Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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16 DlEX&ELT No. 43 Die russische Reaktion an der Arbeit Petersburg, 21. Oktober. Die plötzliche, allen unerwartet gekommene Verabschiedung des Gehilfen des Handelsministers, Geheimrats Stoff, welcher als tüchtiger, unermüdlicher Arbeiter bekannt ist, und der das Ministerium allein leitete, ist auf folgenden charakteristischen Umstand zurückzuführen. Stoff, dem auch Schulen unterstanden, hatte in einer Handelsschule die Aufnahme von Juden über die Norm gestattet, wobei hinzugefügt werden muß, daß diese Schule hauptsächlich aus Mitteln der jüdischen Gesellschaft der betreffenden Gemeinde unterhalten wird. Stoff wurde daraufhin vom Minister für Volksaufklärung aufgefordert, seine Verfügung rückgängig zu machen. Stoff antwortete mit der Einreichung seines Abschieds, der sofort angenommen wurde. Der Rücktritt Stoffs wird in liberalen Kreisen aufrichtig bedauert. Über die Lage der Juden in Odessa In Petersburg traf am 13. Oktober eine jüdische Deputation aus Odessa ein, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf die fortgesetzten antijüdischen Pogrome in Odessa zu lenken. Nach den Schilderungen, die ein Mitglied der Deputation gab, muß ihre Lage verzweifelt sein. Trotz der Bemühungen des neuen Polizeichefs, des Generals Nowizki, dauern die kleineren und größeren Pogrome beständig fort; denn die Partei der „wahren Russen" fühlt sich unter hoher Protektion so sicher in ihren antijüdischen Hetzereien, daß sie sogar in ihrem offiziellen Organ zur Vernichtung des „jüdischen Reptils" auffordert. Infolge dieser andauernden Judenhetzen leidet der Handel Odessas je länger — je mehr. Schon stehen ganze Straßen, die früher von Kaufleuten bewohnt wurden, verlassen da; selbst der unglückliche japanische Krieg hat dem Handel nicht so böse Wunden geschlagen wie die dauernden Unruhen, was durch einen Blick auf den Kurszettel leicht zu ersehen ist. Falls nicht Hilfe von außen kommt, so ist überhaupt keine Rettung mehr möglich! Ob die russische Regierung zu dieser Einsicht gelangen wird? Generäle als Leiter der Ausschreitungen in Odessa Petersburg, 19. Oktober. Auf eine telegraphische Aufforderung Stolypins an den Stadthauptmann von 0 dessa, General Nowizki, die Unruhen in den Straßen Odessas energisch zu unterdrücken, antwortete Nowizki, daß der Kampf gegen die Geheimbünde, an deren Spitze einflußreiche Personen stehen, unmöglich sei; damit spielte Nowizki auf die Generäle Orlow und Pawlow an, welche an der Spitze des Geheimbundes der Gelbhemden stehen. Dieser wetteifert mit dem Verbände echt russischer Leute in der „Aktion" gegen die Juden. Marokko Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns die folgenden Mitteilungen zur Verfügung: Herr Elmaleh, Direktor der Alliance-Schule in Mazagan, hat an die Leitung der Alliance Israelite Universelle nachstehenden Brief geschickt: Mazagan, 7. Oktober 1907. Von allen jüdischen Familien, die Anfang August die Stadt verlassen haben, ist noch nicht eine zurückgekehrt. Der Umkreis von Mazagan scheint ganz ruhig. Mulay Hafid übt eine wahreSchreckensherrschaft über die Stämme aus, die ihm anhangen, und für den Augenblick wenigstens darf man an eine Wiederkehr der Ruhe glauben. — Seit einigen Tagen haben wir einen neuen Kaid. Der frühere, El Hamdounia, ist in Ketten nach Marrakesch gebracht worden, um sich wegen seiner franzosenfreundlichen Haltung zu rechtfertigen. Auch alle anderen Beamten in Mazagan sind durch Kreaturen Mulay Hafids ersetzt worden. Im Schoß der israelitischen Gemeinde hat sich seit August nichts geändert, nur das Elend ist noch größer, die Verlassenheit eine vollständige geworden. Die Zahl unserer Armen hat sich beträchtlich vermehrt, nämlich um alle Flüchtlinge aus Casablanca, die wir von den Arabern freigekauft und in unseren Schulen untergebracht haben. Bis jetzt sind etwa 250 nach Casablanca zurückgebracht worden, gegen 150 sind noch hier, und täglich treffen neue ein. Bisher haben die an Ort und Stelle aufgebrachten Mittel für den Freikauf der Gefangenen von Casablanca ausgereicht; jetzt aber ist es unmöglich, neue Spenden zu erhalten, da die Vermöglichen in rühmlicher Hilfsbereitschaft bereits alles Entbehrliche hergegeben haben. Wir mußten deshalb bei einem hiesigen Geschäftsinhaber eine Anleihe von 750 Pesetas aufnehmen. Diese Last ist für uns um so schwerer, als für den Freikauf unserer überdies für Nahrung, Kleidung und Beförderung nach Casablanca zu sorgen haben. Für die Armen von Mazagan selbst hat, abgesehen von den Spenden der Alliance und des Herrn Cohen, noch nichts geschehen können. Sie leiden buchstäblich Hunger. Seit meiner Rückkehr bin ich förmlich umlagert von den Unglücklichen, die ihr Leid mir zuschreien, als der einzigen Person, die ihnen Hilfe bringen kann. Es ist ein klägliches Schauspiel. Zu allem Unheil hat der Winter mit Regen und Kälte eingesetzt, und die Ärmsten, die alles, sogar ihre elenden Betten verkaufen mußten, haben nichts, um sich zuzudecken. Ich bitte Sie deshalb um neue Spenden, sowohl für die Armen von Mazagan wie für die Flüchtlinge von Casablanca, und um die Beträge, die erforderlich sind, diese Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzubringen. Elmaleh Die Leitung der Alliance Israelite Universelle, die bisher 40000 Frs. nach Casablanca, Mazagan und Marrakesch geschickt hatte, hat Herrn Elmaleh auf den obigen Bericht hin alsbald mit den gewünschten Mitteln ausgestattet. Marokkanische Flüchtlinge in Algier Die jüngsten Ereignisse in Marokko finden ein Echo in ganz Nordafrika und in erster Linie in Algier. Am Sonntag den 29. September kamen 60 jüdische Flüchtlinge zu Schiff im Hafen von Bona an. Die Unglücklichen waren in Lumpen gekleidet und wiesen nur allzudeutliche Spuren der schrecklichen Leiden auf, die sie ausgestanden hatten. Die Gemeinde empfing die Vertriebenen sehr freundlich und brachte sie in den Räumen der jüdischen Schule unter. Die Er Zählungen der Armen lauteten furchtbar und riefen die schlimmsten Ereignisse des Mittelalters in die Erinnerung zurück. Eine Frau aus Rabat erzählte folgendes: „Bei uns zu Hause war alles ruhig, mein Mann befand sich im Laden. Plötzlich hörte ich auf der Straße lautes Geschrei und eilte mit meiner Tochter vor die Haustüre, um zu sehen, was sich begebe. In diesem Augenblick stürzten die Rebellen schreiend auf uns zu und verlangten unter Drohungen, zu wissen, wo unser Geld sei. Da ich die Antwort verweigerte, versetzten sie mir einen Schlag mit einer Keule, daß ich bewußtlos zu Boden sank. Als ich wieder zu mir kam, sah ich zu meinem Entsetzen, daß mein Haus verwüstet und meine Tochter verschwunden war. Später erfuhr ich, daß die Rebellen unseren Laden geplündert und meinen Mann gefangen fortgeführt hatten. Sie waren nach Plünderung des Judenviertels in die Wüste geflüchtet und hatten noch un'erwegs mehrere jüdische Familien überfallen. Wo meine Tochter sich befindet, vermag ich ebenfalls nicht zu sagen." Die Juden Bonas haben eine Sammlung eingeleitet, um der ersten furchtbaren Not nach Möglichkeit zu steuern. Zur Anerkennung der jüdischen Nationalität Sonntag den 13. d. M. fand in Wien über Einberufung der jüdisch-akad. Verbindung „Ivria". eine Besprechung der Präsidier, sämtlicher jüd.-nat. akademischer Korporationen statt. Behufs energischer Weiterführung der Aktion zur Anerkennung der jüd. Natio nalitat an den österr. Hochschulen wurde ein fünfgliedriges Exekutiv komitee, bestehend aus: iur. Low (Ivria), ing. Freundlich (Makkabäa med. Deutsch (Kadimah), med. Placek (Unitas) und iur. Stöcke1 (Bar Kochba) eingesetzt. Jüdischer Nationalverein Czernovvitz: Auf Einladung des jüdischen Nationalverein, fand am 12. d. M. nachmittags eine überaus zahlreich besuchte Versammlung der Milglieder des jüdischen Nationalvereins im Rathaus saale statt. Kultusrat Jakob Gold führte den Vorsitz, währen i Abg. Dr. Strauch er ein wiederholt von Beifall unterbrochene-, eingehendes Referat über jüdische Fragen erstattete. Eine antisemitische Interpellation im österreichischen Abgeordneten hause Der Abg. E. v. Stransky hat an den österreichischen Unter richtsminister eine Interpellation gerichtet betreffend die Verjudung ib der österreichischen Hochschulen. Die Interpellanten fragen, ob. der Unterrichtsminister - geneigt sei, mit der Ernennung jüdische: Lehrkräfte für die deutschen Hochschulen in Österreich einzuhalten. C'::::bci»s~eii:;s::.en veitcre M'ftel erforderlich sind und wir Luzau. Nach langwieriger mühevoller Arbeit gelang es, hie'" in Luzau eine hebräische Schule „Safa b'rura" ins Leben zu rufen Mitglieder: Alle jüdischen Einwohner des Ortes. Kinderanzahl 7<!- Wir haben für dieses Semester K. 2000 gesammelt, 3 Lehrer mb entsprechendem Gehalte für 6 Monate aufgenommen. Die Schule wurde am 15. dieses eröffnet.