Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316287--49894-3344853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 2× ep/1047833
OCR text
No. 44 -—• - " -— Dlil Verbreitung einer antiklerikalen Bewegung in Kesrawän beigetragen. Diese Bewegung wird vonr Klerus dem verderblichen Einfluß der Freimaurerei zugeschrieben. Wenn indessen auch zugegeben werden muß, daß zahlreiche Freimaurer vom Qrand Orient und der Nordloge sich der Bewegung angeschlossen haben, so ist doch eher artzunehmen, daß eine natürliche Verbreitung neuer Ideen als Folge der Erziehung und der Auswanderung die aufgeklärten Maroniten weniger geneigt gemacht hat, die dauernde und ärgerniserregetnde Einmischung ihres Klerus in die lokale Politik zu dulden. Um aber zur Kritik des Grundgesetzes und der Verwaltung zurückzukehren, die unverändert geblieben sind, obwohl das ganze soziale und ökonomische Leben der „Berge" sich geändert hat,, so möge darauf hingewiesen werden, daß seit den Tagen von Rüstern Pascha die Gouverneure des Libanons sich mehr durch geschickte Beweglichkeit als durch Charakterstärke und administrative Veranlagung ausgezeichnet haben. Die Tatsache ist, daß unter den christlichen Untertanen der Pforte nicht jeden Tag Männer gefunden werden können, die Rustems energische Vorzüge besitzen, und die Stellung des Gouverneurs ist außerdem, wie vordem ausgeführt wurde, wenig geeignet zu ihrer Entfaltung. Dann ist da die Grenzfrage; die fruchtbaren Gebiete KELi — 3 in der Ebene von Bkaa (dem alten Coelo-Syria) zwischen der östlichen Schleife der Berge und dem Leontes, die allezeit zum Libanon gehört hatten, wurden teilweise von der Pforte durch Bestechung und Drohungen 1860/61 an sich gerissen, teilweise wurden sie ohne gleichwertige Entschädigung einige Jahre später von Franco Nasri Pascha ausgeliefert. Das Projekt der Öffnung von Juneh, einer Bucht ungefähr 10 Meilen nördlich Beirut, welche in einen ausgezeichneten Hafen für den auswärtigen Handel verwandelt werden könnte, fiel trotz der Unterstützung durch den britischen Generalkonsul in Beirut und seinen französischen Kollegen und obwohl der Plan von einem großen Teile der maronitischen Bevölkerung eifrig unterstützt wurde, durch die Opposition der Pforte und der gewisser kommerzieller Kreise von Beirut, die ihre Interessen durch den Vorschlag bedroht sahen. In einzelnen libanesischen Kreisen wird offen erklärt daß, wenn auch die kaiserliche Regierung ältere Ansprüche auf gewisse Zollgebühren, die in Juneh erhoben werden, habe, das doch kein Grund dafür sei, daß der Libanon nicht einen Hafen besitzen solle, wo die Dampfer für die Auswanderer anlaufen könnten, die jetzt durch die moslemischen Bootsbesitzer und die türkischen Polizeibehörden in Beirut furchtbar gequält werden. K =3l^ oo o o o — POLITISCHE REVUE Die Friedenskonferenz: (S) Es war ein Abderiter.streich — sagen die einen, ein Gaukelspiel — spotten die andern. Der Sentenz: De mortuis aut nihil aut bene zum Trotz sind fast alle Nachrufe, die der Friedenskonferenz gewidmet werden, weder „bene" noch „nihil", sondern . . . schlecht, grundschlecht. Allen Teilnehmern werden Korrekturen und Zensuren erteilt — auch den Delegierten, z. B. der Schweiz. Sind ja die militärischen Einrichtungen der Schweiz so friedlidi-ländlich-sittlich, daß es vor der Friedenskonferenz niemandem einfallen würde, die helvetische Republik mit dem Kriegsmoloch in irgendeinen Zusammenhang zu bringen. Aber die Friedenskonferenz hat dieses Band um alle geschlungen. Was ist erreicht worden? Man muß tief im Kriegswesen, in der Kriegstechnik stecken, um überhaupt von den Ergebnissen der Friedenskonferenz etwas zu verstehen. Prisengerichte, schwimmende Torpeden, Bombardierungsreglemente, Kanoneneinflußphären — das waren die Verhandlungsgegenstände der Friedenskonferenz. Die armen Diplomaten verstanden nichts davon; es war Sache der Techniker, und diese behaupteten, man müsse, um auftauchende Zweifel zu lösen, gewisse Experimente machen. Man war schier versucht, nach Scheveningen hinauszufahren und unter die Badenden ein schwimmendes Torpedo zu schleudern. Die Techniker von Uruguay und Nikaragua konnten nicht einig werden. Um diese Kriegswerkzeug-Autoritäten scharten sich die Geschmeidigen, die Biegsamen, die Glatten: die Diplomaten. Sie lavierten und bemühten sich, die Krisen zu vermeiden. Man munkelte fortwährend über drohende Gefahren: Uruguay und Nikaragua werden sich nicht einigen, Krieg in Sicht! Ja, was für Krieg? Man vergaß, daß noch etwas dazu gehört: das Volk: jenes Opferlamm, dem es an die Wolle und an den Leib geht Die Herren Techniker allein mögen sich sattsam raufen. Man befürchtete ein Auseinandergehen •n Spannung und Groll — das wäre eine Katastrophe! Daß unser Planet von dieser Katastrophe verhütet worden ist — dieser Er'olg nacht die Großmächte so mutig und vertrauensselig, daß sie im tiefsten Frieden neue Rüstungen beginnen. Es ist wirklich rührend, wie beflissen man ist, das Ideal in Taten umzusetzen. Die Komik der Bilanzen wurde durch einen Berichterstatter eines großen Blattes durch eine unbeabsichtigte Pikanterie bis an jene Grenze getrieben, wo sie an das Absurde streift. Der spähende Friedenskonferenzbeobachter sah an dem Horizont eine schwarze unheilschwangere Wolke: den Zionistenkongreß. So viele Leute, so viele Juden, und Juden aus Osteuropa, kamen zusammen, und sie könnten noch, meinte der wohlunterrichtete Korrespondent, Herrn v. Nelidow belästigen. Das Herz des guten Mannes zitterte lange. Er verbarg die Angst, unterdrückte die inneren Beklemmungen, jetzt jauchzte er auf: es ist vorüber! Es ist bezeichnend, welches Verständnis man in wohlunterrichteten Kreisen für einen jüdischen Kongreß, welch feine Instinkte man für jüdische Stimmungen hat. Nicht die moralische Beeinflussung, nicht der mächtige Appell an die Menschheit dürfte imstande sein, die Herren anzuregen, herauszufordern, zu beunruhigen, sondern die Anwesenheit so vieler Ostjuden. Man begreift nicht, daß die Ostjuden zu viel Takt haben, daß sie zu ernst veranlagt sind, um jemand zu belästigen. Nein, die Ostjuden sind nicht belästigend, sie sind ein belastendes Moment. Der Zionismus, der doch trotz allen Leugnens heute im Mittelpunkt des jüdischen Strebens und Denkens steht, ist politisch zu reif, um irgendwie oder irgendwo störend einzugreifen. Wir mahnen unermüdlich und drängen vorwärts. Wir Juden, die ersten Verkünder des Friedensgedankens, haben zum Zwecke der Friedenskonferenz innerliche Beziehungen. Wir sehen, wie das Wahre und Einfache, das unsere Seher und Denker predigten, in einer fremden Welt verdreht, verschnörkelt, äußerlich dekorativ ausgestattet, innerlich aber ausgehöhlt, entstellt, verstümmelt find entwertet wird. Der Schein, die Allüre, der Aufputz überwuchern den Inhalt. Ohne Zutaten, eckig und derb, ist die jüdische Wahrheit — weit sind, sagt einer unserer Denker, die Gefäße der Griechen, und was alles kann man da nicht hineingießen? Wie der Gott zum Götzen wird, mit dessen Scherben Kinder spielen, so wird 1*