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Die Welt · 1907-11-01 · 44 (1.11.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DJE3aEELT No. 44 die Weisheit zur Sophistik und die Moral zur Staatsraison usw. Der ursprüngliche Gedanke, der gesunde Kern ist kaum noch zu erkennen, aber er besitzt die Kraft, sich durchzuringen. Einem Herrscher, der mehr Diplomat als Held war, wird das Wort zugeschrieben: „Ouvrez les portes ä la verite et au mensonge, ce sera le mensonge qui entrera le premier." Sie ist auch eingetreten, die „mensonge", aber die Tore des Friedenspalastes bleiben offen und die Wahrheit wird eintreten. Die Friedenskonferenzen vergehen, die Friedensidee muß bleiben. Kaum war die Haager Konferenz zu Ende, als zwei Mitglieder derselben, Vertreter zweier Regierungen, den Versuch gemacht haben, sich gegenseitig die Gurgel abzuschneiden. Einen anderen Zweck konnte doch das Losschießen von beiden Seiten nicht haben. Dieses Duell erinnert an jene Szene einer Komödie, in der ein Philosoph in einer Gesellschaft erscheint, um Frieden zu predigen und sich bald wutschnaubend mit Faustschlägen auf diejenigen, die anderer Meinung sind, stürzt. Oder an den Schamosch (Synagogendiener), der vor Tagesanbruch in der Kehillah herumgeht und die Leute zum Selichothgebet weckt („Steht auf, steht auf zu Awaudas habaure" — Dienst des Schöpfers), dann nach seiner Wohnung zurückkehrt und sich ins Bett legt. Das ist das erste Resultat der langen Sitzungen, auf denen so viele schöne Reden gehalten worden sind, die den Nachweis erbringen sollten, daß es für Menschen nicht ziemt, sich einander zu morden. So geht der Prediger, nachdem er die Vorzüge der Enthaltsamkeit auf der Kanzel gepriesen hat, direkt nach der Weinschenke, wo er sich dem Trünke ergibt. Das ist das Schicksal der meisten Predigten; sie bekehren nicht einmal diejenigen, die sie verfaßt und gehalten haben. Wer getrunken hat, trinkt weiter; wer gespielt hat, spielt weiter; wer sich geschlagen hat, schlägt weiter. Alle Konferenzen der Welt ändern an der Sache nichts. Und solange Streitigkeiten unier Individuen mit Waffen in der Hand ausgetragen werden, erscheint es fast unglaublich, daß es — in einer Welt, wie die heutige — möglich wäre, die Streitigkeiten der Völker anders zu entscheiden. Die Abschaffung des Duells wäre ja leichter, als die Abschaffung des Krieges. Und kann man das Duell nicht abschaffen, wie soll dann der Krieg — in einer Welt, wie der heutigen — abgeschafft werden? Es wäre nur eine Möglichkeit: wenn keine Nationen da wären, wenn alle Völker und Staaten-Einzelwesen in einem allgemeinen Brei zusammengeschmolzen wären. Freilich, so wäre ein Krieg zwischen Nationen ausgeschlossen, es bliebe nur der Bürgerkrieg, der ganz anders sein soll. Doch ist es für denjenigen, der einen blutigen Kopf bekommt, wohl einerlei. Etwas ganz anderes noch als die Konferenzen ist dazu erforderlich, um die Menschen für den Friedensgedanken reif zu machen. Sie müssen klug und gut werden (nach Nostradarnus soll dies im Jahre zwölf Tausend neunhundert vier und neunzig geschehen) — sie müssen das Putzwerk, die phrasenhaften Schnörkeleien, die verworrenen Begriffe, die geflügelten Worte, den Eigendünkel, die Großtuerei aufgeben und einfach vernünftig werden, einfach wie die Zehngebote, wie die alten Juden. Jedenfalls wird auch der verdrossenste Schwarzseher zugeben, daß der Zionistenkongreß wahrer, folgerichtiger und echter war, als die Friedenskonferenz. Solch krasse Widersprüche wie das Duell zweier Friedenskonferenzmitglieder könnten ihr Aequivalent ifur in einem Fall finden, wenn zwei Zionistenführer direkt vom Kongreß — horribile dictu — sum Taufbecken sich begeben würden. Das ist aber bei den wilden Zionisten, von deren Seite der Berichterstatter eines großen Blattes Belästigungen befürchtete, ganz ausgeschlossen. Blockpolitik (B) Das politische Tagesgespräch in Deutschland bildet augenblicklich die Frage der Blockpolitik, ' die Frage der „konservativ-liberalen Paarung". Wird sie standhalten? Wird sie den Stürmen des parlamentarischen Lebens widerstehen und die mannigfachen Versuche, sie zu sprengen, überdauern? Und der Gefahren sind gar viele. Die Liberalen, die nach einem Worte eines ihrer Führer nicht nur Knochen haben wollen, sondern auch Suppe, Gemüse und Fleisch, kommen mit einem ganzen Bukett von Forderungen, und jedesmal erhebt dann die konservative Presse ein Geschrei, als bedeute es den endgültigen Zusammenbruch der in ihrem Kern unwahren Blockpolitik. Aber die Liberalen behaupten, es handle sich um Forderungen des Prinzips, sie könnten nicht anders, das sei das mindeste, was sie verlangen müßten usw. Da ist die Frage der Landtagswahlreform, des Vereinsgesetzes, des Börsengesetzes, der Finanzreform usw. usw., lauter Dinge, die dem einen Eule sind und dem andern Nachtigall. Eine Frage indessen gibt zu keinen Differenzen Anlaß, obwohl sie sicher die liberalste Forderung darstellen würde, — wenn sie nämlich erhoben würde, das ist die Frage der tatsächlichen Durchführung der Gleichberechtigung der deutschen Juden. Sie taucht in keinem Programm auf, in keinem Leitartikel. Mit einer solchen Bagatelle geben sich die liberalen Parteien nicht ab. Die haben wichtigeres zu tun. Ob die Polen im Vereinsgesetze als Bürger zweiter Klasse behandelt werden sollen, ob die Börse weiterhin eingeengt werden soll, ob die „Liebesgabe" an die Branntweinbrenner bestehen bleiben soll, das sind Fragen, die dem konservativ-liberalen Block gefährlich werden können. Aber wenn es nur auf die dumme Judenfrage ankäme, ob die Juden nach wie vor zurückgesetzt, gekränkt und von Staats wegen boykottiert werden sollen, dann würde die Paarung noch lange bestehen wie ein rocher de bronce. Und zu seinen Füßen sitzen deutsche Juden, Kränze windend und lobpreisend, und sprechen und schreiben in dithyrambischem Schwünge von dem wiedererwachten Einfluß des liberalen Geistes auf die innere deutsche Politik. Zur Frage der Bedeutung Der englisch-russische Vertrag des englisch-russischen Vertrags erhalten wir von Herrn Dr. A. San dl er folgenden Beitrag: „In Nr. 40 der „Welt" sprechen Sie in einem Abschnitt Ihrer Wochenrevue über das russisch-englische Abkommen die Erwartung aus, daß nach Aufteilung Persiens in eine russische und eine englische Einflußsphäre, d. h. mit dem Verschwinden der durch die Rivalität Englands und Rußlands gesetzten Differenzen, auch für die persischen Juden eine bessere Zeit heranbrechen werde; denn eben jene Rivalität der beiden europäischen Mächte sei bisher eine Kraft quelle der persischen Reaktion gewesen. Ich kann mich nach alledem was bisher über das Abkommen bekannt geworden ist, zu diese; optimistischen Ansicht nicht bekennen. Zunächst ist es noch zweifei haft, ob der Vertrag wirklich zu einer strikten Abgrenzung de Einflußsphären führen wird. Was man bisher von russischen Preß stimmen gehört hat, deutet auf eine große Unzufriedenheit au russischer Seite hin. Die „nationale" Presse stellt es so dar, als sc Rußland von England übers Ohr gehauen worden, und sieht naci wie vor in England seinen Feind, zu dessen Freundschaftsversicherungen sie kein Vertrauen habe. Selbst die radikalen Blatte suchen verzweifelt nach Beruhigungsmotiven, und sogar die radikal Russj erklärt, daß Rußland schlecht abgeschnitten habe, daß z. £ England sich einen zwar dreimal kleineren Rayon vorbehalten habe der aber besonders fruchtbar und für die russischen Eisenbahn interessen von Bedeutung sei. Es werden also wohl nach wie vo jene „Reibungsflächen" erhalten bleiben, an denen sich, mit Ihre: Worten zu sprechen, „die persischen Machthaber bisher herumgedrück haben". Aber selbst wenn eine Trennung der Einflußsphären zur Durch führung käme, ist dann wirklich, wie Sie annehmen, eine Förderung

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