Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316286--49870-3344828- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 SIEGELT No. 4. Ein Stiefkind der Wissenschaft Von Dr. SIMON BERNFELD Über der viel besprochenen Wissenschaft des Judentums waltet derselbe Unstern wie über dem jüdischen Volk — beide können nicht zu der ihnen gebührenden Stellung gelangen. Für mich ist es außer Zweifel, daß die Wissenschaft des Judentums, wie das Judenr tum überhaupt, unter dem Vorurteil leidet, welches die; arische Welt gegen uns Juden hegt. Es ist selbst gelehrten Porschern nicht leicht, während sie sich mit dem Judentum als mit einer Wissenschaft beschäftigen, völlig davon abzusehen, daß der Träger dieser Kulturerscheintmg, in gewissem Sinne das Objekt dieser Forschung, noch lebt und einen Platz in der Gesellschaft beansprucht. Das Urteil, das über das Judentum gefällt wird, ist daher in den meisten Fällen subjektiv, und zwar entweder feindselig oder apologetisch. Ehedem war es das Streben der jüdischen Forscher, die Wissenschaft des Judentums zu einem Zweige der allgemeinen Wissenschaft zu machen. Die ersten Begründer dieser Wissenschaft glaubten sogar dadurch auch dem jüdischen Volk den ihm gebührenden Platz in der Familie der gesitteten Völker einräumen zu helfen. Die Emanzipation der Wissenschaft des Judentums sollte zur Emanzipation der Juden führen; ihre Befreiung aus dem Beth-Hamidrasch sollte die Befreiung des jüdischen Volkes aus dem Ghetto zur Folge haben. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ging das Streben der gebildeten Juden in Deutschland dahin, an einer deutschen Universität eine Fakultät für die Wissenschaft des Judentums und für die jüdische Theologie zu errichten. Es war dies das Streben Abraham Geigers und Ludwig Philippsons, welches indes nicht verwirklicht werden konnte. Das Judentum blieb somit eine unemanzipierte Wissenschaft, wenn ich mich so ausdrücken darf. Man weiß, daß ein Volksstamm, der politisch und bürgerlich zurückgesetzt ist, auch in der Gesellschaft keine beneidenswerte Rolle spielt. Ein Jude wird in der Gesellschaft oft zuvorkommend und wohlwollend behandelt, aber zu einer harmlosen Geselligkeit bringt er es selten. Dasselbe ist auch mit der Wissenschaft des Judentums der Fall. Sie wird in der Regel mit einer gewissen Neugierde behandet, als etwas Fremdartiges, das unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, von dem man aber nicht weiß, wie man sich zu ihm stellen soll. Jedenfalls auf gleichem Fuß wie die andern wissenschaftlichen Disziplinen kann man das Judentum nichtbehandeln. Als die antisemitische Bewegung in Deutschland begann, trat bekanntlich der Historiker Treitschke mit seinen Anklagen gegen die deutschen Juden hervor; der jüdische Geschichtschreiber Grätz hatte ihn mit dem elften Band seiner „Geschichte der Juden," der im nationalen Ton gehalten ist, allzusehr geärgert. Mommsen übernahm damals die Verteidigung der Juden, und in seiner Polemik gegen Treitschke meinte er, dieser dürfte sich durch das Gebahren des „jüdischen Winkelhistorikersiw nicht aufregen lassen. Dieser Vorfall, so einfach er auch an sich sein mag, spricht Bände. Das jüdische Volk ist ein Paria, die Wissenschaft des Judentums ist eine „Winkelwissenschaft" und der jüdische Geschichtschreiber ein „Winkelhistoriker". Für die gebildete Welt, die sich nicht mit speziell wissenschaftlichen Forschungen befassen kann, ist heutzutage das Konversations-Lexikon die beste Quellt aus der sie alles schöpft, was man so im Leben wissen muß. Selbst der Gelehrte ist bei der heutigen Spezialisierung der Wissenschaft zumeist genötigt, in allen Zweigen des menschlichen Wissens, die nicht zu seinemFache gehören, in einem Konversations-Lexikon Auskunft zu suchen.. Auch der Fachgelehrte wird schließlich zu diesem unentbehrlichen Buche greifen, um rasch ein Datum oder eine Zahl festzustellen. Allerdings wird er in vielen Fällen, wenn es sich um jüdische Dinge handelt; eine unangenehm j Enttäuschung erleben. Der Wissenschaft des Judentums wird ein sehr knapper Raum gewährt, die jüdische Literatur, und insbesondere die hebräische neuerer Zeit, wird kaum erwähnt. Bedeutende jüdische Gelehrte oder sonst hervorragende jüdische Persönlichkeiten werden sehr häufig übergangen. In der neusten Jubiläumsausgabe des Brockhaus-Lexikonsfehlt beispielsweise Gabriel Riesser, der, abgesehen von seiner Bedeutung im Kampf der deutschen Juden um ihre bürgerlichen Rechte, durch seine hervorragende Stellung im ersten deutschen Parlament neben so vielen unbedeutenden, vergessenen und verschollenen Personen arischer Abstammung gewiß ein Plätzchen im Lexikon verdient hätte. Gehörte er doch dem Präsidium des ersten deutschen Parlamentes an und ebenso der Deputation, welche dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. im Namen der deutschen Volksvertretung die deutsche Kaiserkrone angeboten hat. Unter solchen Umständen darf man sich nicht darüber wundern, wenn jüdische Gelehrte auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums nur in den seltensten Fällen für würdig befunden werden, im Lexikon vermerkt zu werden. Die neuste (sechste) Aufjage von Meyers Konvesations-Lexikon hat nach dieser Richtung erfreulicherweise einen Fortschritt aufzuweisen. Da ist überhaupt das Judentum und alles, was die Juden betrifft, viel eingehender behandelt. So ist es beispielsweise eine dankenswerte Neuerung, daß eine statistische Bevölke rungskarte der Juden in Deutschland gegeben ist. Der Artikel über jüdische Literatur ist zwar äußerst knapp gehalten, aber jedenfalls bis auf die Gegenwart fortgeführt. Zu wünschen wäre nur, daß bei den nächsten Auflagen mehr als eine bloße Namensnennung --geboten würde. Man kann es ja begreifen, daß ein Konve;- sations-Lexikon sich nicht in speziellen und ausführlichen Forschungen ergeht; die Rücksicht auf die Raumknappheit darf nie außer acht gelassen werden. Aber e-.w Viertelbogen mehr würde in diesem Falle viel airmächen. Ebenso ist es eine erfreuliche Neuerung, de der jüdisch-deutschen Literatur, dem sogenannten Jargondieses Mal mehr Beachtung geschenkt wird. Es werden sogar bekannte zeitgenössische jüdisch-deutsche Dichter und Schriftsteller erwähnt1. Aber auch diesbezüglich dürfte man etwas mehr Ausführlichkeit wünschen. Drei bis vier Spalten würden für diesen Zweck wohl ausreichen. Hingegen muß anerkannt werden, daß bezüglich der Gelehrten auf dem Gebiet der Wissenschau des Judentums jeder billigen Forderung nachgekommen ist. Beim zufälligen Nachschlagen fand ich folgende jüdische Gelehrte mit genügender Ausführlichkeit behandelt, die in den anderen Lexika fehlen: Bacher, Berliner, Braun, N. Brüll, Salomon Buber, Zacharias Frankel, Jakob Freudenthal, Güdemann, Herzfeld, Herz!. Holdheim, Abraham ibn Esra, Manasse* ben Jsraei Manuel Joel, Jost, David Kaufmann, Jakob Levi, S. H-