Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 44 DIBBELT 9 Juderitage erstattete Denkschrift des Justizrats Breslauer sei die ungesetzliche Zurücksetzung der jüdischen Referendare im Justizdienste erwiesen, erwiesen sei auch, daß der Staat eine Prämie auf die Taufe setze und getaufte Referendare sogar in einem größeren Verhältnis bei dem Einrücken in höhere Stellungen berücksichtige als Nichtjuden. Auf allen Gebieten lasse sich eine von den Staatsbehörden geduldete und zum großen Teile inaugurierte Zurücksetzung der'Juden nachweisen. Anderseits vernachlässigten auch die politischen Parteien die berechtigten' jüdischen Interessen in jeder Beziehung. Insbesondere die liberalen Parteien wären nicht nur nicht energisch genug für die vollständige Durchführung der vom Gesetze gewährleisteten Gleichberechtigung der Juden eingetreten, sondern hätten auch dadurch, daß z. B. die nationalliberale Partei Juden grundsätzlich nicht in die Parlamente entsendete, ein Beispiel, das von den Freisinnigen, wo es irgend gehe, nachgeahmt werde, ein groß Teil Schuld an der ungerechten Behandlung der Juden auf sich geladen. Diese Nichtberücksichtigung der jüdischen Interessen lasse sich leicht psychologisch erklären. Von Anfang an hätten die Juden sich den liberalen Parteien ohne weiteres angeschlossen, wären immer die Sturmböcke des Liberalismus gewesen und hätten ihm nur zu bereitwillig die Kastanien aus dem Feuer geholt. Dadurch wären die liberalen Parteien in den Glauben versetzt worden, daß sie auf die jüdischen Stimmen unter allen Umständen zählen könnten und sich nicht der unangenehmen Aufgabe zu unterziehen brauchten, für die jüdischen Interessen so nachdrücklich einzutreten, wie dies gegenüber jeder anderen Verletzung des Gleichberechtigungsprinzips geschehen wäre. Eine Besserung könne nur erzielt werden, wenn die Juden sich geschlossen auf die Idee einigten, daß sie nur derjenigen Partei ihre Stimmen geben, die ihnen eine energische Durchsetzung der Gleichberechtigungsforderung garantiert. Man dürfe sich keiner Partei gegenüber von vornherein verpflichten, sondern müsse unter Hintansetzung allgemeiner Bestrebungen zunächst und nachdrücklichst die endliche und tatsächliche Durchführung der Gleichberechtigung verlangen. Und da die Frage der Gleichberechtigung die Juden aller Schattierungen geeint fände und anderseits die liberalen Parteien durchaus nicht ohne weiteres auf die jüdischen Stimmen und die jüdischen Subsidien verzichten möchten, wie auch andere große Parteien auf jüdische Stimmen, z. B. bei Stadtratswahlen, Wert legten und gerne zu Kompensationen auf politischem Gebiete bereit wären, wäre die Durchführung einer solchen Politik wohl möglich und bestimmt erfolgreich. Mit dem Wunsche, daß der Verband der deutschen Juden sich von dem bisherigen Wege des Einreicheris von Petitionen und Bittschriften frei mache und zu dem allein richtigen Wege der Politisierung der deutschen Juden übergehe, schloß der Vortragende seinen von der Versammlung sehr beifällig aufgenommenen Vortrag. In der anschließenden sehr lebhaften Diskussion kamen Freund und Gegner ^ler Ansichten des Referenten zum Wort. Herr Dr. Hannover betonte das Schädliche der bisher von den deutschen Juden verfolgten Politik, sich den Liberalen nit Haut und Haar auszuliefern und keinerlei Gegenforderungen zu stellen. Das habe zu mancherlei Kurioitäten geführt, z. B. zu den bekannten Ausführungen 'er „Kölnischen Zeitung" über das Schächten, die einen Schlag ins Gesicht der Bekenntnisfreiheit der deutschen Juden darstellten und denen gegenüber Redner auf das anerkennenswerte Verhalten des Zentrums in derselben Angelegenheit hinwies. Referendar Dr. Hohenstein führte aus, daß das Zentrum durchaus antisemitisch sei. Von der nationalliberalen Partei sei zwar nichts für die Juden zu erwarten; das Heil der deutschen Juden liege in der Unterstützung des Freisinns. In seinem Schlußworte betonte der Referent noch einmal, daß er dagegen sei, daß die deutschen Juden sich für irgendeine bestimmte politische Partei entschieden, sondern sie müßten so lange Gewehr bei Fuß stehen, als sie nicht von irgendeiner Seite Garantien erhielten, daß ihre berechtigten Forderungen durchgeführt würden, und der Redner glaube allerdings, daß wenn eine solche Garantie von nichtliberaler Seite ausgehe, sie mehr Vertrauen verdiene als die eventuelle liberale Gegenkonzession. Denn die Liberalen hätten derartige Versprechungen schcfn viel zu oft gemacht und sie nicht gehalten, als daß man ihnen so leichthin Vertrauen schenken könne. Außerdem sei es auch taktisch unklug, sich ausgerechnet denjenigen Parteien anzuschließen, die nicht in der Lage seien, Einfluß auszuüben, solange man eben Grund habe, Sonderforderungen in den Vordergrund zu rücken. Und das sei es gerade, was die deutschen Juden unter allen Umständen tun müßten, wenn sie nicht noch länger die Parias bleiben wollten, die sie de facto heute in gesetzlicher und administrativer Hinsicht darstellten. Berlin: Am Sonntag den 27. d. Mts. fand die Eröffnung des von der Jüdisch-nationalen Frauenvereinigung gegründeten „Jüdischen Jugendklubs" in den Räumen des Israelitischen Heimatshauses, Gormannstr. 3, statt. Eingeleitet wurde die Feier mit einem von Frau Salomon verfaßten und von Hanna Amolski gesprochenen Prolog. Darauf ergriff Frau Wagner-Tauber das Wort zu einer Begrüßung. In beredten tiefempfundenen Worten legte Rednerin Zweck und Ziele der Jugendorganisation dar. Sie ermahnt die Kleinen, an der Liebe zum jüdischen Volk, die ihnen die Frauenvereinigung schon in frühester Kindheit ins Herz gepflanzt hat, festzuhalten, und nun als heranwachsende Menschen den Stürmen des Lebens zu trotzen und mitzuarbeiten an der Befreiung unseres Volkes. Es soll den Kindern an jedem Sonntag nachmittag von 4 bis 7 Uhr hebräischer Sprachunterricht erteilt, ihnen Vorträge nicht nur zionistischen, sondern auch allgemein jüdischen Inhalts gehalten werden, und die noch übrig bleibende Zeit soll der Geselligkeit gewidmet sein. Herr Hermann Abraham, der so liebenswürdig war, die Räume im Israelitischen Heimatshaus der Frauenvereinigung zu diesem Zwecke zur Verfügung zu stellen, hieß in einer warmen Ansprache die jugendliche Schaar herzlich willkommen. Unter anderem betonte Herr Abraham, wenn er auch noch nicht ganz in die Bestrebungen des Zionismus eingedrungen sei, so wisse er doch, daß die zionistische Tätigkeit darauf gerichtet sei, unsern verfolgten Brüdern ein Heim zu gründen, und daher betrachte er es als ein gutes Symbol, daß für diese Bestrebungen gerade in einem Hause gearbeitet werde, das sich das Heimatshaus nennt. Für das leibliche Wohl unserer jungen Zionisten war durch Kaffee und Kuchen Sorge getragen worden. 2