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Die Welt · 1907-11-01 · 44 (1.11.1907) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 44 DIE3q£ELT 15 Schweiz Parteitag in Biel Der ansehnliche Besuch aus fast allen größeren Orten der Schweiz bewies das lebhafte Interesse, das dem Zionistischen Parteitage am Sonntag den 20. Okt. entgegengebracht wurde. Es waren erschienen Gesinnungsgenossen aus Baden, Basel, Bern, Biel, Qenf, St. Gallen, Winterthur und Zürich. Herr J. Horn- Zürich, als Präsident des Landeskomitees, hieß die Erschienenen mit einigen herzlichen Worten willkommen und begrüßte gleichzeitig den Präsidenten der Gemeinde Biel, Herrn Israel Dreifuß. Sodann hielt Herr Dr. Levy- Biel sein Referat über den 8. Kongreß. Er ließ seine Eindrücke als Delegierter Revue passieren und kam im Rückblick auf die vorhergehenden Kongresse auf die Ergebnisse der Haager Versammlung eingehend zu sprechen. Der Verlauf des Kongresses war ein äußerst friedlicher; nur war es schade, daß so viele alte Kämpfer nicht mehr dabei waren. Als wichtiges Resultat erscheint die Eröffnung einer Filiale der Kolonialbank in Konstantinopel. Diese hat einen höheren Zweck noch als allein den finanziellen, sie dürfte ausersehen sein, diplomatisch zu wirken. Eingehend referiert sodann der Vortragende über die Fragen der jüdischen Erziehung, über die Legalisierung des Nationalfonds, über die Erhöhung des Schekelbeitrages auf Fr. 1.25 (statt 1 Fr.) und über den Parteifonds. Die Ergebnisse des Kongresses blieben zurück gegenüber dem vorhergehenden, aber dies liegt auch daran, daß die Bewegung an Geldmangel leidet. Die Palästina-Arbeit kann nur fortgesetzt werden, wenn mehr Beiträge eingehen, weshalb auch beschlossen wurde, 25 °/o aller Eingänge dem Palästina-Ressort zuzuweisen. Der Schluß des Kongresses war etwas stürmisch durch das Ultimatum Wolffsohns, fernerhin nicht mehr mit Ussischkin zusammenarbeiten zu können. Schließlich siegte sein Vorschlag und die Führerschaft ist nunmehr aus drei Abgliedern zusammengesetzt. Das eingehende sachliche Referat, das lebhaften Beifall fand, erweckte eine umfangreiche Diskussion, die sich in sehr ernstem Rahmen bewegte. Rom-Zürich spricht von den neugegründeten Schulen in Palästina. Er ist nicht für die praktische Arbeit in Palästina. Färb e r-Zürich begreift vollständig den Standpunkt des Aktionskomitees und beweist aus der Bildung von Ortsgemeinden die historische Entwicklung der Gewinnung von Rechten und Gesetzen. Die Jugend von heute wird zu wenig jüdisch erzogen. Der Ausschluß der russischen Mitglieder aus dem E. A. C. war kein glücklicher Gedanke. Stud. Friedmann- Bern wünscht Aufschluß über die Tätigkeit der schweizerischen Delegierten beim Kongreß. Fogall- Zürich wünscht, daß, die Juden bei den Regierungen der Länder, in denen sie wrohnen, dafür eintreten, daß die Lage der Gesamtheit günstiger werde. Herr Dr. Levy behandelt in seinem Schlußwort noch einmal die Bankfrage eingehender und stellt seinen Standpunkt zu derselben dar. In der Nachmittagssitzung referierte Dr. Strauß- Zürich über Propagandafragen. Nach einem Oberblick über den Stand der Bewegung in der Schweiz, die prozentual zu anderen Ländern sehr viel geleistet habe, setzt der Vortragende auseinander, wie fernerhin Propaganda gemacht werden könne durch Gründung von Ortsgruppen, durch die Presse, durch Vorträge und Agitationsreden, durch Veranstaltungen gesellschaftlicherNatur, durch Aufklärung, namentlich inbezugauf das Verhältnis des Patriotismus und Zionismus, durch Förderung vonPalästinafragen, durch Studium derhebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte und kommt zu folgenden Resolutionen: Die Gründung von Ortsgruppen an allen Orten, wo Juden in größerer Anzahl wohnen, ist zu erstreben. Wo Gruppen bestehen, sollte neuerdings für die Rekonstruierung gearbeitet werden. Hierzu sollen geeignete Redner delegiert werden. Die Stellung des Zionismus zum Patriotismus sollte klargelegt und vor allem betont werden, daß Zionismus nicht im Widerspruche mit Vaterlandsliebe steht. Denn der Zionismus, wenn iauch keine philanthropische Bewegung, erstrebt zunächst eine gesicherte Heimstätte für diejenigen Teile der jüdischen Gesamtheit, die keine Heimat haben. Das Interesse für Palästina und die Kenntnis des Landes sollte durch Vorträge, namentlich von Kennern des Gebietes, verbreitet werden. Es soll versucht werden, mit allen jüdischen Vereinen in gute Beziehungen zu treten. Auch mit dem Territorialismus kann der Zionismus in manchen Dingen zusammengehen. Die hebräische Sprache und die jüdische Geschichte sollen mehr gepflegt und deren Studium durch alle möglichen Mittel angeregt werden. Dieser Vortrag fand sehr kräftigen Beifall, und die darauffolgende Diskussion ergab keinen Widerspruch zu den aufgestellten Thesen im allgemeinen, nur Rom-Zürich meint, daß es nicht möglich sei, die schweizerischen Juden für die Bewegung zu interessieren. Der Vorwurf der Vaterlandslosigkeit der Zionisten sei aus der Mitte der Juden selbst zuerst ausgesprochen worden. Jonas-St. Gallen spricht über die dortigen Verhältnisse und wünscht Redner zu Propagandazwecken für die Ortsgruppen. Horn- und Färber-Zürich erklären, daß die meisten Ortsgruppen zu wenig mit dem Landeskomitee in Verbindung treten; Dr. Levy-Biel entgegnet Herrn Rom und spricht für Neugründung von Ortsgruppen und auch eventuell für mehrere Vereine an einem Orte, z. B. ein Verein der Akademiker. Grünberg schildert die Genfer Verhältnisse. Fogail-Zürich ist der Meinung, daß man nicht zu viel agitieren und werben solle. Man sorge für Kräftigung der alten Ortsgruppen und Klarlegung des Programms in bezug auf den politischen oder praktischen Standpunkt. Zu begrüßen seien Vorträge über Palästina mit Projektionsbildern. Wertenschlag-Biel kommt auf das Verhältnis von Patriotismus zum Zionismus zu sprechen und erbittet vom Referenten sachliche Aufklärung, die dieser im Schlußwort auch zur vollsten Zufriedenheit des Anfragenden erteilt. Als dritter Referent spricht Färber-Zürich über praktische Arbeit und setzt in einer ausgezeichneten, lehrreichen Abhandlung die derzeitige Lage der Kolonialbank, der Anglo-Palestine Co., des Nationalfonds usw. auseinander. Er steht auf dem Standpunkte der praktischen Arbeit, und zwar sofort, und empfiehlt lebhaft die Unterstützung der landwirtschaftlichen Gesellschaften, der Industrie-Unternehmungen und der Schulgründungen. Es würde zu weit führen, wollten wir die Einzelheiten des Vortrages hier verzeichnen. Auch dieses Referat fand Zustimmung, namentlich auch von Seiten des Herrn Nachimsohn-Genf, eines Weinbergbesitzers in Palästina. Nach einigen trefflichen Worten des Herrn Dr. C. Levy schloß Herr Horn den Parteitag abends 6V2 Uhr.

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