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Die Welt · 1907-10-25 · 43 (25.10.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KÖLN. AM RHEIN UBIERRING 23 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 25. Oktober 1907■ imirfc üSnn'« ]M£tn :% No. 4$. EXPERIMENTE Eine Menge Zeitungsnotizen, Interviews und Feuilletons von der Höhe des „Temps" bis herunter zum Petit Parisien" nebst Abklatschen in andern Sprachen und Ländern meldeten neulich über etwas „Großes" und ..Epochemachendes", das im „FranzösischenJudentum" vorgehen soll. Eine Reform! Drollig-ernst und stupid .rzählt ein Causeur im „Figaro", wie „Die Synagoge" ich erneuern wird, um „nicht länger durch altertümliches Rüstzeug in ihrer Tätigkeit behindert zu sein." (um „Matin" kam ein Reporter, geschwollen von Vichtigtuerei, mit „Neuesten Nachrichten" gerannt, üe er von einem „rabbin", einem echten gestempelten ..rabbin" und von einem „Konsistoriumsmitglied" über Jie „Reform" gehört hat. Mit einem Worte: eine mit noderner journalistischer Technik tüchtig betriebene Stimmungsmache, mit dröhnender Reklame, mit marktschreierischer Lobhudelei und mit Phrasen, die in Frankeich feil wie die Brombeeren sind. Für Kenner der jüdischen Zustände in Frankreich >t dieses Auftreten keine Überraschung. Es gärte ■'ort schon lange in einem kleinen Kreise von Ästhetikern nid Dilettanten, denen das „Judentum" wie eine Kugel m Bein hängt und die in der lächerlichen Rolle kon- "ssionellerZeremonienmeister undBetmaschinisten etwas \eues fabrizieren möchten. Aber Zadoc Kahn stand ■iiesem Anschauungsweise kühl und ablehnend gegenüber — und das genügte. Nun ist Zadoc Kahn tot. He Rücksichtnahme fällt jetzt fort, und da schössen sie!S. Das Konsistorium ist auch nicht mehr da; was ■nan erbaut, geformt, zusammengeschweißt mit dem; iammer des Konkordats, wurde nun jetzt durch die Separation" verweht und ist versunken. Man muß jetzt ine neue Organisation schaffen, ein neues Verhältnis :i den staatlichen Behörden bilden, neue Einnahmequellen entdecken, die früheren Autoritäten durch neue Kompetenzen ersetzen. Vereinigt in dem Bewußten einer notwendigen Selbsterhaltung, müßte das französische Judentum jetzt doppelt beflissen sein, alles 'H vermeiden, was im Laufe dieses schwierigen Um- 1 ^'mungsprozesses Streit, Krisen und gegenseitige ■ xhädigungen der verschiedenen Parteirichtungen hervorzurufen geeignet ist. Und gerade diesen Moment benutzt die Reformsucht zur Durchsetzung ihrer zurückgestellten alten Pläne. Die Reform war seit jeher ein Lieblingssport der Assimilation. Man nennt diese Experimente Reform, aber eigentlich ist es eine Verhöhnung des Begriffs, der mit dem Wort verbunden ist. Reformiert kann nur dasjenige werden, das seinem Wesen nach mehr Form ist; das Jüdische ist keine Form, die reformiert werden kann, — es ist eine Lehre, eine Lebensanschauung, ein Ideenkomplex in einem engen, inneren Zusammenschluß mit einem Volkstum. Das Judentum als Konfession mit einigen Dogmen und so oder anders geformten liturgischen Handlungen aufzufassen, heißt seine Prinzipien verachten und seinen Inhalt verkennen. Durch tausendfältige Fäden sind die Gesetze und Bräuche mit dem Stammland des jüdischen Volkes verbunden, über alle Feste und Fasttage schlingt sich als gemeinsames Band das Nationale, und alles wurzelt in der Geschichte! So ist das Judentum, und an diesem Grundwesen ist nichts zu ändern. Es hilft nichts, wenn man einen „rabbin" anstellt, ihn in einen schwarzen Mantel steckt, mit einem flachen Filzhut, damit er womöglich einem „abbe" ähnlich sehe, und daß er aut der Kanzel nur französisch parliere. Diese gemachten Dinge wirken grotesk und fratzenhaft; sie sind die bleichen Blüten des Todes. Ein kalter Nebel schlägt uns schon aus der Entstehung dieser Surrogate entgegen: Verärgertheit und Begräbnisstimmung. Keine wurzelechten religiösen Triebe, keine Ekstasen, — und wer weiß es nicht, daß Reformatoren Fanatiker sein müssen? Was sie für unecht halten, streifen sie ab, — und sie vermögen es, einen Anhang zu finden, nur weil sie für das, was sie beibehalten, tiefdurchdrungen, begeistert und durchglüht sind. Luther war ein eifriger Zelot für das, was er als echt betrachtete, und darin bestand seine Kraft, Reformatoren, wenn sie wirklich diesen Namen verdienen wollen, müssen vor allem zu sich selber vordringen, zu ihrem eigenen Schrifttum, zu ihrem eigenen Volke, sie müssen sich liebevoll in ihre Volksmasse versenken und von ihr die Weihe und die unmittelbaren Impulse erhalten. Es ist stark übertrieben, jedoch nicht ganz unbegründet, daß die Anfänge des Chassidisrnus

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