Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-10-25 · 43 (25.10.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316286--49871-3344829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

nO. 43 DJ ESSE LT j.uzatto, Nachmanides, Ludwig Philippson, Riesser. Auffallenderweise fehlen Jakob Barth, der vorzügliche Arabist, dessen Forschungen auf dem Gebiete der hebräischen Ethymologie in jedem hebräischen Lexikon inst Seite für Seite zitiert werden, der große jüdische Religionsphilosoph Nachman Krochmal, Salomon Münk, bekanntlich der Nachfolger Renans am College de France und S. L. Rapaport. Die beiden zuletzt genannten waren sogar in den ältern Auflagen desselben Lexikons vertreten und sind jetzt daraus entfernt worden. Hoffentlich wird allen im Ergänzungsband ein Platz angewiesen werden. Ebenso dürfte man wohl erwarten, daß neuere hebräische Schriftsteller und Dichter von Bedeutung Aufnahme finden, wie überhaupt die neueren Schöpfungen der hebräischen Literatur zweifellos Erwähnung verdienen. Schließlich handelt es sich nicht nur um d e Juden und das Judentum, an deren Zurücksetzung man sich bereits gewöhnt hat. Jeder gebildete Mensch strebt danach, nicht nur das zu wissen, was ihm nahe liegt, sondern auch das etwas Entferntere, und so ganz fern liegen das jüdische Volk und das Judentum der ,l ebildeten Welt doch nicht. Man erinnere sich, welches Aufsehen es vor jetzt siebzig Jahren erregt hat, als i ranz Delitzsch die christliche Welt mit den Erzeugnissen der neueren hebräischen Poesie bekannt machte. .1'. der Kenner dieser Dinge weiß, daß damals die moderne jüdische Literatur sozusagen noch in den Kinderschuhen si eckte. Seitdem ist auf diesem Qebiet ein mächtiger i «>rtschritt zu verzeichnen, und wenn auch diese Literatur noch nicht ihren Historiker gefunden hat, in einem gediegenen und objektiven encyklopädischen Werk darf sie nicht leer ausgehen. Da ich im ganzen in der neuesten Auflage von Meyers Lexikon die gute Tendenz anerkennen muß, halte ich mich für verpflichtet, auf diese wohl zufälligen Auslassungen aufmerksam zu machen. Der Redaktion von Meyers Lexikon müßte man aber dringend größere Vorsicht in der Behandlung politischer und ethnographischer Fragen empfehlen, damit nicht in ein solches Werk, das unter allen Umständenmur der Belehrung und der objektiven Information gewidmet sein darf, antisemitische Tendenzen dringen. So wenn beispielsweise im Artikel „Ruthenen" gesagt wird, daß die ruthenische Bevölkerung in Qalizien von den Juden ausgebeutet würde. Abgesehen davon, daß eine derartige, allgemein gehaltene Beschuldigung nur in einem antisemitischen Parteiblatt verständlich erschiene, wird sie auefe an sich durch die Tatsache gründlich widerlegt, daß bei den letzten Reichsratswahlen in Qalizien Juden und Ruthenen bei den Haupt- und Stichwahlen durchaus zusammengingen. Ich nehme an, daß obige, durch nichts bewiesene Behauptung, die nichts weiter als eine judenfeindliche Phrase ist; Mos durch ein Versehen in dem genannten Artikel belassen wurde, und hoffentlich wird dafür in einer neueren Auflage gesorgt, daß die österreichische antisemitische Agitation auf ein zur Objektivität strebendes Werk von solchem Umfange nicht abfärbe. Das wünsche ich hauptsächlich im Interesse dieses, monumentalen Werkes selbst. Das Prototyp des Pogroms in den achtziger Jahren (Schluß) Alexander III., selbst dürfte, trotz seiner durch nichts geäderten Judenfeindschaft, von einem gewissen Rechtsgefühl gerieben, ein Gegner der Progrome gewesen sein. Einer jüdischen .putation, die gleich nach den ersten Krawallen bei ihm eine ulienz hatte und um ein kaiserliches Wort zugunsten der Betagten bat, damit der „Aufruhr" schwinde, sprach er sich im ■nie der an ihn in höchst untertäniger Form Appellierenden aus, ■■'» er auf alle treuen Untertanen ohne Unterschied des Glaubensen ntnisses und Stammes schaue, und setzte hinzu, daß bei den brecherischen Unruhen im Süden Rußlands — „die Juden nur Vorwand dienen, daß sie nur das Werk der Anarchisten seien", ähnlicher Weise hatte sich schon früher Fürst Wladimir Alexannvitsch geäußert und zugleich versichert, daß zur Unterdrückung! Wirren alle erforderlichen Maßnahmen getroffen seien. Daß damalige Zar die Pogrome als etwas Unerwünschtes betrachtete,;t aus einer andern viel später bekannt gewordenen Randlerkung des Zaren, in der sich zugleich sein ganzer Antagonismus en die Juden ausdrückte. Aus der offiziellen Geschichte der : ■igkeit des Ministerkomitees erfahren wir darüber folgendes: „Die ' 'icrung hat beschlossen, jedweden Versuch der Straßenmenge Gewalttätigkeiten gegen die Juden zu unterdrücken41. „Es ist ■iwendig und ohne Zeitverlust" (Note des Zaren zum Berichte des ■T-ssaer Generalgouverneurs). Aber die erzwungene Rolle der ivMibeschützer gegenüber der Grundbevölkerung beschwerte die Gerung. „Das ist ja das Traurige an allen diesen Exzessen gegen Juden", schrieb der Kaiser zu dem Berichte des Warschauer ■eralgouverneurs fürs Jahr 1882 hinzu.*) Alexander der Dritte p sich also gerade aus Gründen des Judenhasses veranlaßt, auf Zum Jahrhundert des Ministerkomiiees (1U02—1902) Geschichtliche der Tätigkeit des Ministerkomitees (offiziell), B. 4, S. 183. Übe möglichst schnelle Unterdrückung der Pogrombewegung ohne „Zeitverlust" zu dringen, um nicht in die unabwendbare Rolle eines Judenbeschützers zu geraten; die Bauern könnten sonst nach Ansicht der Ministerkomitees, heißt es in dem Berichte weiter, da die Juden ihnen von ihrer eigenen Kraft vorreden und Gerüchte über ihre allmöglichen Einflüsse auf die Regierung sorgsam wachrufen, der Oberzeugung sein, daß der auf die Erlösung der Bauern von der Judenausbeutung gerichtete kaiserliche Wille durch die Machenschaften und Intrigen eben dieser Juden nicht zur Ausführung gelange. Wahrlich, wieder einmal machte der Haß blind. Zu einer Zeit fortlaufender Pogrome fürchtet die Regierung, daß sie in den Verdacht des Judenschutzes geraten könnte und daf3 die Juden mit ihrer Macht sich brüsten. Ob nun diese Logik sehr eigentümlich sein mag, jedenfalls war der damalige Zar ein Gegner der Progrome und auch pogromlüsterne Minister mußten mehr oder minder nach der gleichen Pfeife tanzen. So stand ganz im Einklang mit dem Verhalten des Zaren auch ein Passus im Rundschreiben des skrupellosesten Judenfeindes Ignatiew, das er als Minister des Innern schon am 6. Mai 1881, ungefähr drei Wochen nach dem ersten Pogrom, an die Gouverneure versandt hatte. Darin hieß es nach einem heftigen Ausfall gegen die revolutionären Elemente und nach Ankündigung strengster Bekämpfung des Terrors und einem Appell an die Mitwirkung der Gesellschaft: „Die Bewegung gegen die Juden, die in den letzten Tagen im Süden zutage getreten ist, hat ein trauriges Beispiel dessen abgegeben, wie Leute, die dein Thron und dem Vaterlande anhänglich sind, sich den Einflüssen Böswilliger, die die schlimmen Leidenschaften in der Volksmasse entfachen, hingeben, wie sie in eigenmächtige Willkürtaten verfallen und, ohne es zu verstehen, gemäß den Absichten der Aufrührer handeln. Derartige Über- 2* 4 =S \% § i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.