Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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der menschlichen und kulturellen Interessen und der Chancen der Konstitution zu erwarten? Da scheint es mir bemerkenswert, daß ein liberales englisches Blatt, die „Daily News", folgendes schreiben; konnte: Der Vertrag rede von der gleichen Haridelsgelegenheit für alle Länder und erkenne dann ein russisches Monopol über zwei Drittel von Persien an. Er spreche von einer friedlichen Ent- Wickelung Persiens und fasse gleichzeitig die Eventualität der Verwaltung der Staatseinnahmen durch Rußland und England ins Auge. Während in bezug auf Afghanistan ausdrücklich Englands Einmischung in die innere Regierung verboten sei, finde sich keine derartige Einschränkung für. Rußland und England in bezug auf Persien. Damit sei jeder Einmischung Tür und Tor geöffnet. Selbst wenn der Vertrag für die englischen . Interessen vorteilhaft sein würde, was er keineswegs sei, würde die Erlaubnis an Rußland, den größeren Teil d$s. Landes als Einflußsphäre zu betrachten, eine Beschuldigung für die Liberalen bleiben, der Sympathie mit einer ringenden Nationalität ungetreu geworden zu sein. England habe den Augenblick, wo in Persien die liberale und nationalistische Bewegung triumphiere, dazu gewählt, das Land der reaktionärsten Macht Europas auszuliefern. Trotzdem Rußland im Kaukasus eine fast türkische Grausamkeit entwickelt habe, liefere man den größeren Teil Persiens seinem Einflüsse aus. Wenn Persien sich ruhig füge und seine Bahnen, Banken, Straßen, Telegraphen ausliefere, so werde die Sache friedlich verlaufen. Sollte Persien Widerstand leisten, so würden die Kosaken, die den Kaukasus verheerten, über Persien kommen. Wenn man sagt, der Friede der Welt habe gewonen, so hänge die Richtigkeit dieser Behauptung davon ab, was man unter „Welt" verstehe. Wenn die russischen Armeen erst mit Feuer und Schwert in Persien hausen werden, wie die Franzosen in Marokko, sei von Friede nicht mehr viel zu reden .... Ob man also mit dieser Überlassung von zwei Dritteln Persiens an Rußland die Chancen der Konstitution wirklich gefördert hat, erscheint recht zweifelhaft. Vorläufig geht wieder eine Meldung aus Teheran durch die Presse, daß das Parlament sich gegen diese „Förderung" seiner Chancen verzweifelt wehrt; es hat den beiden Mächten eine Adresse überreicht, in der betont wird, daß Persien keiner Kontrolle, z. B. seiner Konzessionen, unterworfen sei. Diese Freiheit, diese Konstitution im Zeichen des Russentums mahnt zur Vorsicht. Der jüngste Bericht der Alliance Israelite (1906), der wieder von den Schikanen gegen die Juden und den Hetzereien der niederen Geistlichkeit spricht, erkennt an, daß auf das Parlament in der Judenfrage Vertrauen zu setzen sei. Ob aber die Zukunft (wenn sie sich überhaupt dem Abkommen gemäß gestaltet) diese Entwicklung begünstigt, bleibt mindestens abzuwarten; es dürfte jedenfalls nicht angebracht sein, allzu früh zu frohlocken und aus dem Abkommen allerlei voreilige Schlüsse auf das zukünftige Schicksal* der persischen Juden zu ziehen. Leider spricht die größere Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Juden nach Neuregelung der Verhältnisse vom Regen in die Traufe kommen werden/4 Wir werden auf eine nähere Behandlung dieser Frage noch zurückkommen. Die Kolonien der Jewish Colonisation Association in Kleinasien (Aus dem Rechenschaftsbericht der JCA für 1906) 1. Landwirtschaftliche Schule Or Jehuda Zu Beginn des Schuljahres 1905i06 zählte die Schule 42 Schüler, von denen 21 die Anstalt im Laufe des Jahres verließen. Von diesen hatten 16 ihre Studien beendet. Fast alle diese jungen Leute sind Ackerbauer geblieben. 5 von ihnen arbeiten jetzt als landwirtschaftliche Arbeiter in Or Jehuda selbst, der Rest hat sich Stellungen gesucht. Die Schüler von Or Jehuda erhalten einen fast ausschließlich praktischen Unterricht; theoretische Fächer werden nur als Nebenfächer gelehrt. Infolgedessen sind die Schüler nach Beendigung ihres 4 jährigen Studiums mit allen landwirtschaftlichen Arbeiten durchaus vertraut und in der Lage, sofort nach Verlassen der Schule Stellen anzunehmen. Leider sind die Stellungen im Lande selbst nicht zahlreich genug, und so muß immer eine größere Anzahl in überseeische Länder gehen, hauptsächlich nach Kanada, den Vereinigten Staaten und Argentinien. Die Mehrzahl der jungen Leute zeigt sehr viel Liebe zum landwirtschaftlichen Beruf und wird vom Wunsche >eseelt, ihn niemals aufzugeben, selbst auf das Risiko hin, das immer mit der Beschaffung einer Stellung für ie verbunden ist. Die in eigener Regie bebaute Fläche ist kleiner geworden; unsere Absicht ist, sie auf die Bedürfnisse iner landwirtschaftlichen Lehranstalt zu beschränken, He so umfassend und abwechslungsreich wie möglich ein soll, und die freiwerdenden Ländereien dazu zu enutzen, einige der alten Schüler der Schule als Pächter nzusiedeln. Die Ausbeute zeigt einen Fortschritt. Die verschiedenen Wirtschaftsarten: Getreidekultur, Wein- 1 au, Schäferei, Verpachtung usw. ergaben insgesamt einen Reinüberschuß von-Fcs. 23750. Man kann bestimmt annehmen, daß der Reingewinn beträchtlich größer sein wird, sobald die neuen Weinberge erst einen vollen Ertrag bringen und die Olivenpflanzungen, auf die man große Hoffnungen setzt, anfangen, sich zu verzinsen. Die in direkter Regie betriebene Getreidekultur bedeckt eine Fläche von 130 Hektar, wovon 102 mit Weizen bepflanzt sind. Obgleich die Erträgnisse aller Nachbarländereien und ebenso diejenigen unserer Pächter gering gewesen sind, erzielte unsere eigene Verwaltung gute Resultate, die sich in einem Reinüberschuß von Fcs. 6000 äußern. Die Weizenernte erbrachte 13,65 Zentner pro Hektar. Die Schäferei fährt fort, bis auf weiteres der erfolgreichste Teil des Unternehmens zu sein; sie erzielte einen Reinertrag von Fcs. 8877 durch den Verkauf von Käse und jungen Lämmern. Unsere Schafherden weiden auf dem gebirgigen Gelände, das einen großen Teil von Or Jehuda ausmacht, und außerdem noch auf zirka 100 Hektar guten Bodens. Die Weinberge erbrachten einen Nutzen von Fcs. 5000. Augenblicklich beschränkt man sich fast ausschließlich auf die Rosinenerzeugung. Auf unserer Domäne sind gegenwärtig 11 jüdische Pächter angesiedelt, sie erzielten in der Weizenkultur einen mittleren Ertrag, 9,70 Zentner pro Hektar. Unter günstigen Bedingungen und auf einem für Getreidekultur sehr geeigneten Boden angesiedelt, überwacht und geleitet von Agronomen und in der Schule ein Vorbild rationeller Arbeit und moderner Methoden vor Augen, erscheint es fast sicher, daß sie sich behaupten werden. Die Ausbreitung der jüdischen Pachtansiedelung hat zur unvermeidlichen Folge die Verminderung der 2*