Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIES$KELT No. 43 so etwas wie eine Befreiung von der Strenge der Dinim verkündeten und daß Rabbi Israel Baal-Schern aus Meschibesch *nach dieser Richtung etwas reformatorisch angehaucht war. Ein durchgeistigter Mystiker, ein weissagender Askete, ein Heiliger, dessen poetische Empfindung und ehrliche Unmittelbarkeit die Volksseele bewegte, könnte Anspruch darauf erheben, irgendwelche neue Richtungen anzubahnen. Dazu ist ein großer Zug ins Mystische notwendig, und er muß ungezwungen, naturwahr aus den Tiefen des Volkes unmittelbar hervorwachsen. Daß die künstlichen Experimente zur Verschönerung, Veredelung und Modernisierung des „Kultus" ein Unternehmen der Assimilation sind und ihren Zwecken dienen, das kann keine Rabulistik aus der Welt schaffen, und die Geschichte dieser Abenteuer beweist denn auch zur Genüge, daß die Assimilation stets zielbewußt diese Versuche in den Dienst ihrer Bestrebungen zu stellen gewußt hat. Da ist kein Aufflackern religiöser Gefühle und kein Hang zum eignen Volkstümlichen (das die Hauptkraft der christlichen Reformation war) — sondern ein kühler Opportunismus. Nicht der heiße Glaube ist die Triebfeder dieses Schaffens. Frau Tendenz neigt den scharf geschnittenen, ernsten und würdigen Kopf über die Wiege der „Reform". Das unabhängige eigene Motiv tritt in den Hintergrund vor den Rücksichten auf das Milieu, auf die Mode, auf den Augenblicksgeschmack, die nun auch im „Judentum" energische Beachtungfordern. Die nationalen Geschmacksrichtungen — nicht die jüdischen, sondern die fremden — erzwingen sich den Eintritt in den Phantasiekreis des jüdischen „Kultus." Man sagt, man wolle nicht länger jüdisch-national sein, man ziehe es vor, allgemeinmenschlich zu werden, mit monotheistischer Mission und dergleichen, aber man wird nicht allgemein-menschlich, sondern germanisch, slavisch oder gallisch. Das ganze Vorgehen ist nur ein Vorwand zur Verdeckung assimilatorischer Zwecke. Das Judentum soll nicht als Volkstum streben und hoffen. Ein Gesamtjudentum soll nicht bestehen; es soll zerschnitten werden, als entwirklichter Schatten einer Konfession soll es so wrenig als möglich hervortreten, die jüdische Nationalsprache soll auf ein Minimum reduziert werden — wie ein entfernter Duft, wie ein zarter, leichter Flaum. Dadurch wird der Kultus lokalisiert, er entlehnt das Vorbild der (in Macht oder Mode) herrschenden Kirche, die Anklänge werden immer deutlicher, die Ecken und Kanten der jüdischen Abgesondertheit werden abgestumpft; es bildet sich ein Landesjudentimu das dem Judentum anderer Länder durch das Hervortreten des Lokalcharakters, durch die Schwächung der hebräischen Sprache und die Geltendmachung des Kultus als der einzigen Lebensform eines Judentums und*als dessen Mittelpunkt die Predigt in der Landessprache — entfremdet und auf den Isolierschemel gesetzt, der Landesbevölkerung aber immer näher gerückt wird. Es soll zugestanden werden, daß, wenn man wirklich die Nivellierung des Judentums bezweckt, so ist dieses System sehr gut ausgeklügelt. Es ist nicht neu. Man hat auch in Deutschland von einer Belebung des Judentums gesprochen. Man sprach auch von der Anbahnung besserer Verhältnisse zu den Völkern usw. Die Sache hat jämmerlich Fiasko gemacht. Weder ist es gelungen, eine neue jüdische Andacht zu schaffen, noch sind die Anklagen gegen das Judentum, >die von böswilliger Seite erhoben werden, zum Stillschweigen gebracht worden. Zwar bemühen sich noch nmanche Optimisten krampfhaft, zu schildern, wie wohl :man sich beim Sonntagsgottesdienste usw. fühlt, wie /das religiöse Gefühl gestiegen ist, wie die jüdischen Gemeinden im Blühen begriffen sind, wie die Orte, in denen Zion aus den Gebeten ausgemerzt worden ist, i Brennpunkte aufstrebender jüdischer Kultur bilden.; Aber diese Schönfärberei ist denn doch zu durchsichtig.; Tatsächlich hat die „Reform" elend Schiffbruch gelitten. Das „Judentum" ist auf ein paar pathetische Momente im Laufe des Jahres beschränkt worden — und auch < diese erblassen immer mehr. Einen Kultus — alle diese Begriffe sind fremd und nachgeahmt — technisch interessant und virtuos zu machen, ist eine Sache von kurzer Dauer, denn die neuesten Dinge werden schnell monoton und geschmacklos, und dieselben Leute, die in der ersten Zeit vor solchen Effekten erschauernd zusammenknicken, werden über kurz oder lang stumpf und blasiert. Was ist erreicht worden? Die Hauptquelle, -aus der die Kraft des Judentums blüht, ist nicht die Gestalt des Ständers, des Almemars. Die Koloratur des Kantors, die Phrase der Obersetzer, — all diese Dinge, die so absurd übertrieben aufgebauscht werden, sind Äußerlichkeiten ohne Wert. Die Kraft des Judentums besteht in der Lehre, im Wissen, im Verbreitungsgrade dieses Wissens im Volke. Wir verkennen die Schwierigkeit nicht, das Judentum im Goluth zu erhalten, aber sie soll nicht noch schwieriger gemacht .werden durch Versuche, die überall gescheitert sind und scheitern müssen. Ja, in Deutschland hatte wenigstens die Reform eine grandiose Allüre, eine Geste. Die Reformatoren veranstalteten synodale Versammlungen, es waren darunter Männer von Geist, von einer zu großen Vertrauensseligkeit in die Macht ihrer Beschlüsse, oftmals parteiisch, leidenschaftlich, aber es war doch ein gewisser Ernst dabei. Das, was jetzt in Frankreich gemacht werden soll, ist die Dekadenz der Reform. Daß ein reicher Kerl Auftraggeber des Predigers sein kann — diese moderne Ausgeburt eines „Judentums" kam noch nicht in der Synodalreformzeit zur Geltung. Jetzt erst wird diese Mißgestalt deutlich. Das Gebetbuch in den Dienst der Gleichmacherei zu stellen ist das Bestreben einiger •bequemer Großjuden, die im Grunde keine Juden sind. Anpassung an das Milieu — also vielleicht „Sch'ma" unter dem Klange der Marseillaise? Alles läßt sich machen. Man nennt dies Kultur und fühlt nicht, wie rückständig, wie barbarisch man verfährt. Eine Werkstatt der Gebete! Monsieur so und so wird sich hinsetzen und französische Gebete schreiben! Ein Sujet für Ansichtspostkarten! Die Herren sprechen von einem Kultus nicht wie Juden, nicht einmal wie feinfühlende Menschen. Worin besteht denn eigentlich der moralische Wert des Kultus? Darin, daß er uns in eine Gefühls¬ und Gedankenwelt einläßt und uns die alten Regungen vermittelt. Ich weiß nicht, wer das Gebet geschrieben hat. Und das ist gut, daß ich es nicht weiß. So habe ich volle Freiheit, zum Autor zu machen, wen ich will und mir alles nach meinem Belieben auszugestalten. Es sind keine ausgearbeiteten, wohlüberlegten Aufsätze — es sind von einem Zauber der Tradition umflossene, hochsinnige Allegorien, voll Einsamkeit und Größe, Träume, und zuweilen auch . . . Zorn. Sie stehen unnahbar hoch, weil sie echt sind; es sind Anknüpfungen