklärt dasselbe Ministerium daraufhin später in einem andern Dokument, daß es „zurzeit unmöglich sei, den Aufenthaltsort der genannten Personen zu entdecken." Warum hat aber der Kursker Gouverneur das Nötige nicht veranlaßt, um die des Mordes Verdächtigen zu verhaften? Oder ist die erwähnte „echt-russische" Mühle etwa exterritorial? Unter solchen Umständen ist es nur allzu begreiflich, daß der finnische Gerichtshof auf die Weiterführung des Prozesses, und die Zivilkläger auf ihre Forderungen verzichteten. So wird nach dem Willen der „Schwarzen Hundert" der Mord Herzensteins wohl dauernd ungesühnt ^bleiben. Eine Deputation bei dem Generalgouverneur Nowitzki in Odessa Ungeachtet der Versicherung Nowitzkis, daß er Odessa beruhigen werde, fahren die Pogromleute wie bekannt fort, in der unglückseligen Stadt ihre Tätigkeit auszuüben. — Mitte Oktober meldete sich nun bei Nowitzki eine Deputation der Vorsteher der städtischen Kreditgesellschaft und der Gesellschaft der Hausbesitzer, mit der Bitte, Maßregeln zur Einstellung der Tumulte und Mißhandlungen zu treffen. — Der Deputiere Tikin erklärte dem Generalgouverneur, daß die Hausbesitzer infolge der herrschenden Unruhen seit drei Jahren nicht imstande waren, der Kreditgesellschaft die laufenden Zahlungen zu leisten. Die Gesellschaft sah sich deshalb genötigt, die Schuldentilgung zu verschieben, so daß die Schuld die große Summe von 3 Mill. Rubel erreichte. Wenn die Verhältnisse so weiter fortdauern, droht der Gesellschaft völliger Ruin. Die Deputierten wiesen ferner darauf hin, daß auf dem Markte sich 100 Mill. Rubel Obligationen befinden, deren Wert von 100 auf 65 gefallen ist. Die Hauptmaßregeln, welche nach der Meinung der Deputierten Beruhigung schaffen könnten, sind: die Vergrößerung und Verstärkung der Polizei, wofür sie selbst aus eigenen Mitteln 25 000 Rubel zeichnen wollen. — Nowitzki erwiderte, daß er die fürchterliche Lage wohl begreife, daß er aber die Ursachen derselben mit einem Male nicht beseitigen könne. — Tatsächlich sei die Zahl der Polizeibeamten nicht aus reichend, um der Stadt Sicherheit zu gewähren. -- Außerdem se! die Polizei durch strengen Dienst übermüdet. Er wolle aber alk Maßregeln treffen, um in der Stadt Ruhe zu schaffen, was ihm hoffen! lieh bald gelingen werde. Die Deputierten beklagten sich weite darüber, daß sie durch die Unruhen ganz ruiniert seien und deshaü nicht in der Lage sind, Stadtabgaben zu entrichten. — Zur Frag der Polizeiverhältnisse berichtete ein Deputierter eine Tatsache, di ihm von einem Friedensrichter mitgeteilt wurde. — Als diese Friedensrichter durch die Straßen ging, bemerkte er, wie eine Meng von „Hooligans" friedliche Bürger mißhandelte. Er wandte sie deshalb an den wachehaltenden Schutzmann mit der Frage, warm er gegen diese Gewalttat nicht einschreite. Darauf erwiederte* de Schutzmann: „Hat nichts zu sagen, Ew. Hoch wohlgeboren, dies sind „Unsere". Dieser Vorfall ist außerordentlich bezeichnend. Unter anderem erwähnte Adrniral Nowitzki, daß er täglic telegraphisch dem Premierminister über die Zustände in Odess Bericht erstatte, und daß der Minister außerordentlich dafür Sorg trage, die Ruhe in Odessa wiederherzustellen. In Odessa aber dauern die Pogrome trotz alledem fort. Neuer Pogrom in Odessa Odessa, 21. Oktober. Schwarze Banden verübten heuu wieder Ausschreitungen aus Anlaß der Verlegung ihres Vei

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