Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Einweihung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Berlin, 22. Oktober. Im Beisein des Kultusministers Dr. Holle, des Provinzialschuldirektors, des Stadtschulrates Dr. Michaelis, des Polizeipräsidenten, ferner einer Anzahl hiesiger und auswärtiger Gelehrter und Vertreter größerer israelitischer Gemeinden und Vereine fand heute mittag die feierliche Einweihung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums statt. Aus' der großen Zahl der Reden, die teils einen rein wissenschaftlichen, teils auch einen politischen Charakter trugen, sei zunächst der einleitenden Ansprache des Vorsitzenden des Kuratoriums, des Justizrats Simon, erwähnt. Er gab ein anschauliches Bild von der inneren und äußeren Entwickelungsgeschichte dieses Institutes, das eine Lücke in den höheren Bildlingsanstalten der Reichshauptstadt auszufüllen bestimmt ist. Er präzisierte in treffenden Worten die eigenartige Stellung, welche die Sonderwissenschaft vom Judentum innerhalb der Gesamtwissenschaft und namentlich der theologischen einnähme, und betonte im Laufe seiner vielfach anregenden Auseinandersetzungen den innigen Zusammenhang, den die jüdische Wissenschaft seit den Zeiten Moses Mendelssohns mit der deutschen Kultur bis auf den heutigen Tag erstrebt habe. Judentum und Vaterlandsliebe schließen einander nicht nur nicht aus, sondern bedingen einander sogar. Im Geiste voraussetzungsloser Forschungsfreiheit werde die neue Stätte lediglich der Erkenntnis der wissenschaftlichen Wahrheit dienen und somit die Ausgleichung der Gegensätze fördern. Es verdiene bemerkt zu werden, daß fast unmittelbar nach der völligen staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden durch das Gesetz vom 9. Juli 186c) der Gedanke an die Errichtung einer Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin erwacht sei. Aus kleinen Anfängen habe sich dann die neue Lehranstalt so weit entwickelt, daß ihr bereits Kaiser Wilhelm I. die Korporationsrechte zu erteilen sich entschloß. Er knüpfte daran die Hoffnung und die Zuversicht, daß auch unter dem jetzt regierenden Kaiser die Anstalt ihren hohen Zielen zum Segen für die israelitische Glaubensgenossenschaft wie zum Heile des Vaterlandes entgegengeführt werden möge. Kultusminister Dr. Holle bemerkte in seiner Erwiderung, daß die Staatsbehörden mit entgegenkommender Teilnahme die selbstlosen, ernsten, wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen allezeit verfolgen und daß sie auch dieser Anstalt ein gutes Gedeihen wünschen. Hierauf sprachen Justizrat Lachmann als Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde und Justizrat Puchs im Namen des Zentralvereins. Aus dieser Rede wehte ein zum Teil scharfer politischer Hauch. Von der jüdischen Wissenschaft gelte auch das Schillersche stolze Wort, daß sie alles, was sie ist, sich selber zu verdanken hat. Mit der weiteren Erkenntnis von dem richtigen Wesen des Judentums werde der im philosophisch-ethischen Gewände daherschreitende Antisemitismus ebenso verschwinden wie der Antisemitismus der Straße. Rabbiner Dr. Rosen zweig dankte dem Kuratorium für die Mühewaltung und für die großen Opfer, die sie dem herrlichen Werke dargebracht. Die eigentliche Festrede hielt Rabbiner Professor Dr. May bäum. Er skizzierte in großen interessanten Zügen den eigenartigen Verlauf der jüdischen Geschichte, des jüdischen Schrifttums und seinen Einfluß auf die allgemeine Kultur. Anläßlich der Feier war seitens der hiesigen theologischen hakultät ein herzliches Glückwunschschreiben eingetroffen. Das Kuratorium der Lehranstalt hat die Herren Sanitätsrat Dr. Neumann, Dr. Maybaum, Frau Nanny Meyer zu Ehrenmitgliedern, ferner Rittergutsbesitzer Bernstein und Frau Geheim rat Ida Simon zu immerwährenden Ehrenmitgliedern ernannt. Verein zur Förderung jüdischer Kunst Berlin: Der Verein zur Förderung jüdischer Kunst gab Sonntag im Klingworth-Scharwenka-Saal einen Vortragsabend, der in drei Teile zerfiel: Kunstmusik, Vorlesung von Prosastücken und Volksmusik. Von europäisierten Leistungen jüdischer Künstler entwickelte sich das Programm geschickt ins Jüdisch-Populäre. Ghettohafte, ja auch ein wenig ins Zionistische. Und so wurde der Abend, je mehr das Artistische zurücktrat, um so interessanter, ursprünglicher, verlockender zur Aufrollung von Problemen. Man vernahm zunächst Kompositionen von Goldmark, Rubinstein, Ignaz Brüll und Bogumil Zepler, Werke, für die Herr Max Modern als Geiger, Herr Alfred Simon als Pianist, im Gesang Fräulein Vera Goldberg und Herr Leo Gollarin das Beste ihrer erprobten Kunst einsetzten. Dann brachte Herr Robert Koppel, einst der Bozena Bradsky „lustiger Ehemann", Novellistisches. Koppel hat sich inzwischen zu einem routinierten Rezitator herangebildet. Aber man erstaunte, als er anhub; war das nicht die scharf und tierbändigerartig artikulierende Stimme Frank Wedekinds, war das nicht Wedekinds Maske und Mundstellung, ja, selbst sein Klemmer? In der Tat, Koppels Einfall, den Schauspieler Wedekind zu kopiereu, war gar nicht dumm; wie viele Mimen, die ihn als Kollegen schelten, können von dem Gestalter des „Marquis von Keith" die unerbittliche Disziplin der Aussprache lernen, die technische Fähigkeit, mit Lippen, Zähnen und Zungenspitze zu artikulieren, nur mit dein Vorderteile der Sprech Werkzeuge zu arbeiten! Das hat Wedekind, dieser überdeutliche Sprecher, den Franzosen abgelauscht, und Herr Koppel hat es um einige Nuancen blasser übernommen. Leider verlohnte das erste Stück, das er brachte, kaum die angestrengte Präzision solcher Sprechkunst: Richard Huldschiners Salomisierung der Geschichte von Simson und Delila, mit so viel prunkendem Pathos sie wirtschaftet, ist leer, gemacht und nur scheinbar literarisch. Dann kam eine köstliche Humoreske: „Die Militärgesteilung" von Scholem Aleichem. Da ist die Misere des Judentums in Russisch-Polen von der heitersten Seite gesehen. Wie ein junger Mann, der eigentlich schon ein „Militärbefreiungsprivileg" hat, sich durch Schicksalstücke etwa fünfmal nacheinander bei der Rekriitierungskommission des Gouvernements stellen muß, das ist da im schönsten Jargon und mit kichernder Freude an Spitzfindigkeiten erzählt, und Herr Koppel gab es wieder mit einer so frappierenden Technik der Gesten und der Sprache (hier hatte sich das Wedekindliche ziemlich verloren), daß sein Auditorium in Krämpfe des Lachens ausbrach. Nun folgten die volkstümlichen Melodien aus dem russischen Judentum und legten, bald schlicht-sentimental, bald auf eine komische Art rührend, bald voll tiefer Religiosität, Kunde ab von der Bedrängnis, in der jene Unterdrückten "seufzen. Und noch aus dem Eise Sibiriens erklang die Sehnsucht nach Zion . . . Poesie der Verbannung, Heimatlosigkeitskunst . . . Diese Lieder wurden von Fräulein Goldberg und Herrn Gollarin meisterhaft gesungen. Der ganze Abend aber ' gestattete, was sicherlich etwas Seltenes ist, den Einblick in eine Sehnsucht; und alle fanden, dato es ein sehr schöner Abend war. Zwei jüdische Ortschaften abgebrannt In Nowy Dwor und Swolen (Rußland) wütete ein Brand, durch den die beiden, fast nur von Juden bewohnten Ortschaften gänzlich zerstört worden sind. Einige Bewohner kamen in den Flammen um. Da die Mehrzahl der Abgebrannten ihr Hab und Gut nicht versichert hatten, herrscht eine unbeschreibliche Not. ooooooooooooooo NOTIZEN 3> o o o o o ooooooooooooooo G--= 1) Zirkular der Gesellschaft zur Unterstützung der Juden, Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina Odessa, September 1907. Sehr geehrter Mitarbeiter! Ein Jahr ist vorüber, seitdem das von der letzten Generalversammlung unserer Gesellschaft gewählte Komitee seine Tätigkeit hegonnen hat. Das Komitee sieht sich nun verpflichtet, seinen Mitarbeitern über seine Tätigkeit in großen Zügen Bericht zu 'erstatten. Das Komitee suchte vor allen Dingen die verschiedenen Schichten der jüdischen Bevölkerung Rußlands mit den Aufgaben und Zielen der Gesellschaft, mit der gegenwärtigen Lage des Kolonisationswerkes in Palästina und den sich uns dort erschließenden Perspektiven vertraut zu machen. Eine solche Vertrautheit müßte nach der Oberzeugung des Komitees einerseits zur Heranziehung der Privatinitiative in Sachen der ökonomischen und kulturellen Wiedergeburt unserer alten Heimat erheblich beitragen, anderseits aber auch Interesse für die Tätigkeit unserer Gesellschaft wachrufen und die Vermehrung ihrer Mittel zur Folge haben. Zu diesem Zwecke berief das Komitee speziell für Agitationsreisen und Organisation vier Mitarbeiter, die Herren Barnholz, Berger. Dr. Mossinsohn und Nissen bäum, die im Laufe des Jahres den gesamten Ansiedlungsrayon bereisten, daneben auch einige