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Die Welt · 1907-10-25 · 43 (25.10.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 43 DIE^KELT Die Zurücksetzung der Juden im Justizdienst Es ist bekannt, daß sich in der Verwaltung des Reichs wie der Bundesstaaten fast gar keine Juden befanden, daß insbesondere die Ministerien als dirigierende Behörden „judenrein" sind. Weniger bekannt sind die Verhältnisse in den Justizverwaltungen. Die richterlichen Beamten zählen nach Tausenden — für Preußen allein weist der Justizkalender von 1907 4875 Richter und Staatsanwälte auf, — und so ist die Kontrolle eine außerordentlich erschwerte. Justizrat Bernhard Breslauer in Berlin hat sich im Auftrage des Verbandes Deutscher Juden der schwierigen Aufgabe unterzogen, hier Klarheit zu schaffen, und zu diesem Zwecke eine Denkschrift ausgearbeitet, die dem kürzlich in Frankfurt a. M. stattgehabten Judentage vorlag. Er kommt darin zu außerordentlich trüben Ergebnissen, die uns die Lage der deutschen Juden in hellen Schlaglichtern vor Augen führen. In besonders erschreckendem Lichte erscheinen uns die gegebenen Zahlen, wenn man bedenkt, daß den Juden die Offizierstellen ganz, die Behörden und Lehrerstellen fast vollständig verschlossen sind, die Justiz also fast die einzige Zuflucht der jüdischen Akademiker bildet, die nicht Ärzte oder Anwälte werden. Die Statistik konnte insofern nicht vollständig gegeben werden, als eine Anzahl von Herren, die „aus der jüdischen Rasse ausgetreten sind" sich erfahrungsgemäß scheut, den Gemeinden den Austritt anzuzeigen und selbst die Kultussteuern weiterzahlt. Es ergibt sich folgendes: In den beiden Mecklenburg, Sachsen, Hessen, Weimar, Braunschweig, Altenburg, Koburg-Gotha, Anhalt, Schwarzburg-Rudolstadt und Sondershausen, Waldeck, beiden Reuß, beiden Lippe, Lübeck und Bremen gibt es keinen einzigen jüdischen Richter. Von den andern Staaten haben eine größere Anzahl von Richtern jüdischer Abkunft: Preußen, Bayern, Baden und Hamburg. Aber auch hier ergibt sich das beschämende Moment, daß Juden wohl für die erste Instanz, aber nur in Ausnahmefällen für höhere Stellen Verwendung finden. Am besten liegen die Verhältnisse noch in Bayern. Dort gibt es 39 jüdische Richter erster Instanz, vier sind Oberlandesgerichtsräte, einer ist Staatsanwalt, einer Richter am obersten Landesgericht. Aber nicht ein einziger ist Direktor oder Präsident. Baden hat zwei jüdische Oberlandesgerichtsräte und sechs Richter erster Instanz. Kein Jude ist Präsident, Direktor oder Staatsanwalt. Ebensowenig in Hamburg, wo 1907 vier jüdische Richter, zwei Oberlandesgerichtsräte, zwei Richter erster Instanz vorhanden waren. Am meisten aber interessiert naturgemäß Preußen, wo die Verhältnisse besonders durch die Bevorzugung der Getauften ins Auge fallen. Von 3628 Herren, die von 1875 bis 1895 in Preußen das Assessorexamen bestanden und im Staatsdienst verblieben, waren 155 Juden. 665 Beamte wurden in höhere Stellungen befördert 18,3 °/o darunten waren 4 Juden............ . , =■ 2,6 ()/o während die Juden 5 °/<» der Justizbeamten ausmachen. Die vier beförderten Juden wurden Oberlandesgerichtsräte, kein einziger Direktor oder Präsident. . Die Absicht, die Juden nicht in leitende, sogenannte Dirigentensteilen aufrücken zu lassen, liegt also klar zu Tage. Juden können wohl ausnahmsweise „in Vertretung" der Kammer oder dem Senate Vorsitzen, selbst den Oberlandesgerichtspräsidenten vertreten, — aber eine selbständig leitende Stellung dürfen sie nie bekleiden. Noch deutlicher tritt dies in die Erscheinung, wenn die Zahl der Getauften aus diesem Zeitabschnitt mit berücksichtigt wird. Während in höhere Stellen befördert wurden 665 — 18,3 °/» aller Beamten, und von Juden.......... ( 2,60/o waren befördert von Getauften......... 30 27,8 0 o Oberlandesgerichtsräte wurden 22 Getaufte, also . . 20,4 °/0 Direktoren „ 8 „ „ . . 7,4 % Es jg/ird also im Kulturstaat Preußen auf die Taufe eine Prämie derart gesetzt, daß die Täuflinge nicht nur gegenüber den Juden, sondern sogar im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung erheblich bevorzugt werden. Man ist in Versuchung, eitel zu werden. Welch hervorragende Köpfe müssen wir Juden doch sein, wenn man sich solche Mühe um uns gibt! Wie müssen unsere Mitbürger unsrer bedürfen! Leider ist die Angelegenheit sehr ernst und mit Recht zitiert Breslauer den Ausspruch Falks: „Das also ist die Ausführung einer Verfassung, welche die Heiligkeit der Religion als eine Sache des Gewissens und der Überzeugung von der unlauteren Berührung mit äußeren Interessen trennen wollte!" und fährt dann fort: „Wenn die Hüter der Gerechtigkeit bewußt und zum Schaden eines Teiles der Bevölkerung die Verfassung und das Gesetz verletzen, wenn sie bei der Beförderung gerade diejenigen bevorzugen, deren Verhalten auf eine in der Regel geringere Charakterhaftigkeit deutet, wie kann dann die Gerechtigkeit gedeihen?" Wir können uns dem nur anschließen. Justitia fundamentum regnorum. Das ganze Bild würde noch viel trauriger aussehen, wenn man konstatieren könnte, wie viele jüdische Beamte schon als Assessoren, angeekelt von den Verhältnissen, den Abschied genommen haben und zur Anwaltschaft übergegangen sind. Die schlechtesten sind es nicht gewesen, auch nicht die unfähigsten, das beweisen die schriftstellerischen und sonstigen beruflichen Leistungen unserer jüdischen Anwälte. Wir denken nicht, daß sich die Verhältnisse in absehbarer Zeit ändern werden. Immerhin war die Betrachtung lehrreich und Herr Breslauer hat sich ein namhaftes Verdienst erworben. Ben Aaron /?= 8fE □ □□□□ FEUILLETON o □□□□□□)] O P- ■ ~ <>) o AM VORABEND Nach dem Russischen des G. Lifschitz (Schluß) Als ich ins Zimmer trat, verschloß ich sorgfältig das einzige kleine Fenster und machte Licht. Den Revolver legte ich, nachdem ich ihn behutsam untersucht, vor mich auf den Tisch. Er war mit sechs Patronen geladen. „Sechs kann man niederstrecken'*, dachte ich, „und nachher ..." Aber ich bemühte mich, nicht an das „Nachher" zu denken und begann kräftig den Schaft des Revolvers zu drücken, legte ihn wieder auf den Tisch und nahm ihn wieder in die Hände. Ich konnte mich nicht satt an ihm sehen. Förmlich liebevoll schaute ich ihn an wie etwas Lebendiges, Kraftvolles, und wirklich, daß er da war, gab mir Kraft und Mut. „Wenn er aber versagt?" — der Qedanke blitzte plötzlich in mir auf, und ich begann nervös durchs Zimmer zu schreiten, auf den Schatten schielend, der mich an der Wand begleitete. Halb angekleidet warf ich mich aufs Bett und richtete den Blick auf einen Punkt zwischen dem Bücherschrank und der Tür. Die Stearinkerze, leise zischelnd, beleuchtete spärlich und ungleichmäßig die kleine Stube mit den zerschlissenen Tapeten. Die Flamme sank in sich zusammen und hob sich wieder.--Plötzlich schien es mir, als ob die Treppen leise knarrten. Ich begann angespannt zu lauschen, hörte aber nichts als das starke unregelmäßige Pochen meines Herzens. „Es war nur Einbildung", beruhigte ich mich und begann an etwas anderes zu denken. ... An etwas Gewöhnliches, Komisches. Aber die Gedanken gehorchten nicht dem Willen. Sie zerrannen nach allen Seiten, und es gelang mir nicht, sie zu ordnen.

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