Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316287--49899-3344858- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
8 DIEMBLT No. 44 geworden, z. B. die neu entdeckte unterseeische Klippe in den finnischen Gewässern; 100 000 Juden waren ausgewandert usw. Man war an Wunder schon so gewöhnt, daß man sich nicht mehr wunderte, als man sah, daß eine loyale Duma auf dem Schauplatz erschienen ist, — lauter Dubrowins und Schmokows. . Nur hie und da versuchte man es, die Sache zu erklären, — als ob es etwas Besonderes wäre. — „Ein Mittel wurde entdeckt, — ein „Stein der Weisen", — bemerkte jemand. — „Kein Stein der Weisen, sondern ein Pogromstein," — erwiderte ein anderer. — „Ein anti-jüdischer Pogrom?" lautete eine Frage. — „Nein, ein internationaler Pogrom. Erinnern Sie sich nicht? — Der letzte internationale Pogrom!" — „Ja, ja, ich erinnere mich schon." — „So, das war es. Sehen Sie, nach diesem Pogrom--------." — „Man hat ihn ja dementiert." — „Freilich! Zweimal, einmal offiziell, ein anderes Mal offiziös." — „Nun, also nach diesem Pogrom sind doch viele Tote geblieben, das heißt---" — „Was heißt das also..." — „Das heißt, daß die Toten gewählt haben." — „Echtrussen?" — „Natürlich Echtrussen. Die Toten wählen immer Echtrussen. Es ist einmal bei ihnen Sitte. Erinnern Sie sich nicht, wie sie im vorigen Jahre Kruschewan gewählt haben?" — „Gewiß erinnere ich mich. Man hat es doch der Duma klargelegt." Wie dem auch sei, das Ministerium hatte einen großen Sieg errungen. Vor lauter Freude wurden drei Kriegszustände, acht außerordentliche Zustände und ein Belagerungszustand eingeführt. Man wollte noch irgendwo einen verstärkten Schutzzustand einführen, aber man fand keinen Ort mehr. Da hatte man, um sich zu trösten, bei einigen 10 bis 12-jährigen Jungen Haussuchung gemacht und ein Lot illoyale Literatur konfisziert. Vor der- Eröffnung der Duma begannen die Vorbereitungen. Die Journalistenloge wurde vergrößert und für das Publikum eine größere Anzahl Gastkarten bereitgestellt. Dabei wurde kundgegeben, daß diejenigen Bürger, die im Polizeidienste stehen oder sich zu stellen beabsichtigen, den Vorzug haben. Dann entstand eine große Verlegenheit: Wagenmangel. Die echtrussischen Deputierten hatten Angst, nach -der Duma zu Fuß zu gehen, und verlangten vom Ministerium des Inneren Wagen. — „Wo sollen wir denn so viele Wagen nehmen?" fragten die Beamten, verwundert. — „Wir sind nicht schlimmer als Kruschewan. Er ist in einem Wagen gefahren, das wollen auch wir. Geben Sie uns Wagen!" — „Aber in einem Wagen zu fahren, ist gerade das gefährlichste. Wir wissen es ganz genau. Bei Gott, wir wissen es," beteuerten die Beamten des Ministeriums des Inneren. — „Es ist aber auch nicht ganz sicher, zu Hause zu sitzen," erwiderten die Deputierten ganz vernünftig. Mit großer Mühe wurde diese Frage einigermaßen gütlich erledigt. _JL Über die Tagesordnung wurde man in den „Sphären" dahin ejnig, daß unmittelbar nach der Wahl des Vorsitzenden (man sprach rn-jrt Bestimmtheit vom Odessaer Generalgouverneur) der Premierminister von der Duma ein Vertrauensvotum und die Bestätigung einer Reihe von Todesurteilen verlangen soll. Das Programm war auch festgestellt — Eröffnung um 12; von 12 bis 2: — die Absingung kirchlich-patriotischer Lieder, um 2: — Präsidentenwahl und Lieder, um 3: — das Vertrauensvotumsverlangen und um 6: — spätestens um 6! — wird man schon, mit göttlicher Hilfe, die Todesurteile ausführen können. Aber---- Es geschah etwas ganz Unerwartetes. Um 9 Uhr morgens versammelten sich sämtliche echtrussischen Deputierten im Hofe des Polizeidepartements, um nach der Duma zu fahren. Sie setzten sich in die Wagen und sagten der Regierung: — „Her mit den Gendarmen!" — „Was sollen das wieder für Gendarme sein?" fragte die Regierung. — „Zum Schutz. Sind wir ja Volksvertreter und müssen unantastbar bleiben. Wer weiß, ob uns die Arbeiter nicht an den Leib rücken werden..." — „Das ist schon möglich," stimmte die Regierung zu. — „Nun also, verstanden? Wir müssen zum Schutz unserer Unantastbarkeit Gendarmen zur Seite haben." Die Regierung war verlegen: „Wieviel brauchen Sie?" Man begann zu zählen. Jeder Deputiete verlangte 3 Gendarmen von vorn, 4 von hinten, dann rechts, links, auf dem Bürgersteig, beim Eintritt. Genau berechnet: 6 Regimenter. — „So viel haben wir nicht frei," erklärte die Regierung mit beschwichtigender Stimme, — wir brauchen für uns selber." Inzwischen flogen Boten, das Telephon läutete unaufhörlich, man schrie und schwitzte: — „Was ist passiert? Um Gotteswillen! Es ist schon 3 Uhr. Der Generalgouverneur wartet. Er ist extra aus Odessa gekommen, hat darauf verzichtet einem Pogrom beizuwohnen, und ist hergekommen. Man kann ihn ja nicht warten lassen!" — „Es ist Zeit!" — „Der Premierminister wartet!" Die Deputierten standen noch immer im Hofe des Polizeidepartements und berieten die Frage der Gendarmen. — „Herren! Das Ministerium wartet auf das Vertrauensvotum!" — „Möge es warten! Geben Sie uns einen Gendarmen von vorne weniger..." — „Vielleicht auch von hinten weniger?" — „Nein! Von hinten ist es zu gefährlich. Wir müssen unsere Unantastbarkeit wahren!" Die Zeit der Hinrichtungen war schon eingetreten, und die Deputierten waren noch immer nicht da. Die Urteile konnten nicht, wie es sich gehörte, kontrasigniert werden. Dann beschloß man, die Duma aufzulösen und neue Gen darmerieregimenter zu bilden. Oraci AUS DER BEWEGUNG HI o o o o o 1 o o o o o o o Deutschland Köln. Vor einer zahlreichen, auch von vielen Nichtzionisten besuchten, Versammlung der hiesigen zionistischen Ortsgruppe sprach am vergangenen Samstag Herr Julius Berger über das Thema: Die Polit ik der deutschen Juden, ein Nachwort zum Judentag in Frankfurt a. M. Eingangs seiner Ausführungen begrüßte Redner den Verband der deutschen Juden als den aus sichtsreichen Versuch einer einheitlichen politischen Or ganisation der deutschen Juden und der Schaffung eine Vertretung der Gesamtinteressen der deutschen Juden heit. Eine derartige'Vertretung tue den deutschen Judei um so mehr not, als ihre politische Lage außerordentlich viel zu wünschen übrig lasse. Durch die den;