Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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schreitungen der Ordnung müssen nicht allein streng verfolgt werden, sondern es ist ihnen vorzubeugen. Denn erste Pflicht der Regierung ist es, die Sicherheit der Bevölkerung vor jeder Gewalttat und wilden Eigenmächtigkeit zu schützen." Eine Reihe von Gouverneuren veröffentlichte weit schärfere und wahrheitsgemäßere Verurteilungen etwaiger Exzesse gegen die Juden. Die Generalgouverneure von Wilna, Moskau und Charkow, die Gouverneure von Tschernigow und Poltawa und verschiedene andere kleinere Geister ermahnten in Aufrufen die Bevölkerung zur Vernunft, wiesen sie auf die Sinnlosigkeit der zirkulierenden Gerüchte hin, daß Gewalttätigkeiten gegen die Juden erlaubt seien, oder daß ihre Begehung, wie der Poltawaer Gouverneur sich ausdrückte, den Intentionen der Regierung entspräche. Von geringer Wirkung auf die Bevölkerung mag die Versicherung der Gouverneure gewesen sein, daß die Juden, wenn auch andern Bekenntnisses, doch den gleichen Schutz der Gesetze genießen. Das Volk konnte sich in Anbetracht der Beschränkungen, denen die Juden in Rußland auf Schritt und Tritt ausgesetzt wurden, über derartige Behauptungen seine eigenen Gedanken machen; aber nicht mißzuverstehen waren die Androhungen mit Strafen und die Ankündigung strengster Maßregeln. Der Charkower Generalgouverneur Swjatopolk-Mirsky, dem sechs Gouvernements, darunter auch solche aus dem Ansiedlungsrayon, unterstanden, appellierte an die Bevölkerung in folgenden Worten: „Die gegen die Juden in Jelissawetgrad und Kiew stattgehabten Gewalttätigkeiten haben bedauerlicherweise auch in dem mir anvertrauten Gebiet einen Widerhall gefunden. Obwohl die Ausschreitungen, die im Gouvernement Tschernigow vorgekommen sind, sehr schnell unterdrückt, die Schuldigen verhaftet und dem Gericht übergeben und Vorbeugungsmaßregeln jeder Art getroffen sind, — dauert doch der unruhige Zustand der Geister an und drückt den gesamten Handel und die Industrie. Eine solche Lage darf nicht fortdauern. Nur Feinde des Vaterlandes können mit den Unruhen sympathisieren, nur Diebe und Räuber können von den Straßenausschreitungen für sich Vorteile erwarten. Vom Kaiser zur Aufrechterhaltung der Ordnung, der Ruhe und des Wohlstandes in sechs Gouvernements berufen und mit besonderen Vollmachten ausgestattet, muß ich die mir auferlegte Aufgabe mit der ganzen Kraft der mir übertragenen Gewalt erfüllen. Die Juden befinden sich ebenso wie die andern treuen Untertanen des Zaren unter dem Schutz des Gesetzes und der Regierung. Ihre Person und ihr Eigentum müssen unverletzlich sein. Indem ich darum die ehrlichen Leute auffordere, soweit es einem jeden möglich ist, dazu beizutragen, daß die Geister beruhigt, die Irrenden zur Vernunft gebracht werden und überhaupt die Ruhe gewahrt bleibe, warne ich die Unvernünftigen und Böswilligen, daß ich im Falle von Gewaltäußerungen gegen die Person oder das Eigentum der Juden und des Nichtgehorsams gegen die Behörden gezwungen sein werde, gegen die Unruhestifter die allerstrengsten Maßnahmen zu ergreifen, ohne, wenn sich die Notwendigkeit herausstellen sollte, vor den Gebrauch von Waffengewalt und der Unterstellung der Schuldigen unter ein Kriegsgericht Halt zu machen. Der Wille des Kaisers und das allgemeine Wohl machen es erforderlich, daß die Gesetze immer, was auch geschehen sollte, innegehalten werden."1) Volkstümlicher, als dieser Generalgouverneur oder seine Genossen des Moskauer und Wilnaer Gebiets, weniger staatsmännisch, aber mehr den religiösen und traditionellen Gefühlen angepaßt, reden die Gouverneure von Poltawa und Tschernigow, die sich, der erstere schon am 28. April, der zweite am 6. Mai, ebenfalls an die Volksmassen wenden. Der Poltawaer. Gouverneur, der erst von den Jelissawetgrader Schändlichkeiten vernommen hat, traut noch der „Einsicht" der Bevölkerung und macht sie auf die Folgen etwaiger Unordnungen aufmerksam, der Tschernigower hingegen in dessen Gouvernement bereits der Konotoper Exzeß und andere kleinere stattgefunden haben, gebraucht schon viel stärkere An drücke, und appelliert also an die Bauern und Kosaken: „In ein r unserer Städte hat die Menge auf die Juden einen Überfall b - gangen, ihr Eigentum vertilgt oder ausgeraubt. Vom schlimm« 1 Beispiel angesteckt, hat auch die bäuerliche Bevölkerung mehrere . wenn auch nicht vieler Ortschaften die gleiche Scheußlichk t begangen. Um eine solche Untat, die nur gemeiner Gesellen ui 1 Räuber würdig ist, zu rechtfertigen, hat man zu reden begönne i, daß es nicht sündhaft sei, Juden zu beleidigen, und zu den verbrochenen Übeltaten die Lüge hinzugesellt, daß eine solche Handlungsweise sogar von oben anbefohlen sei, und man schaute schmh ohne Schamgefühl auf die demolierten Wohnungen der ins Elend gestürzten Juden. Ein schweres Verbrechen vor dem Gesetz ind eine Todessünde vor Gott haben die Anstifter dieses gottlos n Werkes auf sich genommen. Aber verbrecherisch sind auch jene Unvernünftigen, die, ihnen folgend, ihre Hände durch Gewalt:at und Raub geschändet haben. Böse Menschen haben die Schändlichkeit ausgedacht, und ear viele aus dem Volke haben sich ihnen angeschlossen. Man möchte es kaum glauben! Ehrliche Menschen sind zu Dieben und Räubern geworden! Besinnt euch, macht Halt! Erzürnt nicht Gott, ärgert nicht den Kaiser, der alle seine treuen Untertanen in gleicher Weise Ii. ht und eigenmächtige Handlungen und Gewalttat nicht dulden wi d! Macht Halt! Fremdes Gut kann nicht nütze sein. Die vergössei en Tränen werden an den Tätern vergolten werden, und diese werden dem, Gericht und der Strafe nicht entgehen".1) Für die Bureaukratie bildete indessen von da an die Judenfrage eine Hauptbeschäftigung, die ihr nur Vorteile brachte, die >k befriedigte und allmählich ein wesentlicher Teil ihrer freiheitsfeindlichen Politik wurde. Die vielfachen positiven Ergebnisse, die die Judenhetze für ihre eigensüchtigen Bestrebungen heilte, klärten sich ihnen selbst erst im Laufe der Jahre auf. Hatten sie zu Beginn der Pogromperiode nur instinktiv gefühlt, daß die Pogrome und die anderweitigen Judenverfolgungen für die Erhaltung der Selbstherrschaft und ihrer Kasteninteressen einen nutzbringenden Faktor bilden, so reiften diese Anschauungen im L> :fe der Zeit bei ihnen zu einem unumstößlichen Grundsatz, gegen :en nur Unvernunft sich wehren könnte. Immer seltener wurden hie Anhänger des Despotismus, die zugleich Gegner von Juder . erfolgungen gewesen wären. Die Verdichtung dieser Anschauur, en nahm dann nach einer Weiterentwicklung von zwei Dezennien ^ei der Bureaukratie in den letzten Jahren immer schärfere Foren an, als ihre Herrlichkeit in Trümmer zu zerfallen begann, une sie entsannen sich des äußersten Mittels, des Pogroms, von nei.. w., um mit weit stärkerer Gewalt, und in geschlossenen Reihen iie blutigste Judenverfolgung, die Explosionen der Progromper de Kischinew-Sjedletz heraufzubeschwören. Das war nicht mehr in Experiment, dem man bald Halt gebietet, es wurde ein Kampw Leben und Tod, ein Kampf ohne jegliche Rücksicht, voll grimn.hier Wut und bestialischer Rachsucht. Denn neue reale und psychh he Momente waren hinzugekommen, neue Machfaktoren waren eitstanden. Eine spätere Analyse dieser Momente und dieser '< .'Aktoren wird erst die Fülle von Verwerflichkeit zeigen, mit de; hie russische Bureaukratie ihren Kampf führte und weiterzuführen sich anschickt. Da wird uns ein Egoismus entgegentreten, wi hin die Geschichte selten erlebt hat. In Vergleich damit ist allen.! -ügs das Treiben des Teiles der Bureaukratie, der in den acht;.ger Jahren dem Pogrom wohlwollte oder selbst fördernd zur Seite stand, fast ein Kinderspiel gewesen. ' Allerdings wurde auch jenes Kinderspiel sowohl zur Beschränkung der Juden in ihren Recnten als hin und wieder zur Kompromittierung der Revolutionare. sowie schließlich als eines der Mittel zur Unterdrückung der \M' heitsbewegung benutzt. l) Russky Jewrei 1881 Nr. 20. l) Russky Jcwrei 3 881 Nr. 20.