Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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drehten sich beide im Zimmer wie Kreisel, wobei ihre Köpfe wild aneinanderschlugen. Plötzlich blieb Lewin stehen und schwer keuchend winkte er mir vielsagend zu. „Schau aufs Fenster", sagte er mit ruhig-ernster Stimme und zeigte geheimnisvoll nach dem Fenster. Mühsam die Beine bewegend und an der Wand mich vorwärtstappend, schleppte ich mich ans Fenster — und fiel wie zerbrochen auf den Boden. „Rühr dich nicht!" brüllte die heisere Stimme des Bauern, und meinen Kopf mit seinen groben Händen wie mit einer Zange umklammernd, hob er meinen kraftlosen Körper in die Luft. Vor meinen Augen zeigte sich etwas Grandioses — und doch war mir, als hätte ich es schon irgendwann gesehen: Ein großartiges rotes Feuermeer umwallte die Stadt von allen Seiten und verschlang sie unter gewaltigem Prasseln. Millionen von Funken und brennenden Holzscheiten sprühten hoch wie Fakeln über dem Brand und sanken erlöschend nieder, Der rote Himmel mit den blassen Sternen spiegelte dieses ungeheure Feuer wieder. Jetzt loderte es mächtig auf, jetzt wieder brachen die Flammen zusammen, indem sie sich mit einem purpurroten Schleier überzogen. Erde und Himmel brannten. Und inmitten dieses allumfassenden Brandes, Schreckens und Entsetzens flohen durch die Straßen kleine verlorene Menschen mit kläglichem Schreien und Weinen, und lebendige ungeheuerliche Schatten jagten ihnen nach. Plötzlich drängte sich mitten in der Stadt eine wilde, Masse zusammen, es schrie aus tausend Kehlen, und dann%jagten sie durch die flammenerhellten Straßen, eine kleinere und schwächere Menge verfolgend. Und nun hatten sie sie erreicht und besinnungslos hieben sie ins Menschenfleisch und schleuderten die Körper nach allen Seiten wie abscheuliches Aas. Von den Verfolgten aber stürzten sich manche selbst ins Feuer, andere schleppten sich auf allen Vieren vor, Spuren heißen Blutes auf dem Boden zurücklassend. „Tolle! Wahnsinnige! Haltet ein!", schrie ich mit qualvoller Stimme. Aber meine Stimme verlor sich im wüsten Chaos des Schreiens und Stöhnens der wilden Menge. Der Muschik, der meinen Kopf zusammengepreßt gehalten hatte, sprang jetzt zurück, erhob sein Beil und schwang es gegen mich. Ich versuchte mit aller Kraft vom Platze zu flüchten und durch die Türe zu enteilen, aber meine Füße waren festgewurzelt und mein Blick gebannt von dem scharfen Beil. „Rascher denn, quäl' mich nicht!" rief ich in der Erwartung seines Hiebes. Allein er stand wie eine Statue vor mir, frech sich weidend an meinem Entsetzen. Und doch fühlte ich, daß in dem Augenblicke, wo meine Augen sich von dem Beile abkehren würden, der tödliche Hieb mich nicht verfehlen würde. Aber ich verlor allmählich die Kraft, hinzuschauen. Meine Beine schlotterten und mein Körper begann schwerfällig umzusinken. Mit einer letzten Anstrengung griffen meine 'Hände nach dem Tische, während meine Augen noch auf die Schneide des Beiles starrten. Beim Hingleiten hatte meine rechte Hand den Schaft des Revolvers gefaßt. Kampffertig hielt sie ihn fest. Ich begann zu zielen und zog den Hahn ab, — aber der Revolver versagte. „Verfehlt", fuhr es mir blitzartig durch den Kopf. „Jetzt, jetzt ist das Ende da" .... * In Schweiß gebadet, mit brennendem Kopfe lag ich, mich hin- und herwälzend, auf meinem Bette. Meine Kehle war ausgetrocknet, und im ganzen Körper fühlte ich ein Frostschütteln. Das Kissen lag auf dem Boden, und mein Kopf war eingepreßt gewesen zwischen Eisenstangen. Ich atmete erleichtert auf und wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Gott sei Dank, alles ist vorüber", dachte ich in naiver Freude, indem ich mir noch einmal die Schrecknisse dieser Nacht ins Gedächtnis zurückrief. Ich öffnete das Fenster. Ein kühler Frühlingswind wehte draußen. In vollen Zügen atmete ich die frische Luft ein. Es wurde heller. Die noch von Nebeln bedeckte Stadt schlief einen ruhigen, unschuldigen Schlaf. Ich schaute auf die stillen Straßen und nach dem immer heller werdenden Himmel und dachte: „Es ist nur Einbildung, erregte Phantasie, nichts weiter"... . „Bald wird die Morgenröte aufziehen", dachte ich weiter, den leise rötlich schimmernden Horizont betrachtend. Bald wird sie rosigen Schein gießen über die Dächer der Häuser und die Wipfel des Waldes. Und dann wird die glänzende Sonne heraufziehen und die Stadt in Licht tauchen. Es wird ein friedliches Leben beginnen mit einem alltäglichen Getriebe. Und Gottes Gnade wird herniederfluten..... Wo sollte hier das Ungeheuerliche sein? . . . Im Innern aber quälte mich etwas, und die Brust war zusammengeschnürt von grenzenloser Wehmut. Und eine unheimliche Stimme wiederholte: „Es ist da. Es hat sich schon aufgerichtet. Es kommt heran. Es wird da sein, unabwendbar/' Und ein scharfes unerträgliches Gefühl der Trauer und schmerzlicher Kränkung erfaßte mich, und heiße Tränen flössen aus den Augen, die noch von der entsetzlichen Nacht her brannten. „Wozu, warum wird man schlagen und töten? Wem nützt das?" jammerte ich in fast kindlicher Hilflosigkeit, warf mich wieder aufs Bett und fiel ni einen langen, dumpfen Schlaf. Es war genau Mittag, da weckte mich ein klägliches Schreien der Tochter meines Hauswirtes .... o o o o o o o I ^~^==. \ \ o o o o o o o 7 AUS DER BEWEGUNG Deutschland Frankfurt a. M.: Donnerstag Abend veranstaltete die hiesige Ortsgruppe ihren ersten dieswöchentlichen Mitgliederabend, der sehr zahlreich besucht war. Zunächst referierte Herr Goitein über die Änderung der Bankstatuten. Der Referent schilderte ausführlich die Entstehung der Bank und wies nach, daß niemals daran gedacht wurde, die kolonisatorische Tätigkeit auf andere Ländergebiete als Palästina und seine Nachbarländer auszudehnen. Nachdem der Redner dargelegt hatte, daß auf absehbare Zeit die Leitung der zionistischen Partei immer so zusammengesetzt sein werde, daß territorialistische Experimente seitens der Bank ausgeschlossen seien, zeigte er, daß selbst der gewonnene Prozeß außerordentlich hohe Kosten verursachen würde, daß dagegen unser Unterliegen im Prozesse