Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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20 DIESEL! iNo. 42 griffe der Herren Rabbiner Dr. Horowitz und Loeb zu verteidigen, doch blieb seine lendenlahme Erwiderung sichtlich ohne Eindruck. Auf dem Kongresse waren nicht nur Vertreter der Staatsregierung, wie z. B. des Preußischen Handelsministeriums, sondern auch Vertreter der obersten kirchlichen Behörden, wie des Preußischen Oberkonsistoriums, des Bischofs von Würzburg etc. anwesend. So haben die Verhandlungen des Kongresses, wenn sie auch die Gesetzgebung nicht unmittelbar beeinflussen, doch immerhin eine gewisse Bedeutung. Um so wichtiger ist es, daß durch den Mund berufener Vertreter die Forderungen, die die gesetzestreuen Juden in Sachen der Sonntagsruhe mit ruhigem Gewissen erheben können, in ausreichendem Maße zu Gehör gebracht wurden. Über kurz oder lang muß ohnedies eine Regelung der Sonntagsruhe eintreten; es steht zu hoffen, daß bis dahin diese Anregungen entsprechend Früchte zeitigen. NOTIZEN Die Wahl des Großrabbiners von Frankreich Seit dem Tode Zadoc Kahns (das ist also seit fast zwei Jahren) ist der Posten des Grandrabbins von Frankreich nicht wieder besetzt. Die Schwierigkeiten, die sich aus der durch die Trennung von Staat und Kirche bedingten Neuordnung der Kultusverhältnisse ergaben, ließen eine Neuwahl bisher nicht zu. Eine Zeitlang war davon die Rede, überhaupt keinen Großrabbiner mehr einzusetzen, sondern den Gemeinden die autonome Regelung ihrer Kultusangelegenheiten zu überlassen. Indessen ist man von dieser Meinung wieder abgekommen und hat beschlossen, die Neuwahl bald vorzunehmen. Sie soll erfolgen, sobald das neue Konsistoriuni gewählt sein wird. Dieses wird aus ungefähr 30 Mitgliedern bestehen, nämlich aus je einem Delegierten für 200 Wähler. Paris allein wird 10 Delegierte entsenden können. Für die Wahl des Großrabbiners wird das Konsistorium verdoppelt, d. h. es .werden noch 30 Delegierte für diesen einen Fall besonders hinzugewählt. Als aussichtsreiche Kandidaten werden genannt die Herren: Israel Levi, Rabbiner von Paris und ein Schwiegersohn Zadoc Kahns, J. H. Dreyfuss, Hauptrabbiner von Paris, Alfred Levy, Hauptrabbiner von Lyon, Isac Levy, Hauptrabbiner von Bordeaux, Lehman, Direktor des jüdischen Seminars und Blue, Hauptrabbiner von Nancy. Wie man sieht, stehen so ziemlich alle bedeutenderen Rabbiner Frankreichs auf der Kandidatenliste. Trennung von Staat und Kirche in Algier Das „Journal Officiel" veröffentlicht die Bekanntmachung, die bestimmt, daß das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat vom 1. Januar 1908 ab auch in Algier in Geltung tritt. Das Gesetz wird für die Verhältnisse der jüdischen Kultusgemeinschaft von schwerwiegender Bedeutung sein. Denn die algerischen Juden, nach den letzten Zählungen ca. 62 000, rekrutieren sich meist aus den unbemittelten Schichten und dürften kaum in der Lage sein, die Kosten ihres Kultus aus eigenen Mitteln zu tragen, wie es das neue Gesetz verlangt. Daher haben denn auch die Vorsteher der algerischen Gemeinden eine Eingabe an das Ministerium in Paris gerichtet, in der sie die Lage der algerischen Gemeinden schildern und um die Unterstützung des Konsistoriums bitten. Eine Folge des Gesetzes dürfte daher denn auch eine engere Verbindung zwischen algerischen und französischen Juden sein. Denn während* bisher die algerischen Gemeinden ziemlich unabhängig waren, sind sie nunmehr gezwungen, die Subsidien des französischen Konsistoriums anzunehmen und sich unter die Autorität dieser Behörde zu stellen. Judentaufen j_n Bulgarien Der heilige Synod veröffentlicht in seinem offiziellen Organ eine Statistik über die seit Errichtung des'Fürstentums zur orthodoxen Kirche übergetretenen Juden. Darnach haben sich in den letzten dreißig Jahren 74 Juden in Bulgarien taufen lassen. In dieser Zahl sind acht spaniolische Jüdinnen enthalten, die vor ihrer Heirat mit Christen übergetreten sind. Die übrigen Täuflinge waren hauptsächlich galizische, rumänische und russische Immigranten. Es ist kaum anzunehmen, daß die Taufbewegung in Bulgarien größere Fortschritte machen wird, und zwar nicht zum wenigsten deshalb, weil die Übergetretenen von der bulgarischen Gesellschaft und der Regierung nicht eben mit allzufreundlichen Augen angesehen werden. Der folgende Fall ist für diese Stellungnahme bezeichnend. Vor einigen Jahren kam ein russischer Jude mit seiner Familie nach Sofia. Er ernährte sich durch Stundengeben in christlichen Familien Da wurde im Gymnasium'in Sofia eine Stelle frei, und der Jude bewarb sich beim Minister um diesen Posten. Zur selben Zeil ließ er sich taufen und zwang auch seine Familie, das gleiche zu tun, mit Ausnahme eines Sohnes, der nach London auswanderte. Der Unterrichtsminister Dr. Schischmanow hatte bis dahin die Bewerbung des Juden unterstützt und ihm seine Förderung zugesagt. Als ei aber von seiner Taufe erfuhr, sandte er ihm seine Bewerbungs schreiben in Stücke zerrissen mit der Bemerkung zurück: Verräter ihres Volkes könnten nicht zur Erziehung der bulgarischen Jugend zugelassen werden. Anderseits muß allerdings hervorgehober: werden, daß die bulgarischen Juden selbst den Verkehr mit ihren abtrünnigen Brüdern nicht abbrechen. Ausgrabungen in Alexandrien M. Clermont-Ganneau hat gelegentlich der im Nordosten der Stadt Breccia unternommenen Ausgrabungen eine interessant Entdeckung gemacht. In einem Grabe fand er eine Inschrift mi; semitischen Schriftzeichen, und zwar zehn Buchstaben in rote; Farbe. Die Zeichen gehören dem aramäischen Alphabet an un<J tragen die Charakteristika der persisch-achämedischen Periode. M. Clermont-Ganneau hat festgestellt, daß es sich um den Grab stein eines Mannes mit Namen Akabia, Sohn des Elienai, handelt Die Inschrift wird wohl in die erste ptolemäische Epoche zi datieren sein. Die Lage des jüdischen Friedhofes in Alexandrien aus der vorchristlichen Zeit war bisher unbekannt. Die Ausgrabung des Grabsteins des Akabia mag als Beweis dafür angesehen werden daß er im Nordosten 3 Kilometer von der Stadt lag, in der Näh von El-Ibrahmieieh. Beiträge für die Hedschasbahn Bekanntlich wird die Kasse des Baues der Hedschas- oder Mekkii bahn durch Erträge gewisser Abgaben, Stempelsteuern und durci freiwillige Gaben gespeist, die aus aller Herren Ländern mohammedanischen Glaubens kommen. Manche dieser freiwilligen Spende: aus der Türkei sind wohl nicht ganz ohne Nachhilfe erlangt, s wird gelegentlich den Offizieren und Beamten ein Abzug vor Gehalt zu diesem frommen Zwreck gemacht. Nach dem letzte Ausweis des Hedschasbahnausschusses betragen die Einnahmen b; zum August 3 188690 türk. Pfd., voh denen noch ein Rest vo 651442 türk. Pfd. verblieben war, d. h. rund 12 Mill. Mark. Ii Monat August sind nach amtlichen Berichten 3733 türk. Pfd. allei aus den Beiträgen der Offiziere und Beamten, sowie aus eint Sammlung der Zeitung Vatan in Labore eingegangen. Die List erwähnt auch einen Beitrag eines italienischen Professors un zweier Hauptleute fremder Heere, der eine ist Tschanpin Kai chinesischer Muselman, der andre ist angeblich ein deutsche Artilleriehauptmann in Berlin. So berichten türkische Blätter. Jüdische Landflucht Wir lesen in der Neuen Preußischen Kreuzzeitung: Au Württemberg schreibt man uns: Es ist eine bekannte Tatsache daß sich die jüdische Landbevölkerung auf rapide Weise in du Städte zurückzieht. Selbst da, wo sich zwischen der christlicher Bauernschaft und den Juden ein durchaus freundliches Verhältni: seit langer Zeit erhielt, wie im Württembergischen und Hohen loheschen Frankenland, dem am meisten bäuerlichen Gebiet der