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Die Welt · 1907-10-25 · 43 (25.10.1907) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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8 DIE ME LT No. 43 „In vier Monaten werde ich nach Witebsk fahren, , Prüfung machen. . . . Endlich wird der ersehnte Traum j verwirklicht werden", dachte ich, aber ich konnte mich nicht auf diesen Gedanken konzentrieren. Abrisse von Gesprächen, einzelne Sätze, die miteinander nichts zu tun hatten, schwirrten mir durch den Kopf und pochten unaufhörlich und schmerzlich im Gehirn. . . . Und plötzlich erinnerte ich mich, wie heute eine junge Frau, die ihren von der Schwindsucht dahingerafften Mann zur letzten Ruhestätte geführt hatte, die Hände gerungen und gejammert hatte! . . . Ich war dieser traurigen Prozession auf dem Marktplatz begegnet, und ein Schmerzgefühl, gepaart mit einer gewissen Neugierde, hatte mich ihr folgen lassen. Ich hatte Lust bekommen, den Verstorbenen zu sehen, wie er im schwarzen Sarg liegt mit seinem gelben, vom Tod verstörten Gesicht, wie seine starren, ausgestreckten Beine geschüttelt werden während des Fahrens über das Pflaster. „Was wäre geschehen, wenn ich mich in diesen Sarg neben den Toden hingelegt hätte?" . . . Dieser wilde Gedanke kam mir plötzlich gegen meinen Willen, und je mehr ich mich von ihm zu befreien suchte, desto hartnäckiger erhob er sich vor mir. Es schien mir, als ob der Leichnam mich berührt hätte, und ich konnte mich nicht von ihm losreißen. Ein plötzliches Zittern befiel mich. Kalte Schweißtropfen traten mir auf die Stirn. Eine Motte schwirrte um die Kerze, und immer kleinere Kreise ziehend, näherte sie sich der Flamme, dem qualvollen Tode entgegen. Der Wirbel des verzauberten Kreises hatte sie erfaßt, und sie konnte sich nicht mehr aus ihm befreien. Jetzt, jetzt ist sie schon an der Flamme, noch einige Flügelschläge in engstem Kreis und dann werden ihre zarten, durchsichtigen Flügelchen, die winzigen Beinchen in einer Sekunde verbrennen, und ein kleines Klümpchen Asche wird auf den Tisch fallen. . . . Ich wandte meine letzten Kräfte auf, um mit dem ungeheuerlichen Gedanken zu kämpfen, der gegen meinen Willen mich überfallen hatte und wie ein großer bleierner Block auf meiner Brust lag. Seit einigen Tagen schon verfolgt er mich, seit das Gerücht von einem Pogrom sich verbreitet hat. Heute ist der letzte Tag. Und in dieser entsetzlichen Nacht, in einigen Augenblicken muß „es" sich entscheiden. Ich versuchte, meinen Körper in verschiedene Lagen zu bringen, zog die Bettdecke über den Kopf oder warf sie ab, — aber nichts half. Mein ganzer Leib brannte, und jedes Knarren des Eisenbettes reizte mich. Das Blut schoß mir ins Gesicht. . . . Plötzlich knisterte die Kerze: die Motte war verbrannt. Der Docht der Kerze neigte sich, und die Flamme brannte jetzt nach einer Seite. „Sie ist ihrem Schicksal nicht entronnenkk, dachte ich, indem ich mich fast verstohlen erhob, um den Docht aufzurichten. Aber meine Hände zitterten aufgeregt, und als ich den Docht anfaßte, verbrannte ich mir die Finger. Ich griff nach einem Lineal, um damit den Docht zu heben, aber jetzt verlöschte ich mit ungeschickter Bewegung die Kerze vollständig. Instinktiv tasteten meine Hände sofort über den Tisch, die Streichhölzer zu suchen. Plötzlich stießen sie auf etwas kaltes, den Revolver. Ich wich scheu zurück. „Es hat keinen Zweck. . . unnötig . . .", schwirrte es mir durch den Kopf. Und als hätte ich Angst, jemand zu beunruhigen, ging ich zag auf den Fußspitzen zum Bett zurück und warf mich wieder hin. „Morgen . . . Pogrom .... Man wird die Juden schlachten ...... alle . nun preßte es sich schon ganz deutlich irgendwo aus dem gequälten Gehirn hervor, „man wird Kinder morden . . . und mich auch"..... Etwas Gewaltiges, Entsetzliches, Zottiges kriecht an mich heran und beginnt vor meinen Augen zu wachsen bis zu ungeheurer Größe ..... Etwas wie eine straff gespannte Saite platzte, und wie ein siedendes Wasser brannte es mir durchs Gehirn .... Eine menschliche Gestalt stand vor mir, ohne Haut, mit rotem Fleisch, und dickes, klebriges Blut rann aus diesem Fleische, gläserne Augen stierten mich sinnlos an und lähmten mich mit der grauenhaften Starrheit ihres Blickes. Ich mache eine gewaltige Anstrengung, die kleinste Bewegung hervorzubringen, um dieses entsetzliche Gespenst zu vertreiben, ich will aufschreien, aber die gelähmten Glieder gehorchen nicht, und aus der vertrockneten Kehle kommt nur ein gurgelndes Stöhnen. Plötzlich beginnt die Gestalt die Arme mit den bloßgelegten Sehnen zu heben, und der Kopf wächst sich aus zu einer gräßlichen Form . . . Wie im Wahnsinn werfe ich mich im Bett herum, mich der drohenden Umarmung des Gespenstes zu erwehren. Ich lache wild auf, indem ich mit weit geöffnetem Blick meiner brennenden Augen das Ungeheuer anstarre. Es scheint mir, daß aus meinen Augen Blut fließen müsse. . . „Fort mit dir, Ungeheuer!" kreischte es endlich mit unnatürlicher Stimme aus mir. Und die entsetzliche Gestalt beginnt langsam zurückzuweichen, zu einem häßlichen roten Klumpen sich zusammenballend und verschwindet endlich irgendwo hinter dem Schranke ... Etwas Schweres war von meiner Brust gewälzt und ich fühlte, wie die gelähmten Glieder überleichi und unempfindlich wurden. Irgendetwas hob mich in die Luft und ließ mich wieder aufs Bett sinken. Dann fing es an, sich zu drehen: ich mitsamt meinem Bei! wirbelten im Kreise, und alles tanzte im umnebelten Gehirn .... Plötzlich wurde die Tür geräuschvoll aufgerissen und ins Zimmer stürzte ein grober schmutziger Müschs mit einem struppigen roten Bart. In den Händen hati er ein Beil, scharfgeschliffen wie ein Rasiermesser, um! indem er es hoch übers Haupt schwang, blieb er eini^ Schritte vor mir wie festgewurzelt stehen. „Du. ... du wirst mich doch nicht erschlagen du machst Spaß!" rief ich ihn an, indem ich versucht das Ganze in einen Scherz zu verwandeln. Aber u stand immerzu unbeweglich, ohne eine Muskel zu bewegen, das Beil immer noch über dem Kopf haltend „Du bist doch ein guter Mensch . . . schau, dein Hemd ist vorne offen", . . . sagte ich wieder nin schmeichelnder und zugleich bebender Stimme. Lr aber begann durchs Zimmer zu trampeln, setzte sich ungeschlacht hin und spuckte von Zeit zu Zeit nach mir. Mit einem Male sprang Lewin auf den Tisch, und häßlich mit den Händen gestikulierend, begann er sehn Rede zu halten, nach jedem Satze unartikulierte LauK ausstoßend. Der Muschik aber hieb indessen mit einem Beil alle meine Bilder und Landkarten von der Wand herab, zerschlug eine Büste von Ferdinand Lassalk' und warf mit mächtigem Schwung das Beil nach dem Schrank, so daß es tief in die Türe eindrang. Lewin faßte den Muschik bei der Hand, und nun

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