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Die Welt · 1907-11-01 · 44 (1.11.1907) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIE LT No. 44 wie in gewissen ägyptischen Bezirken vorkommen, daß ganze Dörfer mitten im Frieden von einer Handvoll Verbrecher terrorisiert werden. Die Chausseen müssen verlangt und ihr Bau und ihre Unterhaltung muß bezahlt werden von den Dörfern, die sie benötigen. Ihre Anlage wird von Unternehmern unter der Aufsicht der Regierungsingenieure ausgeführt, indes der Majlis el Idara immer die nötigen Konzessionen gewährt und den Zuschlag ohne Ausnahme entweder der wenigstfordernden oder der bestempfohlenen Firma gibt. In anderer Hinsicht ist das Experiment von 1860/61 nicht su geglückt. In dem Grundgesetz haben die Mächte zweifelsohne dem Libanon ein Verwaltungssystem gegeben, das den Bedürfnissen des Tages durchaus angebracht war; aber ihre Vertreter scheinen nicht genügend bedacht zu haben, daß es erforderlich werden könne, dieses System einmal zu ändern. Tatsächlich ist dies der Hauptfehler des Grundgesetzes, daß in ihm keine Vorsorge getroffen ist, um es einmal teilweise oder gänzlich revidieren zu können. r Daß dieser Fehler nicht wieder gutgemacht wird, hat seine Ursache in dem Widerstreit der Interessen der großen europäisehen Mächte im nahen Osten, der eine gemeinsame Aktion ihrerseits zugunsten einer Revision von Tag zu Tag schwieriger macht- Nur eine solche gemeinsame Aktion könnte indessen eine Reform der Administration herbeiführen, die eine ruhige und friedliche Verwaltung garantieren würde. Und es kann nicht ernsthaft angenommen werden, daß die Zentrale bereit sein soll, sich selbst zugunsten der Majorität der Bevölkerung des Libanon zu bemühen. Hätten die Libanesen in den verflossenen Jahren die Aufmerksamkeit Europas durch Handlungen der Grausamkeit und Rebellion auf sich gelenkt, vielen ihrer Beschwerden wäre wahrscheinlich schon längst abgeholfen. Eine Revision hat sich als notwendig r ergeben, erstens infolge der verfehlten Wirkung gewisser Bestimmungen des Grundgesetzes und des Umfanges der daraus resultierenden Mißbräuche, die von den Schöpfern des Gesetzes nicht vorhergesehen wurden, und zweitens infolge der großen sozialen und ökonomischen Umwälzungen seit 20 Jahren. Unter diesen Veränderungen ist die bei weitem wichtigste und weitreichendste die starke Auswanderung vom Libanon nach den Vereinigten Staaten, Ägypten und den südamerikanischen Republiken. Der Zusammenhang, in dem dieser wichtige Faktor im Leben des Landes mit der wachsenden Emigration aus den Wilajets überhaupt steht, gestattet nicht, ihn in einem Artikel, der sich mit dem Libanon allein beschäftigt, eingehend zu hehandeln. Hier genügt es, wenn gesagt wird, daß in den letzten 20 Jahren 100 000 bis 120 000 Personen die Provinz verlassen haben, von denen höchstens ein Dritteil später wieder zurückgekommen ist, und die teilweise verhältnismäßig sehr beträchtliche Summen, teilweise sogar kleine Vermögen (nach libanesischen Begriffen) mit sich geführt haben. Diese Summen zuzüglich derer, die die Emigranten durch die Kaiserliche Ottoman Bank und andere Etablissements ihren Familien in den Bergen senden, werden auf wenigstens £ 500 000 jährlich veranschlagt und mögen tatsächlich wohl noch mehr betragen. Die Rückkehr verhältnismäßig wohlhabender Emigranten, die entweder . ihr Kapital in der Errichtung hübscher Steinhäuser oder . aber in der Erwerbung von Ackerland festlegen wollen, und die gleichzeitige Auswanderung einer großen Zahl gesunder Männer nach Nord- und Südamerika haben e*in bemerkenswertes Steigen der Preise für Lan,d und Arbeitskräfte hervorgerufen. Mit guten Maulbeerbäumen bepflanztes Land wechselt oft seinen Besitzer für mehr als 100 £ pro Feddan (1 Vio Acre), und die Löhne gewöhnlicher ungelernter Arbeiter betragen in vielen Bezirken des Libanons 15 Piaster (ungefähr 2.75 Mark) tiglich. Nach der allgemeinen Regel, daß, wenn Amerika die Hände nimmt, Ägypten die Köpfe an sich zieht, bieten sich dem besser erzogenen Libanesen vollauf Aussichten als Geschäftsmann, Arzt und, was besonders bemerkt werden muß, als Journalist in Ägypten und in Regierungsstellungen im Sudan. Die Provinz verliert so manche ihrer besten Kräfte, Männer, die unter günstigeren Umständen sehr viel für ihr Vaterland geleistet haben würden, aber unter den herrschenden Verhältnissen wenig Möglichkeit finden, ihre kaufmännischen und beruflichen Fähigkeiten zu entwickeln, und ebensowenig eine Aussicht haben, in Verwaltungsstellungen vorwärts zu kommen, es sei denn durch jene Methoden von Bestechung und Intrige, die vielen Orientalen ebenso abstoßend erscheinen, wie sie es der Majorität der gebildeten Europäer sind. In anderer Hinsicht hat die Emigration dem Lande genützt, sie hat die Übervölkerung erschwert, die sonst der Wiederherstellung der Ordnung hätte folgen müssen, und hat ein ursprünglich armes Land bereichert und der Verbreitung liberaler Ideen Vorschub geleistet. Die Entvölkerung, über die manche Libanesen klagen, ist mehr scheinbar als tatsächlich vorhanden; mehr als ein Dritte! der Auswanderer kommt znrück; die Rasse ist hervorragend fruchtbar, und jedenfalls kann die Provinz nur wenig mehr als ihre gegenwärtige Bevölkerungsziffer ernähren. Das Unterrichtswesen hat im Libanon seit 1860 große Fortschritte gemacht, und in manchen Dörfern können wenigstens 40% der jungen Generation lesen und schreiben. Das Lehramt liegt hauptsächlich in den Händen der verschiedenen Missionsgesellschaften und erstreck; sich im allgmeinen auf Elementar- und guten Mittelschulunterricht. Höhere Lehranstalten befinden sich in Beirut dem Erziehungszentrum von Syrien, wo das syrische protestantische College, eine vorzügliche amerikanische Anstalt, die Jesuitenuniversität von St. Joseph um zahlreiche Schulen zweiter Ordnung ausgezeichnet ge arbeitet haben und noch arbeiten. Das Libanon-Qouvernc ment unterhält mit den beschränkten Mitteln, die ihn zur Verfügung stehen, einige Elementar- und Mittel schulen. Die Bevölkerung, und insbesondere die hein gekehrten Emigranten, wissen die Vorteile einer guten Erziehung für beide Geschlechter sehr zu schätzen unJ lassen sich weniger als früher durch Skrupel von dt: Entsendung ihrerKinder in protestantische und katholische Missionsschulen abhalten. Die Drusen zeigten bis vor kurzem Neigung, abseits der allgemeinen Bewegung zu bleiben, teils infolge ihres strengen Rassenkonservatismus, teils infolge des Widerstands einzelner ihre-/ Häuptlinge; indessen sind Anzeichen vorhanden, daß sk nunmehr die Notwendigkeit einsehen, mit dem Stroit zu schwimmen. Die maronitische Geistlichkeit hat ihrer Abneigung gegen eine höhere Bildung, die nicht unter klerikaler Kontrolle steht, häufig Ausdruck gegeben: aber ihre Bemühungen haben die maronitische Gemeinschaft nicht gehindert, in dieser Hinsicht bemerkenswerte Fortschritte zu machen, und haben vielleicht zu der

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